14.01.2011

PILLE BEEINFLUSST DENKFÄHIGKEIT

Männer und Frauen ticken nicht gleich. Der Grund dafür: Ihre Gehirne sind unterschiedlich. Und die Pille verstärkt den Unterschied. Belinda Pletzer, vierfache Magistra und zweifache Doktorin an der Universität Salzburg sorgte mit ihrer Dissertation weltweit für Aufsehen.

RedNawi_02_(4)-Kerschbaum-Pletzer[16425][1]

Belinda Pletzer mit Tochter Jara und Universitätsprofessor Hubert Kerschbaum | © Kolarik

Rund 100 Millionen Frauen nehmen die Pille. In den westlichen Industrienationen ist sie das am häufigsten verwendete Präparat zur Verhütung der Schwangerschaft. Hormonpräparate beeinflussen den weiblichen Körper. So kann die längerfristige Einnahme der Antibabypille das Risiko für die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs erhöhen. Außerdem führt sie in manchen Fällen zu unerwünschten Nebenwirkungen: Angefangen von Übelkeit oder Gewichtszunahme bis hin zu Bluthochdruck und Thrombosen.

Dass die Pille auch in die weibliche Gehirnstruktur eingreift war bislang unbekannt. Veränderungen der Gehirnstruktur bedeuten auch Veränderungen im emotionalen Verhalten. „Wir sind im Rahmen meiner Dissertation eher zufällig auf diese Spur gekommen“, sagt Belinda Pletzer. Gemeinsam mit ihrem Doktorvater Universitätsprofessor Hubert Kerschbaum vom Fachbereich Zellbiologie beschloss sie, zusätzlichen Fragen nachzugehen. „Wir dachten, wenn schon der Zyklus zu großen Schwankungen bei der Frau führt, muss auch die Pille erheblichen Einfluss haben“, so Kerschbaum. So wurden die Untersuchungen in drei Abschnitte gegliedert. Verglichen wurde die  Gehirnstruktur von Männer und Frauen, die Gehirnstruktur von Frauen vor und nach ihrem Eisprung, und schließlich die mit und ohne hormoneller Verhütung. Von allen Versuchspersonen wurden im Kernspintomographen hochauflösende Aufnahmen gemacht. Pletzer untersuchte den sogenannten graue Masse-Anteil in einzelnen Gehirnarealen, jeweils relativ zur Gesamtgehirngröße und machte erstaunliche Entdeckungen: Männer haben ein größeres Gehirnvolumen als Frauen, vor allem im Hippocampus, der Amygdala und dem Cerebellum. Damit haben sie die besseren mathematischen Voraussetzungen. Frauen haben vor dem Eisprung einen größeren Frontallappen. Durch die Pille vergrößert sich dieser noch weiter und das fördert die Denkfähigkeit.

Partner vor dem Eisprung suchen

Vor dem Eisprung vergrößert sich das Gehirnvolumen, vor allem im Parahippocampus und fusiformen Gyrus, zwei im Schläfenlappen befindliche Abschnitte der Großhirnrinde. Die zusätzliche Gehirnkapazität bleibt allerdings nicht lange bestehen. Unter dem Einfluss des Hormons Progesteron schrumpfen nach dem Eisprung die Gehirnareale wieder auf ihre ursprüngliche Größe. Durch das Gehirnwachstum können Frauen wahrscheinlich Gesichter, Orte und Körper besser erkennen. Beide Hirnareale gelten als Schlüsselstellen für diese Wahrnehmungen. Pletzer und Kerschbaum sind der Auffassung, dass die „Aufrüstung“ der beiden Gehirnareale den Frauen vor allem bei der Partnersuche hilft. „Frauen wären quasi vor dem Eisprung besser konditioniert, um den optimalen Partner auszuwählen“, sagt Pletzer.  

Bei Frauen die die Pille nehmen, sind frontale Areale sehr stark vergrößert im Vergleich zu Frauen, die nicht hormonell verhüten. Betroffen sind hauptsächlich jene Bereiche, die bereits größer sind als bei Männern, nämlich Hippocampus und Kleinhirn. Diese sind für Gedächtnis und Bewegungssteuerung zuständig. Die Pille könnte deshalb typisch weibliche Fähigkeiten wie ein gutes Sprachgefühl und ein gutes Erinnerungsvermögen verstärken, betont Pletzer. Grundsätzlich bedeutet aber eine Volumenänderung nicht automatisch mehr oder weniger „Leistung“ der betroffenen Hirnregion, zudem wirkt sich die Pille nicht auf alle Gehirnareale gleich aus.

Die Ergebnisse der Studie machten Furore und gingen um die Welt. Populärwissenschaftliche Zeitungen wie Fachpresse nahmen das Thema begierig auf. Pletzer gab Interviews für BBC, Scientific American oder Spektrum der Wissenschaften. Es gab Berichte in Asien, Russland und China. Bislang finden sich kaum Studien über die Anti-Baby-Pille. In weiteren Forschungen wollen Pletzer und Kerschbaum die Veränderungen des Gehirns und dessen Auswirkungen auf Verhalten und Fähigkeiten klären.

Spitzenkarriere für dreifache Mama

Belinda Pletzer ist 26 Jahre jung und Mutter von drei Kindern. Die Vielbeschäftigte plant schon ihr nächstes Vorhaben: Sie will zwei Jahre an der University of California/Irvine forschen. Dazu hat Pletzer ein Erwin Schrödinger Stipendium beim Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung beantragt. Nach Kalifornien möchte sie mit der ganzen Familie übersiedeln. „Ich habe mich schon erkundigt, der Campus ist sehr familienfreundlich“. Das Gute an diesen Stipendien ist auch, dass es auch eine sogenannte Rückkehrphase gibt, um an der Heimatuniversität wieder Fuß zu fassen. Wieder zu Hause angekommen, erhalten die Stipendiaten eine sogenannte Senior Postdoc Stelle.

Im Rahmen ihrer Dissertation wurde Pletzer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert. Unterstützung fand sie neben der fürsorglichen Betreuung durch ihren Doktorvater Professor Kerschbaum auch von vielen Kollegen, insbesondere vom Zentrum für Neurokognitive Forschung und dem Fachbereich Psychologie. Sie lernte bei Martin Kronbichler die Grundlagen der fMRT-Datenerhebung und die Professoren Heinz Wimmer und Florian Hutzler ermöglichten die Finanzierung der Versuchspersonengelder und der Publikation.

Auf die Frage, ob ihr noch Zeit für Hobbys bleibt meint sie: „Ich lese sehr gerne und habe auch viel gemalt, vor allem Öl auf Leinwand und Zeichnungen.“ Das Malen muss sie vorerst zurückstellen, und widmet sich mehr dem Basteln mit den Kindern. „Sie ist nicht nur eine außergewöhnlich begabte junge Wissenschaftlerin, Belinda kocht und backt auch noch sehr gut“, schmunzelt Doktorvater Hubert Kerschbaum.

Dissertation

„Stress, sex and mathematical problem solving: an integrative approach, including endocrinological, behavioral an brain imaging data”

Veröffentlicht in „Brain Research“

Zur Person

Belinda Pletzer wurde 1984 in Tirol geboren, ist in Oberösterreich aufgewachsen und lebt schon seit 7 Jahren in Salzburg. Sie hat mit ihrem Freund Wolfgang Berger drei Kinder: Julian 5, Samira 3 und Jara 7 Monate. Die vierfache Magistra und zweifache Doktorin studierte an der Universität Salzburg Biologie, Psychologie, Philosophie und Mathematik. Ihre Dissertationen schrieb sie in Philosophie und Zoologie. Sie ist an der Universität Salzburg bislang im Rahmen von Forschungsprojekten tätig.

Kontakt:

Univ.-Prof.Dr. Hubert Kerschbaum

Zelluläre und Molekulare Neurobiologie

Tel: 0662-8044-5667