05.07.2011

STRATEGIEN DER MACHT

Wolf Dietrich von Raitenau (1559-1612), legendärer Erzbischof von Salzburg, erneuert und reformiert sein Erzbistum wie kein anderer vor ihm. Er vollzieht den Übergang von der engen mittelalterlichen Stadt Salzburg in das barocke „Rom des Nordens“ mit dem Ausbau der Salzburger Residenz zu einem architektonischen Juwel, der Schaffung weiter Plätze und der Einführung eines Steuerstaates. Der Historiker Gerhard Ammerer und die Kunsthistorikerin Ingonda Hannesschläger legen einen umfassenden Band vor, der die Geschichte über die Salzburger Residenz sowie die Hofhaltung und Politik Wolf Dietrichs in neues Licht taucht.

100 Jahre lagen die Forschungen um die Salzburger Residenz im Dornröschenschlaf, denn die letzte Publikation dazu erschien im Jahre 1905. Seit 2006 beschäftigen sich Historiker,  Kunsthistoriker und Archäologen mit diesem bedeutenden Salzburger Bauwerk. „Sie liefern aufgrund des interdisziplinären Ansatzes die aktuellste Gesamtschau, der momentan laufenden Forschungen zu geistlichen Residenzen“, so der Kunsthistoriker Stefan Heinz von der Universität Trier. In der Zeit um 1600 zählte die Salzburger Residenz neben Prag und München zu den bedeutendsten Kunstzentren Mitteleuropas. Gerhard Ammerer und Ingonda Hannesschläger präsentieren die Ergebnisse in einem über 600 Seiten starken Werk, in das fünf Diplomarbeiten und eine Dissertation eingeflossen sind und das mit tatkräftiger Unterstützung der Direktorin der Residenzgalerie, Roswitha Juffinger, und des Landeskonservators Walter Schlegel entstanden ist.

Kunst, Kultur und Machtanspruch

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Die Salzburger Residenz

Kunst, Kultur und Machtanspruch

Als Wolf Dietrich sein Amt antritt ist er erst 28 Jahre alt und Italien, vor allem Rom sein großes Vorbild. Kein Wunder, denn dort verbrachte er seine Jugend- und Studienzeit. Der junge Erzbischof ist hoch gebildet und künstlerisch vielfältig interessiert. Seine Ideen bringt er zu Papier und lässt sie in seine Projekte mit einfließen. Leidenschaftlich sammelt er auf seinen Reisen Gold- und Silbergegenstände, Gobelins, Bücher und Drucke.

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Foto: Decken- und Wandmalerei im Wolf Dietrich Oratorium | © PLUS

Um das Leben nach seinem Geschmack zu gestalten und frei nach innen wie auch nach außen hin politisch agieren zu können reformiert Wolf Dietrich die Verwaltung und schaltet unliebsame Konkurrenten aus. Er will absolut regieren und zieht sein Vorhaben konsequent durch. „Das Mitspracherecht von Domkapitel, Ständen und Staat reduzierte er auf ein Minimum“, sagt Gerhard Ammerer. Wolf Dietrich führte ein ähnlich prunkvolles Hofleben, wie es auch an anderen Höfen zelebriert wurde, aber nicht mehr. „Das Image des Fürsten, der bislang als prunksüchtig galt muss revidiert werden“, so Ammerer. Die Wissenschaftler interpretieren die aufwändige Repräsentation vielmehr als Teil seiner politischen Strategie. „Sie stellte eine politische und soziale Notwendigkeit dar mit dem Ziel, die Gottgewolltheit der Regentschaft vor Augen zu führen und seine Reputation zu fördern.“ Der Erzbischof war darüber hinaus auch Reichsfürst am Reichstag und hat dort Politik gemacht. So ließ er dort beispielsweise besonders teuren süßen Wein servieren. „Auch das gehörte zu seiner Strategie.“ Eine wichtige diplomatische Ebene stellte außerdem die Kommunikation unter den Fürstenhöfen dar, wozu der Austausch von Geschenken gehörte. Einerseits wechselten nobles Geschirr, aber auch Falken oder besonders wertvolle Pferde den Besitzer, andererseits wurde intensiv über Kunst, Kultur und Politik debattiert. Die Fürsten waren untereinander verwandt und spannten ein Netzwerk, das sich über ganz Europa erstreckte.

Bautätigkeit und Steuereintreibung

Wolf Dietrichs Regierungszeit ist vor allem von einer außergewöhnlichen Bautätigkeit – mit oft bis zu 70 Baustellen in der Stadt – gekennzeichnet. Der weitgehende Neubau der Residenz und die großzügige Erweiterung des bischöflichen Palastes ab 1604 lag in den Händen des italienischen Architekten Vincenzo Scamozzi. Erstmals wurde auch ein eigenes Gebäude für die Pferde errichtet, der erzbischöfliche Hofmarstall. Die heutige Pferdeschwemme am Karajanplatz diente der Reinigung der Tiere. Der Residenzplatz, die größte und schönste freie Fläche im Herzen der Salzburger Altstadt verdankt sein heutiges Erscheinungsbild maßgeblich der unter Wolf Dietrich begonnenen und unter seinen Nachfolgern abgeschlossenen Umgestaltung des Stadtzentrums. Davor war diese Fläche dicht verbaut und zum Teil auch Domfriedhof.  „Um seine Vorhaben zu finanzieren etablierte er einen Steuerstaat, den es bis dahin nicht gab.“ Dazu reformierte und vergrößerte der Erzbischof die Verwaltung und führte Steuern und Abgaben ein. Damit vollzog sich in Salzburg der Wandel vom mittelalterlichen feudalen Lehensstaat zum frühmodernen Steuerstaat.

 Italienische Künstler verzieren die Residenz

Bedeutende italienische Stuckkünstler der Familie Castelli zogen im Sommer nach Salzburg und statten die Salzburger Residenz mit wertvollem Stuck und Ornamenten aus. Die Stuckkünstler hinterließen ihre Spuren von Oberitalien ausgehend über Böhmen bis nach Deutschland und in die Schweiz. „Überall finden sich die für die Künstlerfamilie typischen Putti und Figuren“, sagt die Kunsthistorikerin Ingonda Hannesschläger. Die schönsten Beispiele für italienischen Stuck finden sich in der Neuen Residenz, also den Räumen des heutigen Salzburg Museums, weitere, nicht so bekannte Dekorationen, haben sich in der Residenz erhalten. Bei den Stuckdekorationen und ornamentalen Malereien in der Salzburger Sala terrena (sie befindet sich in der heutigen Rechtswissenschaftlichen Fakultät) dürfte der Meister der Groteskenmalereien auf deutsch-niederländische Ornamentstiche zurückgegriffen haben, so Hannesschläger.  

Die aktuellen Forschungen zeigen auf, dass um 1600 Salzburg mit seinen Bauprojekten, der Hofkultur und seiner Kunstförderung ein Musterbeispiel erfolgreich inszenierter geistlicher Macht war.

Strategien der Macht, Hof und Residenz in Salzburg um 1600 – Architektur, Repräsentation und Verwaltung unter Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau 1587-1611/12. Herausgegeben von Gerhard Ammerer und Ingonda Hanneschläger. Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, 28. Ergänzungsband, 600 Seiten, Salzburg 2011. Das Projekt wurde für drei Jahre vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Ammerer

Fachbereich Geschichte

Tel: 0662-8044-4774

Univ.-Prof. Dr. Ingonda Hannesschläger

Fachbereich Kunstgeschichte

Tel: 0662-8044-4616