05.07.2016

AUF DEN SPUREN DER ARMENISCHEN KRIEGSGEFANGENEN DES HABSBURGERREICHS IM ERSTEN WELTKRIEG

In der wechselvollen und durch Völkermord gezeichneten Geschichte Armeniens wird nun ein weiteres dunkles Kapitel beleuchtet. Die Salzburger Armenologin Jasmine Dum-Tragut verfolgt als erste Forscherin die Spuren von 200 armenischen Kriegsgefangenen, die in den Gefangenenlagern der k.u.k. Monarchie während des Ersten Weltkriegs inhaftiert waren. Darunter auch im Lager in Grödig/Salzburg.

Das bisher nicht aufgearbeitete Archiv des umstrittenen österreichischen Anthropologen Rudolf Pöch bildet die Basis für Dum-Traguts Projekt.

Armenien. Im Bergland zwischen Georgien, Aserbeidschan, dem Iran und der Türkei gelegen zählt die Südkaukasus-Republik auf einer Fläche kaum so groß wie Niederösterreich und Oberösterreich zusammen heute zwei Millionen Einwohner. Eine leidvolle Vergangenheit kennzeichnet seine Geschichte im 20. Jahrhundert. Allem voran der Genozid, den vor 100 Jahren, während des Ersten Weltkriegs, Jungtürken im damaligen Osmanischen Reichs an bis zu 1,5 Millionen Armeniern verübt hatten.

Im Schatten dieser tragischen Ereignisse blieb bisher ein anderes dunkles Kapitel unbeachtet das exakt zur gleichen Zeit geschrieben wurde: Die Geschichte der armenischen Kriegsgefangenen in den Gefangenenlagern der k.u.k. Monarchie während des Ersten Weltkriegs. Zeugnis davon gibt das umfangreiche Archiv des österreichischen Anthropologen Rudolf Pöch. Das Archiv war bisher nicht aufgearbeitet. Österreichs einzige habilitierte Armenologin Univ.-Doz. Dr. Jasmine Dum-Tragut vom ZECO Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens an der Universität Salzburg macht sich nun an diese Aufgabe.

„Im Auftrag von Kaiser Franz Josef und der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (später umbenannt in Österreichische Akademie der Wissenschaften) hatte der damals höchst angesehene Wiener Arzt und Anthropologe Rudolf Pöch in k.u.k. Kriegslagern wie Grödig bei Salzburg, Hart bei Amstetten oder Reichenberg im heutigen Tschechien 5000 russische Kriegsgefangene anthropologisch untersucht. Unter ihnen auch 191 Armenier. Ihrer vergessenen Geschichte gehe ich nach.“

Im Vorfeld der Rassenkunde hatte Pöch die Gefangenen akkurat vermessen, erstaunlich gute Stimmaufnahmen gemacht („Es ist sensationell, wie gut die Phonogramm-Aufnahmen sind“),  gestochen scharfe Fotos geschossen und gut erhaltene Gipsabdrücke angefertigt. Aus den Archivnummern und -daten die Schicksale der Menschen nachzuzeichnen, das hat sich die Forscherin zum Ziel gesetzt.  

Im Mai 2016 startete die 51 jährige gebürtige Steirerin, die Ende Juni den goldenen Verdienstorden des armenischen Wissenschaftsministeriums für ihren Beitrag zur Wissenschaft und Bildung erhalten hat, ihre Feldforschungen. „Ich bewege mich in Armenien in den Dörfern auf der Suche nach den Familien und etwaigen Nachfahren. Es ist unglaublich, aber ich habe in den letzten Wochen schon 10 Nachfahren von Kriegsgefangenen gefunden, darunter sogar noch Söhne und Töchter. Wir wollen den Familien das Material, das Pöch angefertigt hat, zurückgeben. Eine Repatriierung ist uns ein großes Anliegen.“

Das Projekt bereichert aber nicht nur die armenische sondern auch die österreichische Geschichte, ist Dum-Tragut überzeugt. „Wir beobachten momentan wieder ein Erstarken des  Nationalismus. Das macht Angst. Leider lernen wir Menschen nichts aus Geschichtsbüchern. Betroffen machen uns nur persönliche Lebensgeschichten. So kann man die Aufarbeitung der oft tragischen Lebensgeschichten der armenischen Kriegsgefangenen auch als einen Weckruf gegen den Nationalismus verstehen. Auch das ist ein Ziel unserer Forschung.“

Für das Armenien-Projekt gibt es einen Kooperationsvertrag zwischen dem ZECO Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens der Universität Salzburg und dem Institut für Archäologie, Ethnologie und Anthropologie der Armenischen Akademie der Wissenschaften. Finanziert werden bei der bilateralen Forschungsarbeit lediglich die Reisekosten. Alle zur Verfügung  stehenden Daten aus dem Pöch-Archiv werden mit anderen österreichischen und armenischen Archivmaterialien zusammengeführt.

„Für mich ist es das emotionalste Projekt, das ich bisher hatte. Es ist sehr berührend, wenn wir – oft in den abgelegensten Bergdörfern – die Kinder oder Enkel der Kriegsgefangenen finden, die uns dann erzählen, was die Väter oder Großväter ihnen nach der Heimkehr von den Lagern und von Österreich erzählt haben. Es sind ja viele Kriegsgefangene wieder in die Heimat zurückgekehrt.“

In Armenien, wo die Forschungen Dum-Traguts sehr wohlwollend aufgenommen werden, ist ein Dokumentarfilm zu dem Projekt geplant. In Armeniens Hauptstadt Jerevan sowie in Wien soll es Ende nächsten Jahres eine Ausstellung geben. Eine große Publikation wird folgen. Unterstützt wird Jasmine Dum-Tragut bei ihrer Arbeit von MMag. Katarina Matiasak vom Department für Anthropologie der Universität Wien, von Hrant Kocharyan von der Abteilung für Armenologie der Armenischen Akademie der Wissenschaften sowie Hranush Kharatyan und Pavel Avtisyan vom Institut für Archäologie, Ethnologie und Anthropologie der Armenischen Akademie der Wissenschaften.

Blick auf die Akte „Vermessungsblätter“

Fotos: Blick auf die Akte „Vermessungsblätter“ | © privat

Pressespiegel:

05.07.2016 – science.apa.at – „Auf den Spuren der armenischen Kriegsgefangenen des Habsburgerreichs im Ersten Weltkrieg
31.07.2016 – salzburg.com – „Salzburgerin erforscht Geschichte armenischer k.k. Kriegsgefangener“
05.08.2016 – APA-Science/S. 88 – „Salzburgerin erforscht Geschichte armenischer k.k. Kriegsgefangener“