19.06.2012

ZUSATZANALYSE BESTÄTIGT PISA-ERGEBNISSE VON 2009

Unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder vom Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Salzburg wurden die Ergebnisse von PISA 2009 einigen Zusatzanalysen unterzogen: Sie bestätigen den PISA-Bericht: Österreichs Kinder werden im Lesen und im Schreiben kontinuierlich schlechter, ebenso in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Diese Ergebnisse basieren auf 16 ausgewählten Projekten österreichischer Bildungsforscher/innen, die sich teils auf den internationalen Datensatz von PISA, teils auf gesondert durchgeführte nationale Zusatzuntersuchungen beziehen. Die Autoren fordern strukturelle Änderungen im Pflichtschulsystem, wie etwa eine Gesamtschule für 10-14-Jährige.

Analysen zur Verlässlichkeit der Ergebnisse

Das Lesen und der Deutschunterricht

Die Analysen zur Qualität der Durchführung der PISA-Studie hätten keine Anhaltspunkte ergeben, die in PISA 2009 für Österreich berichteten Ergebnisse in Zweifel zu ziehen. Man könne vielmehr davon ausgehen, dass keine Verzerrungen der Repräsentativität vorliegen, die für den deutlichen Rückgang in der Lesekompetenz verantwortlich sein könnten, betont Professor Ferdinand Eder. Die Leistungsrückgänge seien vorrangig in den unteren Leistungsbereichen festzustellen, sodass gerade die Gruppe der schwächeren Schülerinnen und Schüler fortlaufend größer werde.  Analoge, wenn auch nicht so ausgeprägte Verschlechterungen im unteren Leistungsbereich fänden sich auch für Mathematik und Naturwissenschaften.

Das Lesen und der Deutschunterricht

Als Gründe für die Verschlechterung der Lese- und Schreibkompetenzen nennen die Autoren der Zusatzanalyse folgende Veränderungen: Die weite Verbreitung digitaler Medien führt zu grundlegenden Veränderungen von Texten und damit verbunden des Lesens und Schreibens selbst. Die 15-/16-Jährigen lesen und schreiben 2009 am häufigsten digitale Texte; das Mobiltelefon ist für viele Jugendliche das wichtigste literale Werkzeug. Die konventionell-papiergebundenen Lesemedien werden 2009 in vergleichbarem Ausmaß genutzt wie 2000; der Anteil der Jugendlichen, die das Buchlesen sehr intensiv in ihren Alltag integrieren, ist allerdings im Vergleich zu 2000 kleiner. Bei der Frage nach dem Stellenwert, den die 15-/16-Jährigen verschiedenen Lesemedien in ihrem Alltag geben, zeigt sich eine Dreiteilung zwischen einem sehr pragmatischen, auf Sach- und Alltagstexte ausgerichteten Leseprofil (46%), einem eher belletristisch orientierten, sehr vielfältigen Lesealltag (38%) und einem klar distanzierten Leseverhalten (ca. 17%). Das Schreiben integrieren knapp die Hälfte der Jugendlichen sehr vielfältig in ihren Alltag, jede/r Vierte in mittlerem Ausmaß. 29% schreiben nur sehr selten, am ehesten kurze und kürzeste Texte wie SMS und E-Mails. Jugendliche mit einem distanzierten Leseprofil schreiben auch selten.

Dass die an digitale Medien gebundenen neuen Formen von Lese- und Schreibfähigkeit von der Schule noch nicht wirklich aufgegriffen werden, zeigen die Analysen zum Deutschunterricht, dem Lesen als Trägerfach zugeordnet werden kann. Dort dominieren stark papiergebundene und traditionelle Textformen: auf der einen Seite belletristische Lektüre, auf der anderen Seite  Sachtexte. Der Umgang mit letzteren spielt in der Schule nur eine relativ geringe Rolle und fungiert häufig als Angebot für die leseschwächeren Schülerinnen und Schüler. Die Analysen zeigen insgesamt, dass die Lesedidaktik generell und insbesondere in Bezug auf das Sachtextelesen von allen Fächern zu forcieren ist.

 Analysen zur Lebenswelt Schule

Das Befinden der Schülerinnen und Schüler und ihre Zufriedenheit mit der Schule hat sich seit der Befragung 2000 im Durchschnitt ein wenig verbessert und ihre Schulfreude ist ein wenig gestiegen. Wichtige Teilaspekte dafür sind unter anderem etwas verbesserte Beziehungen zu den Lehrpersonen und verbesserte Strategien, die Anforderungen des Unterrichts zu bewältigen. Nur wenige Schüler/innen (7%) stimmen uneingeschränkt zu, man müsse in der Schule befürchten, von Mitschülerinnen und Mitschülern bedroht oder gar verletzt zu werden. Zum damit angesprochenen Thema „Gewalt an der Schule“, das in mehreren Analysen behandelt wurde, sind die Ergebnisse differenziert. Einerseits zeigen die auf Selbsteinschätzungen beruhenden Ergebnisse, dass österreichische Jugendliche in der Schule vielfältige und häufige Gewalterfahrungen aufweisen. Jeder vierte männliche Jugendliche war im letzten halben Jahr mindestens zweimal Opfer direkter Gewalthandlungen, jeder dritte war mindestens zweimal Täter. 12% der Mädchen und 29% der Jungen gehören Risikogruppen mit höherer Gewalterfahrung an.

Schulentscheidungen entsprechen nicht den individuellen Interessen

Die tatsächlich realisierten Schulentscheidungen zeigen auch häufig nur eine geringe Entsprechung zu den individuellen Interessen, und es kommt in einzelnen Schultypen, insbesondere in den berufsbildenden mittleren Schulen, zu Massierungen von Schüler/innen mit unentwickelten oder nicht zum gewählten Schultyp passenden Interessen. Darüber hinaus gibt es deutliche Hinweise für einen allgemeinen und bedeutsamen Rückgang der naturwissenschaftlichen Interessen seit der Erhebung im Jahre 2003.

Nutzung kultureller Angebote

Die im PISA-Kontext erstmals analysierte Wahrnehmung und Nutzung kultureller Angebote durch Jugendliche liefert Hinweise, dass die Jugendlichen mit dem Begriff Kunst bzw. Kultur Aspekte verbinden, die eher dem klassischen Begriff von „Hochkultur“ entsprechen, und ihr eigenes kulturelles Alltagsleben nicht unter diesen Begriff subsumieren. Für eine Teilnahme an der „Hochkultur“ bringen nur wenige Interesse auf. Und nach wie vor bestimmt das Bildungsniveau der Eltern das kulturelle Freizeitverhalten der Jugendlichen ganz wesentlich mit.

Konsequenzen

Soweit die Analysen einen Rückschluss auf Entwicklungen erlauben, deutet vieles auf Stagnation: Es lassen sich so gut wie keine Bereiche ausmachen, in denen seit der ersten PISA-Testung im Jahre 2000 eine Veränderung zum Positiven stattgefunden hätte:

–           Zumindest im Lesen und teilweise auch in den anderen Domänen hat ein kontinuierlicher Rückgang der Leistungen stattgefunden; das bedeutet insbesondere, dass die in der Zwischenzeit etablierten Fördermaßnahmen keinen nennenswerten Effekt hatten. Korrespondierend dazu gibt es in Bezug auf die Leseleistung eine kontinuierliche Zunahme der Schüler/innen in den unteren Kompetenzstufen, während die Anzahl der „Spitzenschüler/innen“ etwa gleich bleibt.

–           In der von den Schüler/innen wahrgenommenen Qualität des Unterrichts an den Schulen ist es zu keinen substanziellen Veränderungen gekommen. Die Jugendlichen gehen zwar etwas lieber zur Schule als früher, es kommt jedoch zu einer Stagnation bzw. einem Rückgang in der Entwicklung von Interessen.

–           Der Schule gelingt es nach wie vor nicht, soziale Ungleichheit in einer substanziellen Weise auszugleichen, weder im Hinblick auf primäre noch auf sekundäre Herkunftseffekte.

Angesichts dieser Situation – Stagnation trotz vielfältiger Interventionsmaßnahmen – bestehen ernsthafte Zweifel, ob positive Entwicklungen ohne strukturelle Veränderungen des Pflichtschulsystems möglich sind.

Verbesserung der Lesekompetenz

Die einschlägigen Analysen plädieren für eine Neuorientierung des Deutschunterrichts in der Richtung, dass das durch neue Medien fundamental veränderte literale Verhalten von

jungen Menschen entsprechend einbezogen wird. Das impliziert vor allem eine stärkere Behandlung digitaler Textformen im Unterricht.

Höhere Schul- und Unterrichtsqualität

Leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler sind nach wie vor dadurch charakterisiert, dass sie dem Unterricht weniger leicht folgen können als ihre leistungsstärkeren Mitschüler/innen und einer individualisierten Unterstützung bedürfen. Individualisierung und Differenzierung, die bis jetzt eher von der Kompetenz und Bereitschaft der einzelnen Lehrpersonen abhängen, müssen stärker auf Ebene des Bildungssystems verankert werden. Eine solche Entwicklung würde vor allem durch engagierte und pädagogisch orientierte Schulleitungen unterstützt, für die es entsprechende Fortbildungsangebote geben sollte.

Ganztägige Beschulung für Kinder aus unteren sozialen Schichten

Dies erfordert schulorganisatorische und dienstrechtliche Änderungen, die es Lehrpersonen ermöglichen, mehr Zeit mit den Schülerinnen und Schülern zu verbringen und auf diese Weise verbesserte soziale Beziehungen zu entwickeln. Außerdem bedarf es verstärkter Schulungsangebote für Eltern, auf welche Weise sie ihre Kinder im Hinblick auf die Schule unterstützen können.

Maßnahmen, die zusätzlich zur Beseitigung von Ungleichheit und zur Schaffung von

mehr Gerechtigkeit im Schulsystem beitragen

Die zeitliche Rückverlagerung von Entscheidungspunkten. Die Entscheidung zwischen Hauptschule und gymnasialer Unterstufe mit 9 ½ Jahren sollte an das Ende der Pflichtschulzeit zurückverschoben werden. Die dadurch entstehende Gesamtschule für die 10-bis 14-Jährigen eröffnet zusätzlich gute organisatorische Rahmenbedingungen.

Am Fachbereich Erziehungswissenschaft (Unipark Nonntal) findet heute,  19. Juni, eine Tagung statt, bei der die Ergebnisse aus den nationalen Zusatzanalysen zu PISA 2009 veröffentlicht werden. Diese Zusatzanalysen wurden im Rahmen eines Drittmittelprojekts des Fachbereichs organisiert und durchgeführt. Die Tagung selbst findet in Kooperation mit dem BIFIE Salzburg statt.

Ferdinand Eder (Hrsg.), „PISA 2009. NationaleZusatzanalysen für Österreich“, Waxmann Verlag, 580 Seiten, 39,90Euro, ISBN 978-3-8309-2690-0) 

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder

Fachbereich Erziehungswissenschaft

Tel: 0662-8044-4201