Theresa Klinglmayr, Fachbereich Kommunikationswissenschaft

In Resonanz mit Anderen: Kommunikation in soziokulturell diversen Kontexten

Wie kann Kommunikation zu einem respektvollen, solidarischen Zusammenleben in pluralisierten Gesellschaften beitragen? Diese Frage erweist sich in europäischen Ländern angesichts erstarkender Kulturessenzialismen (Reckwitz 2019) sowie kulturalisierender Diskurse um migrantische Andere und deren ‚Integration‘ (Hess/Moser 2009; Schinkel 2018) gegenwärtig als hoch relevant. Von Seiten der Kommunikationswissenschaft haben Konzepte interkultureller Kompetenz und interkulturellen Dialogs maßgeblich zum Verständnis der kulturellen Dimensionen sozialer Interaktion beigetragen; jedoch stoßen diese Ansätze des postpositivistischen Paradigmas (Holliday/MacDonald 2020) aufgrund ihrer oftmals neo-essentialistischen Zuschreibung kultureller Andersheit (Ferri 2018) sowie ihrer depolitisierenden Perspektive auf gegenwärtige Problemlagen (Phipps 2014) an ihre Grenzen, wenn es um adäquate Antworten auf komplexe soziokulturelle Realitäten geht.

Basierend auf dieser Kritik verfolgt diese Dissertation einen Ansatz, der interkulturelle Kommunikation als intersektionale, ko-konstruktive und subjektkonstituierende soziale Praxis versteht (Ahmed 2000; Nakayama/Martin 2014). Kommunikation, die angesichts einer Erfahrung von Andersheit bzw. Fremdheit stattfindet, kann aus einer normativen Perspektive als ‚erfolgreich‘ gesehen werden, wenn Resonanzen als Prozesse wechselseitiger Affizierung (Rosa 2016) entstehen. Das Potenzial von Resonanz als analytischer Kategorie ergibt sich dabei aus ihrem Fokus auf die affektiven Dynamiken von Kommunikation jenseits ‚rationaler‘ Verständigungsprozesse (Slaby/Scheve 2019) sowie aus ihrem nicht-essentialistischen Charakter, der es erlaubt, gelingende Kommunikation anhand intersubjektiver Erfahrungen zu begründen. Resonanz beschreibt in Abgrenzung zu Indifferenz, Repulsion und Entfremdung einen spezifischen Beziehungsmodus (Rosa 2016), der Erfahrungen des Berührt-werdens und dabei auch flüchtige Momente bedeutungsvoller Verbindungen umfasst (Miller 2015; Mühlhoff 2014). Die Voraussetzungen dafür bilden kontextspezifische Machtdynamiken und Formen der Anerkennung; gleichzeitig ist Resonanz nicht mit Harmonie gleichzusetzen, sondern beinhaltet auch Dissens, Konflikt und Widerspruch (Rosa 2016).

Das methodische Vorgehen der Arbeit beinhaltet zwei Zugänge und hat zum Ziel, den komplexen, intersubjektiven Charakter von Interkulturalität zu erfassen und das Resonanzkonzept hierfür empirisch nutzbar zu machen. Zwischen Oktober 2021 und Mai 2022 werden fünf Gruppendiskussionen in Kombination mit Einzelinterviews durchgeführt. Die bewusst heterogen konzipierten Gruppen bestehen jeweils aus sechs bis neun Individuen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Bildungsstands sowie mit und ohne Migrationsbiografie. Drei Ebenen von Resonanzverhältnissen werden dabei analytisch adressiert: 1) die beobachtbare Ebene der Begegnung bzw. Interaktion und die affektiven Dynamiken und emotionalen Artikulationen, 2) soziale Anerkennungsbeziehungen und die in der Diskussion angesprochenen Möglichkeiten des Sprechens sowie 3) individuelle Reflexionen der Erfahrungen in der Diskussion, die in anschließenden Einzelinterviews thematisiert werden. Den zweiten methodischen Zugang stellt die längerfristige Beobachtung eines Projektes dar, das sich dem „interkulturellen Austausch“ verschrieben hat. Ziel dieser Beobachtungsphase, die im Sommer 2022 beginnen soll, ist es, sprachliche ebenso wie leibliche Resonanz- und Entfremdungspotenziale und Prozesse der wechselseitigen Affizierung in interkulturellen Situationen in den Blick zu nehmen.

 

Literatur

Ahmed, S. (2000): Strange Encounters. London/New York: Routledge.

Ferri, G. (2018): Intercultural Communication. Cham, Switzerland: Palgrave Macmillan.

Hess, S./Moser, J. (2009): Jenseits der Integration. Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer De-batte. In: Hess, S./Binder, J./Moser, J. (Hg.): No integration?! Bielefeld: transcript, 11-25.

Holliday, A./MacDonald, M. (2020): Researching the Intercultural. Applied Linguistics 41(5).

Miller, V. (2015): Resonance as a Social Phenomenon. Sociological Research Online 20(2).

Mühlhoff, R. (2014): Affective Resonance and Social Interaction. Phenomenology and the Cognitive Sciences.

Nakayama, T. K./Martin, J. (2014): Ethical Issues in Intercultural Communication Competence. In: Chen /Day (Eds.): Intercultural Communication Competence. Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars.

Phipps, A. (2014): ‘They are bombing now’: ‘Intercultural Dialogue’ in times of conflict. Language and Intercultural Communication 14(1).

Reckwitz, A. (2019): Kulturkonflikte als Kampf um die Kultur: Hyperkultur und Kulturessenzialis-mus. In: ders.: Das Ende der Illusionen. Berlin: Suhrkamp, 29-61.

Rosa, H. (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

Schinkel, W. (2018): Against ‘immigrant integration’: for an end to neocolonial knowledge produc-tion. Comparative Migration Studies 31(6).

Slaby, J./Scheve, C. von (Eds.) (2019): Affective Societies. London/New York: Routledge.