17.06.2014

KÄUFLICHE LIEBE UND MAKE UP

Erotische Druckgrafiken und Schminken als Ausdruck der Selbstinszenierung, eine kunstwissenschaftlich-kulturgeschichtliche Betrachtung. Zwei Projekte der Kunsthistorikerin Romana Filzmoser von der Universität Salzburg.

Grafiken entwickelten sich im 17. und 18. Jahrhundert zu einem Konsumgut. Reproduktionen von Gemälden und Portraits, auch Flugblätter und Karikaturen waren nun Teil des städtischen Lebens. Die Kunsthistorikerin Johanna Filzmoser untersucht in ihrem Werk „Hurenbilder. Ein Motiv in der Druckgrafik des 17. und 18. Jahrhunderts“ wie die Figur der Prostituierten für die Vermarktung neuer Genres auf dem expandierenden Kunstmarkt eingesetzt wurde. Sie führt den Leser anhand von zahlreichen Beispielen zum Thema Hure von Italien über die holländische Grafik des 17. Jahrhunderts bis zur englischen Kultur des 18. Jahrhunderts.

Die Hure als Ausdruck britischer Modernität

Als „Hure“ wurde nach damaliger Definition (Johann Heinrich Zedler, 1741) eine Frau bezeichnet, die entweder für Geld oder zur Befriedigung der eigenen Lust geschlechtlichen Kontakt mit zahlreichen Männern pflegte. Filzmoser ist der Ansicht, dass sich die Hure von der gesellschaftlich geächteten Prostituierten insofern unterschied, da sie die Aura der Wollust umgab und daher als ideales Vorbild für Bild- und Schriftwerke galt. Obszönes Druckwerk zählte zu den oftmals verbotenen „philosophischen“ Schriften, ihr Inhalt war sexuell stimulierend. Eine „Hure“, so Filzmoser, hatte insofern einen privilegierten Standpunkt, da sie alle Stände kannte, vom Adeligen bis zum einfachen Handwerker und über sie konnten sogar Herrscher, Politiker oder der Klerus kritisiert werden.

Die zahlreichen literarischen Darstellungen von Huren im 17. und 18. Jahrhundert bewegten sich zwischen der Hure als Sexualobjekt und der Hure als professioneller Unternehmerin. Die meisten erotischen Grafiken sind in England zu finden. London hatte sich als das größte Zentrum und der wichtigste Umschlagplatz für die europäische Grafik entwickelt. „London war sehr liberal.“ In England herrschte Pressefreiheit, sodass Verleger und Stichhändler ihre neuesten Hurenbilder oder politische Karikaturen ausstellen konnten, ohne dabei Gefahr zu laufen zensuriert zu werden. Ausländische Besucher bewunderten dies als Ausdruck von Modernität.  

Schminken als Inszenierung der Malerei

In ihrem Habilitationsprojekt „Gesicht und Bild” setzt sich Filzmoser nun mit dem Verhältnis des geschminkten Gesichts zur bildenden Kunst auseinander. „Seit Ovid das Schminken in seiner Liebeskunst (Ars Amatoria) zur Kunstform erklärt hatte, war es mit der Malerei nicht nur im Wortsinn, sondern auch theoretisch und praktisch verbunden. So wurden geschminkte Frauen mit Bildern und schminkende Frauen mit Malern verglichen, manchmal haben Maler wie Velázquez oder Goya selbst auch Frauen geschminkt“, so Filzmoser. Schminken wurde auch zum Gegenstand theologischer und philosophischer Debatten über den Status des Bildes.

Über das geschminkte Gesicht einer Frau schrieb der Londoner Kleriker Thomas Tuke am Anfang des 17. Jahrhunderts in seinem Traktat „Discourse against painting and tincturing of women”: „Als Geschöpf Gottes ist sie eine Frau, und doch ihre eigene Schöpferin als ein Bild”. Er kritisierte künstliche Schönheit mit kunsttheoretischen Argumenten und unterstellte dem geschminkten Gesicht einer Frau mit Platons Bildkritik eine doppelte Natur: ein Werk Gottes und ein Produkt, das die Frau als Künstlerin ihrer selbst erschuf.

Filzmoser hat gerade im Getty Research Center in Los Angeles das Archiv über die alchemistischen Manuskripte durchforstet. Die Alchemie als Vorläuferin der modernen Chemie und Pharmazie verrät wie Farben zusammengemixt und bestimmte Tinkturen und Salben, darunter auch Kosmetika entstanden sind. Filzmoser will die Verflechtungen von Schminken und Malen erstmals auf kunsttheoretische und bildhistorische Aspekte hin untersuchen. Anhand von ausgewählten Schriften zum Schminken wie Kosmetiktraktaten, Farbrezepten, Prosa und Theaterstücken in England, Italien, den Niederlanden und Frankreich zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert soll zunächst eine Grundlage erarbeitet werden.

In einem zweiten Schritt steht dann die Portraitmalerei im Mittelpunkt. „Ich will eruieren, in welcher Weise sich das kunsttheoretische und historische Potenzial des Schminkens in der Malerei reflektiert“, betont Filzmoser. Sie wird sich dabei mit den Begriffen Körper, Natürlichkeit, Farbe, Lebendigkeit u.a. auseinandersetzen. Damit wird das Schminken für die neuzeitliche Bild- und Körperinszenierung insgesamt relevant.

Romana Filzmoser studierte an der Universität Salzburg Geschichte und Kunstgeschichte und promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin mit ihrer Arbeit über die Hurenbilder. Dazwischen arbeitete sie sechs Jahre in der Fotothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz – Max Planck Institut. Diese wissenschaftliche Einrichtung sammelt systematisch Fotografien mit einem Schwerpunkt zur italienischen Kunst Ober- und Mittelitaliens und stellt sie für die Forschung bereit. „Wir haben unzählige Fotos archiviert“, sagt Filzmoser. Sie inventarisierte selbst Fotos aller Gattungen aus ganz Oberitalien. „Das Kunsthistorische Institut in Florenz ist ein idealer Ort, um mit auszeichneten Fachleuten zusammen zu kommen, sich auszutauschen und umgeben von Kunst, Historie und einer hervorragenden Bibliothek wissenschaftlichen Fragestellungen nachzugehen.“ Filzmoser perfektionierte ihr Italienisch und besuchte zahllose wissenschaftliche Veranstaltungen. „Man lebt dort in einem Mikrokosmos“. Nach einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Postdoc-Projekt zur Frage von Original und Kopie brach sie ihre Zelte in Florenz wieder ab und bewarb sich im Hertha Firnberg-Programm des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Seit Herbst 2013 ist sie im Rahmen einer Hertha-Firnberg-Stelle an der Abteilung Kunstgeschichte der Universität Salzburg tätig und verfasst ihre Habilitationsschrift über das Verhältnis von Schminken und Malen. Für ihre herausragende wissenschaftliche Arbeit erhielt sie schon mehrere Preise und Stipendien.

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Buch: Romana Filzmoser, Hurenbilder. Ein Motiv in der Druckgrafik des 17. Und 18. Jahrhunderts, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2014. ISBN 978-3-412-21034-2.  

 

Portrait Uni Nachrtichten Romana Filzmoser Buch Hurenbilder Foto: Andreas Kolarik/Leo 14.05.2014 Romana Filzmoser
Foto: Romana Filzmoser | © Kolarik/LEO