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Futures Literacy: Krisennarrationen von Kindern als Räume von Utopien der Solidarität

FUTURES LITERACY CHILDREN – Children’s narrations of crises framing utopias of solidarity

Projektleitung

Univ.-Prof. Dr. Wassilios Baros (Bildungsforschung, Erziehungswissenschaft) & Univ.-Prof.in DDr. Ulrike Greiner (School of Education)

Projektmitarbeiterinnen

Herlinde Aichner, Aida Delic, Paraskevi Fanarioti, Mishela Ivanova, Ioannis Kourtis 

Inhalt

Das Futures Literacy Projekt situiert sich vordergründig in einer schulischen Aufgabenstellung zum Erwerb von Schreibkompetenzen. Der Schreibanlass ist ungewöhnlich, aber hochaktuell: Schüler*innen sollen imaginativ-retrospektiv ihre Erinnerungen an die Zeit der sogenannten „Corona-Krise“ verschriftlichen. Auf der zweiten Ebene interessiert uns in den Darstellungen der Schüler*innen ihre Fähigkeit, durch die fiktive Darstellung der Vergangenheit auch Bilder der Zukunft zu entwerfen. Angelehnt an internationale Projekte zu Futures Literacy ( https://en.unesco.org/themes/futures-literacy) geht es uns in diesem Projekt um die kindliche Verarbeitung von Krisen und die Frage, ob Schreiben auch die schöpferische Kraft zu positiven Zukunftsbildern freisetzen kann und in welcher Weise das geschehen kann.
Zum Hintergrund: Der Erwerb von Textkompetenz (Vgl. zum Kompetenzbereich Verfassen von Texten an der Schnittstelle von Grundstufe, 4. Klasse, und Sekundarstufe I:  https://www.bifie.at/wp-content/uploads/2017/06/bist_de_vs_themenheft_vvt_2012-12-21.pdf) im Deutschunterricht und in anderen Fächern erfordert Schreibanlässe, die nicht immer gesellschaftlich relevante und für die Identitäsentwicklung von frühadolszenten Schüler*innen bedeutsame Fragestellungen aufgreifen. Im Falle des vorliegenden Schreibauftrags handelt es sich allerdings um ein besonders gelungenes Beispiel. Die angezielte Textsorte, eine schriftlich verfasste Erinnerungsrede, die allerdings in der Zukunft stattfindet, thematisiert das Futur II als Schreibhaltugn des „Es wird gewesen sein“. Die erzählte Welt ist dabei in der Gegenwart, die Welt des Erzählers in der Zukunft. Das erzeugt die Verschränkung von möglicherweise utopischem und dystopischem Schreiben zugleich, je nachdem wie optimistisch oder pessimistisch man den Ausgang der Corona-Krise bewertet. Der indirekte Gegenwartsbezug ist dabei aussagekräftig für die Einschätzung der Gegenwart.
Ausgelöst durch diese Aufgabenstellung für eine Hausübung aus dem Bereich produktive Textkompetenzen des Detuschunterrichts einer vierten Klasse Grundschule in Österreich, entstand die Idee, Schulen auf der Grundstufe und Sekundarstufe I aus drei oder mehreren europäischen Ländern einzuladen, ihre Schüler*innen im Alter zwischen 10 und 12 Jahren zu ersuchen, diesen Schreibauftrag ebenfalls zu erfüllen. Das so entstehende Textkorpus von (anonymisierten) Reden einer fiktiven „Großelterngeneration der Zukunft“ an ihre  – noch ungeborenen – Enkel über das Leben in der Zeit der Coronavirus-Krise dient der sozialwissenschaftlichen und erziehungswissenschaftlichen Forschung hier als Datenmaterial. Durch eine systematische Kombination von quantitativer Inhaltsanalyse des großen im internationalen Kontext verschiedener europäischer Länder gewonnenen Textkorpus einerseits und qualitativer Textanalyse andererseits, sollen typische narrative und argumentative Textmuster (Narrationsmerkmale) identifiziert und dadurch folgende sozialwissenschaftlich interessierende Fragestellungen behandelt werden: Inwieweit spiegeln sich sozialisationstheoretisch Erfahrungen des Brüchigwerdens kindlicher Orintierungen in der Frühadoleszenz mit der Erfahrung des Brüchigwerdens der Welt am Beispiel einer fundamentalen (gesellschaftlichen, ökonomischen, sozialen etc.) Krise, wie sie durch die Corona-Krise indiziert ist? Welche Themen tauchen in den Texten auf? Welche Narrationen zeigen sich als / in Textstrukturen? Welche argumentativen Muster und Modi der kindlichen Verarbeitung von Krise sind erkennbar? Welches Verständnis von Solidarität lassen kindliche Antizipationen von Szenarien einer intergenerationalen Transmission von Lebenserfahrungen (Beziehung bzw. Isolation, Mobilität, Existenzprobleme, etc.) in den unterschiedlichen europäischen Gesellschaften im Spiegel der aktuellen Krise erkennen?

Acquisition of writing skills (cf. competences regarding the composition of texts) at the transition point from elementary to secondary education phase, including but not limited to the school subject German language and literature, requires certain opportunities for writing, sometimes addressing topics by teachers that are not really relevant to societal demands or to early adolescents’ identity formation. In the case of this writing task at hand however, we deal with a positive example. The targeted text type is a speech in commemoraion of the Coronavirus-time, from the point of view of the future perfect in the sense of “It will have happened”. The actual period of time students write about is their present, while turning it into the past from the point of imagination. This creates an intersection of possible dystopian and utopian ideas at the same time, depending on one’s expectation of the way out of the Coronavirus crisis. The “hidden” reference to the present tells us something about the the writer’s expectations and view on the things happening in relation to his beliefs on life, world, society, self. Following you can read the task: Imagine you are a grandfather or a grandmother, 70 years later. You live in a society that remembers the horror of the Corona time and your grandchildren curiously ask you about your memories on that. Write down what you would tell them.  This actual assignment in productive writing of a German classroom  of an Austrian fourth grade primary lesson gave rise to the idea of inviting schools of primary and secondary education in three or more countries to assign their students aged between 10 and 12 exactly the same writing task. The created text corpus of collected anonymized fictive speeches representing a fictive grandparent generation telling their grandchildren about life in times of Coronavirus crisis serves as data for social- and educational-scientific research. By means of systematically combining quantitative and qualitative content analysis of the text corpus obtained in an international context, certain typical narrative and argumentative textual patterns shall be identified, leading to an enhanced understanding of the following social-scientific issues: How does a crumbling of the world, using the example of Coronavirus crisis, reflect on a crumbling of infant’s orientation in that world during early adolescence? What kind of topics are discussed in these speeches? What kind of narrations are revealed through textual structures?  What kind of argumentative patterns in “infant crisis processing” are visible?        Which understanding of solidarity can be discovered through these texts when it comes to children´s imagining different scenarios of intergenerational transmission of life experiences (mobility and immobility, relationship and isolation, danger´s invisibility but visibility of the consequences, political message to stand together without standing side by side ….. )

Projektpublikationen

  • Baros, W., Greiner, U., Ivanova, M, Delic, A. (2021). Perspektiven auf Schul- und Lebenswelten in Schüler/innen-Narrationen während der Corona-Krise im Frühjahr 2020. In: Zeitschrift für Bildungsforschung 11 (1).
  • Baros, W., Greiner, U., Delic, A., Ivanova, M. (2021). Children’s Crisis Narratives as Futures Literacy. In: Gugg, R., Baros, W., Coelsch-Foisner, S., Sünker, H. (Eds.), Utopie und Widerstand: Bloch Ideologiekritik und Bildung. Doppelheft in der Zeitschrift Conflict and Communication Online 21(2) (October 2021).
  • Greiner, U., Baros, W., Aichner, H., Fanarioti, V. (2021). Vergangenheit als Zukunft: Utopie in Krisennarrationen von Schüler*innen während der Corona-Pandemie. In: Gugg, R., Baros, W., Coelsch-Foisner, S., Sünker, H. (Eds.), Utopie und Widerstand: Bloch Ideologiekritik und Bildung. Doppelheft in der Zeitschrift Conflict and Communication Online 21(2) (October 2021).
  • Μπάρος, Β., Γκράινερ, Ου., Κούρτης, Ι., Φαναριώτη, Π. (2021). Γραμματισμός για το Μέλλον (futures literacy). Μεθοδολογικές προσεγγίσεις και ερευνητικά αποτελέσματα του προγράμματος FULIC. Στο: Θεωρία και Έρευνα στις Επιστήμες της Αγωγής Τεύχος 69 (in press)
  • Greiner, U., Baros, W., Delic, A., Aichner, H. (2021). Erfahrungsräume im Fallvergleich. Differente Narrationen von SchülerInnen über das Leben in der Corona-Pandemie. Zeitschrift Diskurs Kindheits- und Jugendforschung (geplant)
  • Baros, W. & Greiner, U. (2021). Futures Literacy Children (FULIC). International Action Art Department of Austria. Exhibition dedicated to the international womens day. Salzburg.