07.04.2011

UNIVERSITÄT SALZBURG: NEUE UNTERRICHTSMETHODE FÖRDERT KRITISCHES DENKEN UND SELBSTÄNDIGES LERNEN.

Mit der innovativen Unterrichtsmethode VaKE (Values and Knowledge Education) wird selbstständiges Lernen angeregt – sowohl bei SchülerInnen als auch bei Lehrpersonal. Ein FWF-Projekt ermöglicht nun, diese erfolgreiche Methode um eine Internetplattform zu erweitern.

Vake Forschungsprojekt der UniversitŠt Salzburg, Foto: Andreas Kolarik/Repolusk, 05.04.2011, Martina Nussbaumer, Projektkoordinatorin, Jean-Luc Patry, Alfred Weinberger, Kooperationspartner KPH Linz, Sieglinde Weyringer

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v.l.n.r.: Projektkoordinatorin Martina Nussbaumer, Universitätsprofessor Jean-Luc Patry, Alfred Weinberger und Dr. Sieglinde Weyringer | © Kolarik

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Jean-Luc Patry widmet sich seit 10 Jahren der Wertforschung | © Kolarik

Bereits 1998 startete am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Salzburg die Entwicklung der Unterrichtsmethode VaKE (Values and Knowledge Education). Als sinnvolle Ergänzung zum herkömmlichen Unterricht findet sie bereits in zahlreichen Forschungsprojekten Anwendung. Indem die TeilnehmerInnen ein besseres Verständnis für Werte entwickeln, profitieren sie auch im Hinblick auf mehr Sachwissen.

Unter der Leitung von Jean-Luc Patry bildete sich die Wertforschung im Laufe der vergangenen zehn Jahre am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Salzburg als Forschungsschwerpunkt heraus. Eingebettet in zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen wie zum Beispiel von Alfred Weinberger. Ausgehend von einem eigenen didaktischen Ansatz, der Unterrichtsmethode VaKE (Value and Knowledge Education), beschäftigt sie sich mit zentralen Fragen der Werterziehung und dem Wissenserwerb. Ziel von VaKE ist es, das erworbene Wissen anzuwenden sowie Verständnis für Werte und deren Anwendung in konkreten Situationen zu entwickeln. Zudem fördert diese Unterrichtsmethode das kritische Denken, das selbstständige Lernen der Jugendlichen und unterstützt ihre Problemlösungskompetenz sowie ihre Team-, Diskussions- und Argumentationsfähigkeit. Einsatz findet VaKE im schulischen und außerschulischen Bereich sowie in der Erwachsenenbildung. Diese innovative Methode ermöglicht es, Werterziehung im Unterricht zu integrieren, ohne dabei den Lehrstoff einzuschränken.

Aktuelle Forschung: Internetplattform

Weitere Forschung am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Salzburg dient der Verbesserung und Erweiterung der VaKE-Methode. Ein sogenanntes „TRP-Projekt“ (Transnational Research Project) wurde nun vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) für drei Jahre bewilligt. In diesem Rahmen soll die VaKE-Methode durch einen Internetauftritt und weitere Informationstechnologien erweitert werden. Sieglinde Weyringer: „In Zusammenarbeit mit Salzburg Research wird eine Internetplattform entwickelt, die die elektronische Durchführung von VaKE mit Hilfe verschiedener Funktionen, Dokumentationen und Beispielen erleichtern soll. So bieten wir auch ein zeitgemäßes Tool an. Von Forschungsseite her bewegen wir uns auf ganz neuem Terrain.“ Getestet wird die Internetplattform im kommenden Schuljahr an zwei Gymnasien in der Stadt Salzburg.

VaKE (Value and Knowledge Education): Innovativer Ansatz

Als innovativ gilt diese Methode in mehrfacher Hinsicht. Praktisch innovativ, da Moral- und Werterziehung mit Wissenserwerb kombiniert werden. SchülerInnen erwerben im VaKE-Unterricht mindestens ebenso viel Fachwissen wie im herkömmlichen Unterricht. Darüber hinaus entwickeln sie ein besseres Verständnis für Werte, was sich auf das soziale Umfeld positiv auswirkt. „Es ist also kein Wissen, das auswendig gelernt wird, sondern Wissen, das für jeden Einzelnen auch anwendbar ist. Diese Methode befasst sich hauptsächlich mit dem praktischen Aspekt, mit der Verwendung von Grundlagenwissen in der Praxis. Dieser Theorie-Praxis-Bezug ist eine ganz wesentliche Innovation und auch der zentrale Fokus von VaKE“, erklärt Jean-Luc Patry, der außerdem auch Koordinator der Special-Interest-Group für moralische demokratische Erziehung der EARLI (European Association for Research, Learning and Instruction) ist.

Auch was die Theorie anbelangt, hat VaKE großes Innovationspotenzial. Mehrere unterschiedliche Theorien aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen – von der konstruktivistischen Theorie, die sich auf Intelligenz und Wissen bezieht, über die konstruktivistische Didaktik und Moralentwicklung bis hin zum Sozialkonstruktivismus – werden aufeinander bezogen und in ein eigenes Konzept integriert. Patry zu einer weiteren Innovation: „VaKE ist Andockstelle für eine Vielzahl von Theorien wie der sozialen Interaktion und der Argumentation sowie philosophischen Theorien. Da geht es unter anderem um den Zusammenhang zwischen Sein und Sollen, dem zentralen Thema von VaKE.“

Moralisches Argumentieren – Im Alltag nicht die Norm!

Beruhend auf konstruktivistischen Prinzipien werden Werte und Wissen mit der VaKE-Methode nicht durch eine Lehrperson vermittelt – im Vordergrund steht das selbstständige und selbstorganisierte Lernen. Jean-Luc Patry dazu: „Es geht nicht darum, den Schülerinnen und Schülern Werte einzutrichtern. Das Entscheidende ist, dass sie sich im Hinblick auf die Argumentation zugunsten oder gegen Werte weiter entwickeln. Im Vordergrund steht das Argumentationsmuster, nicht die Werte selbst. Denn moralisches Argumentieren ist im Alltag nicht die Norm.“

Im VaKE-Unterricht werden SchülerInnen für Werte sensibilisiert: Anhand eines Dilemmas, das in einer Geschichte präsentiert wird und von einem Wertkonflikt ausgeht, konstruieren sie sich ihr Wissen selbst. „Dabei muss der Protagonist zwischen zwei Handlungen entscheiden. Egal welche er wählt, wird er gewisse ethische Normen durchbrechen. Durch die Diskussion solcher Dilemmata kommt es zu einer Weiterentwicklung im moralischen Bereich, zu einem immensen Interesse und einer unwahrscheinlich hohen Motivation der Schülerinnen und Schüler, nach weiteren Informationen zu suchen. Das führt dann zum Wissenserwerb“, so Patry weiter. Erweiterungen dieses prototypischen Verlaufs finden sich unter anderem bei VaKEdis-Projekten (Value and Knowledge Education differenziert, individualisiert und spezifiziert), bei denen es zusätzlich zu Phasen der Selbstreflexion des einzelnen Lerners kommt.

Große Erfolge durch VaKE-Methode

VaKE wurde im schulischen Bereich bereits erfolgreich im regulären Unterricht, im außerschulisch auch bei interkulturellem Lernen eingesetzt. Lernerfolg und Wissenserwerb der SchülerInnen durch VaKE sind sehr groß. Weil sich SchülerInnen anwendbares Wissen selbst aneignen, können sie damit besser umgehen als nach herkömmlichem Instruktions-Unterricht. Oftmals wissen SchülerInnen danach mehr als ihre LehrerInnen zuvor. Patry erläutert: „Die Selbstkonstruktion gegenüber dem ´Eingießen´ in den Nürnberger Trichter ist immens wichtig. Denn gießt der Lehrer nach diesem Prinzip Wissen einfach ein, können die Schülerinnen und Schüler die Lehrenden nie überholen.“

Sommercamps für Begabte: Platon Jugend- und Europaforum

Es ist ein Bildungsprojekt mit europäischer Dimension, das einen konkreten Beitrag zur Bewusstseinsbildung der europäischen Bürgschaft leistet. Diese Form der Wissensaneignung eignet sich speziell für begabte Lerner. Durch Unterstützung des Jubliäumsfonds der Österreichischen Nationalbank konnte erstmals im Jahr 2004 das Platon Jugendforum abgehalten werden. Seither treffen sich begabte Jugendliche auf Initiative von Universität Salzburg und des Vereins ECHA-Österreich (European Country for High Ability) jeden Sommer und diskutieren eine Woche lang zu einem bestimmten Thema. Sieglinde Weyringer, Organisatorin des Platon Jugend- und Europaforums, definiert den Begriff der Begabung in diesem Zusammenhang: „Bei der Auswahl der Teilnehmer aus ganz Europa zählen für uns nicht IQ-Punkte oder Schulnoten. Vielmehr gehen wir einen pädagogischen Weg: Wir kreieren ein Ereignis, das in sich ganz klar und hochanspruchsvoll ist. Die Jugendlichen müssen während dieser Projektwoche viel arbeiten, so sprechen wir die Hochleistenden und Hochmotivierten an. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten die Fähigkeit besitzen, hochkomplexe Themen bearbeiten zu können. Zudem müssen sie sich mit einem Motivationsschreiben bewerben.“

Heuer findet erstmals das Platon Europaforum mit dem Titel MaKE (Moral Action and Knowledge Education) statt. „Es ist sozusagen die Fortsetzung des Platon Jugendforums. Die Teilnehmer des Europaforums entscheiden selbst, welche Themen sie aus dem diesjährigen Jungendforum aufgreifen“, so Weyringer. Beide Foren finden in Obertrum bei Salzburg statt.

Kontakt:

Universität Salzburg

Fachbereich Erziehungswissenschaft

Akademiestraße 26

5020 Salzburg

O. Univ.-Prof. Dr. Jean-Luc Patry

Tel: 0662/80 44-4225