Was weiß man schon und welche Lücken will „MENTORIAL“ füllen?

Wirkungsforschung als Hauptzugang zu Mentoring-Projekten

Generell werden Mentorenschaften im (sozial-)pädagogischen und sozialarbeiterischen Bereich oft als Instrument der Persönlichkeitsentwicklung verstanden. Ihre positiven Wirkungsmöglichkeiten für die Mentees werden auch immer wieder wissenschaftlich belegt, meist im Rahmen quantitativ angelegten, wirkungs- und messorientierten „Vorher-Nachher“-Studien.
Dagegen fokussiert das Projekt MENTORIAL als Folge aus den Ergebnissen zum Patenschaftsprojekt „Open.Heart“ das das biographische „Sense-Making“ erwachsener Ehrenamtlicher in Youth Mentoring Programmen im Verlauf der Zeit.

Forschungslücken im internationalen „State of the Art“

Im internationalen Kontext lässt sich kaum eine umfassende Untersuchung von „Patenschaften“ oder anderen Youth-Mentoring Ansätzen in der Arbeit mit jungen Geflüchteten bzw. „separated refugees“ finden. Gleichfalls liegen kaum Erkenntnisse zu Youth Mentoring mit anders sozial benachteiligten und strukturell diskriminierten Jugendlichen vor. Noch seltener wird ein qualitativer Blick auf die freiwilligen MentorInnen gerichtet, um mögliche Bedeutungszuschreibungen und das Beziehungserleben auf einer persönlichen und biographischen Ebene aus der Perspektive der „Erwachsenen“ zu untersuchen.
Dabei wäre anzunehmen, dass gerade die Zuschreibungen und Bedeutungen auf biographischer Ebene auch der MentorInnen – also das „Sense Making“ – grundlegend dafür sind, was sich in Mentorenschaften entwickeln kann, bspw.

  • hinsichtlich des persönlichen Lebens („personal life“) sowohl der Jugendlichen als auch der MentorInnen,
  • hinsichtlich sozialer Unterstützungsdimensionen und, nicht zuletzt,
  • hinsichtlich  der sozialen Sicherungsfunktion,

die solche „privaten“ Hilfearrangements für die jungen Geflüchteten in ihrer prekären Lebenslage einnehmen können.

Unsere Ahnung: Realisierte Patenschaft und Biographie hängen eng zusammen

Aus der vorangehenden, explorativen Studie zum Youth Mentoring Programm „Open.Heart“ heraus zeigen sich deutliche Hinweise: Vor allem die biographische Rückbindung der Beziehung für „PatInnen“ in der „Länge“ und „Breite“ ihres Lebens dürfte eine große Rolle dafür spielen, was von den Erwachsenen im Laufe der Zeit in den Interaktionen mit den Jugendlichen, mit dem sozialen Umfeld und mit sich selbst als „Patenschaft“ hergestellt wird. Bisher liegen hierzu international keine Daten vor.

Die Konsequenz: eine biographisch-narrative und prozessbezogene Perspektive

Vor allem vor dem Hintergrund eines Interesses an neuen Institutionalisierungsformen von sozialen Hilfen im breiten Feld der Kinder- und Jugendhilfe und sozialen Sicherungsarrangements halten wir es für unabdingbar, dies in einer prozessualen Forschungsperspektive zu untersuchen. Nur durch die Erhebung biographisch-narrativer Daten zu zwei oder mehreren Zeitpunkten lässt sich nachvollziehen, wie die Bedeutungszuschreibungen sich gerade durch eine Beziehungsausgestaltung über einen längeren Zeitraum hin verändern.
So können bspw. Rückschlüsse gezogen werden, wie sich die ursprünglichen Deutungsangebote, die das Youth Mentoring Programm mit seiner „PatInnen-Ausbildung“ ebenso anbietet wie die gesellschaftlich und organisational existierenden Mehrheitsperspektiven auf „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, die die PatInnen vor ihrer Beziehungaufnahme mit einem Jugendlichen zur Orientierung auf ihr zukünftiges Handelns nutzen, im Laufe der Zeit möglicherweise durch die Entwicklung einer persönlichen Beziehung verändern.
Eine solche prozessuale Perspektive auf Youth Mentoring Programme stellt weltweit betrachtet eine Forschungslücke dar. Dies gilt einmal mehr für Mentoring-Ansätze für benachteiligte Jugendliche, insbesondere im Kontext von Flucht und migrationsbedingten Übergängen in Biographie und Lebenslauf.