18.08.2015

„DEUTSCH IN ÖSTERREICH“. EXZELLENTES FORSCHUNGSNETZWERK ÜBER SPRACHVARIATION UND SPRACHWANDEL STARTET

Wie verändern sich die gesprochene und die geschriebene Sprache in Österreich? Wie stark wird Deutsch in Österreich von anderen Sprachen beeinflusst? Mit solchen Fragen setzt sich ein österreichisches Wissenschaftlerteam unter maßgeblicher Beteiligung des Germanisten Stephan Elspaß von der Universität Salzburg im eben bewilligten Spezialforschungsbereich (SFB) mit der Bezeichnung „Deutsch in Österreich“ auseinander.

Spezialforschungsbereiche sind die Königsklasse unter den Programmen des Wissenschaftsfonds FWF. Es handelt es sich um eng vernetzte Forschungsverbünde, die Zentren der Spitzenforschung im internationalen Maßstab darstellen. Sie sind auf acht Jahre angelegt und mit bis zu einer Million Euro pro Jahr dotiert. „Deutsch in Österreich“ (DiÖ) ist heuer der einzige Spezialforschungsbereich, der zum Zug gekommen ist. An diesem geisteswissenschaftlichen Gemeinschaftsprojekt sind die Universität Wien, die Universität Salzburg und die Universität Graz beteiligt. Sprecherin des SFB „Deutsch in Österreich“ ist Alexandra Lenz von der Universität Wien; Stephan Elspaß, Universitätsprofessor für Germanistische Linguistik an der Universität Salzburg, ist stellvertretender Sprecher. Am Projekt arbeiten rund zwei Dutzend Forscher mit, neben Germanisten auch Slawisten und Computerlinguisten.

Elspaß hat zwei Teilprojekte des SFBs nach Salzburg geholt. So leitet er federführend eines der drei großen Teilprojekte, das den Titel „Variation und Wandel  dialektaler Varietäten in Österreich“ trägt. Mit der Befragung von zwei Altersgruppen, älteren und jungen Sprechern, wollen die Forscher Unterschiede zwischen Dialekten flächendeckend von Vorarlberg über Salzburg bis Wien dokumentieren und ihre Veränderungen untersuchen. Das Team wird die Erhebung an 40 Ortspunkten durchführen; geplant sind in einem zweiten Förderungsabschnitt Aufnahmen an weiteren 100 Orten. Der Generationenvergleich soll Aufschluss über den Sprachwandel geben,  sowohl in Bezug auf den Wortschatz (z.B. Frühjahr / Frühling/ Auswärts / Länzing etc.), die Aussprache (z.B. unterschiedlich ausgesprochene „l“- Laute),  Akzente oder die Grammatik (z.B. unterschiedliche Wortstellungen). Doch warum braucht man in Österreich, einem Land mit einer grossen Tradition der Dialektforschung, neue Sprachkarten? Stephan Elspaß: „Es gibt in Österreich zwar exzellente Dialekt-Atlanten, wie z. B. den ,sprechenden‘ Sprachatlas „Deutsche Dialekte im Alpenraum“ meines Kollegen Hannes Scheutz, der dieses Teilprojekt mitträgt. Was bisher aber fehlt, ist eine Gesamterhebung für ganz Österreich mit einer einheitlichen Methode. Und das soll das Teilprojekt nun leisten“. Die Forscher gehen von der Hypothese aus, dass sich die Dialekte einerseits durch den Einfluss der Standardsprache wandeln und dass sich andererseits die Dialekte gegenseitig stark beeinflussen. 

Für mediale Schlagzeilen sorgte Stephan Elspaß vor kurzem mit einem Interview für  „Spiegel Online“, in dem er sich unter anderem  zur kontinuierlichen Zurückdrängung regionaler Dialekte in Deutschland äußerte.  „In Deutschland sterben die Dialekte aus“  lautete die dazugehörige Schlagzeile. Dieses Szenario sieht Elspaß unmittelbar nicht für Österreich. Gewissheit werde aber erst die Forschung bringen. „Immerhin gibt es Gegenbeispiele, wo − wie in der Schweiz − Dialekte sehr lebendig sind und ein gutes Image haben. Es könnte aber auch sein, dass Österreich einen dritten Weg geht, auf dem – aus Standardsprache und Dialekt gespeist – langfristig neue regionale Dialekte  entstehen bzw. sich verfestigen. Das wollen wir herausfinden“.

Mit „Deutsch in Österreich“ verbindet Elspaß auch ein gesellschaftspolitisches Anliegen: „Die Ergebnisse des Projekts sollen eine bessere Grundlage für das Wissen um die sprachlichen Gegebenheiten in Österreich schaffen, um so klarer zu sehen,  wie verschiedene Sprachen und Varietäten  wahrgenommen und eingeschätzt werden.“ Die Wahrnehmung und Bewertung der sprachlichen Vielfalt steht im Mittelpunkt einer Gruppe von Teilprojekten des SFBs, die unter dem Titel  „Deutsch in den Köpfen“ zusammengefasst sind. Der Schule ist dabei das zweite Salzburger Teilprojekt gewidmet: „Welche Sprachen, welche Sprachvarietäten und welche Akzente sind bei Lehrern und Schülern  positiv besetzt, welche eher stigmatisiert, und beeinflusst das möglicherweise die Wahrnehmung der Leistung von Schülern?“

Elspaß und seine Kollegen wollen mit ihren Untersuchungen auch  dazu beitragen, hartnäckigen Sprachmythen wie den vom Sprachverfall entgegenzuwirken.  „Es gibt keinen Sprachverfall, auch wenn selbsternannte Sprachmahner ihn immer wieder heraufbeschwören. Sie sollten beispielsweise nur einmal bedenken, dass sie selber ja auch nicht mehr so reden und schreiben wie ihre Vorfahren – das aber vermutlich nicht als Verfall deuten würden. Sprache ist etwas, das sich mit seinem Gebrauch ständig wandelt. Aufklärung ist Teil unserer wissenschaftlichen Arbeit.“ 

Foto: Stephan Elspaß Fotonachweis: Kolarik/LEO
Foto: Stephan Elspaß | © Kolarik/LEO

Univ.-Prof. Dr. Stephan Elspaß

Fachbereich Germanistik
Universität Salzburg
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