26.01.2016

EINZIGARTIGE FRAUEN-POWER AN DER THEOLOGISCHEN FAKULTÄT

Drei neue Professorinnen folgen auf männliche Vorgänger. Ein frischer weiblicher Wind weht seit dem Wintersemester 2015/16 durch die altehrwürdigen Räumlichkeiten der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Drei von vier neu besetzten Professuren gingen an Frauen.

Angelika Walser, Kristin De Troyer und Anne Koch heißen die Neuen. Dass Theologinnen in Forschung und Lehre massiv an Boden gewinnen, sehen die Betroffenen sowie der ebenfalls neu amtierende Dekan Dietmar Winkler als ein starkes Zeichen, dass nun auch in der Theologie ein Stück gesellschaftlicher Normalität eintritt.

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Angelika Walser, Professorin für Moraltheologie | © Andreas Kolarik

 

Angelika Walser, geboren 1968 in Stuttgart, Studium der Germanistik und Theologie in Würzburg und München, APART-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, seit September 2015 Professorin für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Die Bioethik an den Grenzen des Lebens, dabei vor allem die Reproduktionsmedizin, ist der Forschungsschwerpunkt der auch öffentlich engagierten Wissenschaftlerin.

Während die katholische Kirche die künstliche Fortpflanzung in allen Formen ablehnt, hält Walser eine Liberalisierung, wie sie das heuer novellierte österreichische Fortpflanzungsmedizingesetz gebracht hat, für unaufhaltsam.  Das Gesetz erlaubt, wenn auch eingeschränkt, die Präimplantationsdiagnostik, also die Untersuchung des künstlich befruchteten Embryos vor der Einsetzung in die Gebärmutter. Außerdem ermöglicht es auch homosexuellen Paaren die künstliche Befruchtung. Gestattet ist zudem die Eizellspende. Aus guten Kontakten zu Betreuungsstellen und PsychologInnen weiß die Moraltheologin und Mutter zweier Kinder jedoch, dass den reproduktionsmedizinischen Glücksverheißungen gerade bei der Eizellspende oft eine problematische Realität entgegensteht. Das ausdrückliche Verbot der Kommerzialisierung werde zum Beispiel oft durch großzügige Aufwandsentschädigungen für junge osteuropäische Eizellenspenderinnen umgangen. Oder aus Eizellspenden gezeugte Kinder würden oft nicht die Wahrheit über ihre Zeugung erfahren. Walser will Brücken bauen zwischen den liberalen und konservativen Positionen „Mir ist wichtig, dass es bei der Reproduktionsmedizin nicht um ein Recht der Frauen auf ein Kind geht, sondern in erster Linie um die Verantwortung.  Die Sorge um die Verletzlichkeit des Lebens ist mir  – da gehe ich mit der Kirche konform – ein großes Anliegen.“ 

Kritisch sieht Walser hingegen den Umgang der Kirche mit Homosexuellen, wie er sich etwa eben wieder im Vorfeld der Weltbischofssynode 2015 zum Thema Ehe und Familie im Fall des polnischen Vatikan Prälaten Krzysztof Charamsa gezeigt hat. „Die Geschlechtermoral der Kirche ist insgesamt dringend  überholungsbedürftig, genauso wie der Umgang mit der Kategorie Gender. Die Kernfrage der Kirche wird sein, wieviel Pluralismus  sie zulässt,“ sagt Walser. Dass  es aus Rom trotz ihrer teilweise recht kirchenkritischen Haltung ein „nihil obstat“  (nichts steht im Wege) zu ihrer Berufung gegeben hat, interpretiert Walser als Signal für einen offeneren kirchlichen Kurs gegenüber Frauen.

Dr. Kristin De Troyer. Foto: Andreas Kolarik, 04.12.15
Kristin De Troyer | © Andreas Kolarik


Kristin De Troyer
,  geboren 1963 in Ninove/Belgien, Studium der Philosophie Religionswissenschaften, Theologie und Religionspädagogik in Leuven/Belgien und Leiden/Niederlande. Karriere-Stationen u.a. in den USA und in Schottland an der renommierten University of St. Andrews, seit Herbst 2015 Professorin für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Salzburg. De Troyer  ist eine der international renommiertesten SpezialistInnen für die Septuaginta, die älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel ins Griechische. Die Übersetzung entstand etwa 250 vor Christus. „Was mich an den alten biblischen Dokumenten fasziniert ist die enorme Vielfältigkeit der Texte. Da gibt es zum Beispiel nicht ein in sich abgeschlossenes Buch Joshua sondern kurze und lange Varianten. Das wird auch in den Handschriften der sogenannten Tote-Meer-Rollen ersichtlich. Die letzten wurden erst vor 10 Jahren entdeckt.“  Etliche dieser einzigartigen Manuskripte  befinden sich  in der Martin Schoyen-Sammlung, der größten privaten Handschriftensammlung  des 20. Jahrhunderts „Diese alten Papyri sind wunderschön und es ist für mich natürlich etwas ganz Besonderes, mit  Dokumenten zu arbeiten, die außer dem Sammler und dem Herausgeber noch keiner gesehen hat.“  De Troyer hat inzwischen drei der biblischen Texte aus der Martin Schoyen Sammlung editiert: Joshua, Leviticus und Exodus. „Die zufällige Begegnung mit Martin Schoyen auf einer Tagung in Oslo und die sich später daraus ergebende Arbeit haben mein Leben verändert. Die Beschäftigung mit einmaligen alten Texten ist für mich ein großes Vergnügen“. Ein Vergnügen, das sie auch den Studierenden in Salzburg vermitteln will. Ein weiteres Vergnügen bereitet ihr die ungewöhnlich starke weibliche Präsenz an der Theologischen Fakultät. „Zusammen mit der Neutestamentlichen Bibelwissenschaftlerin Marlis Gielen, die schon länger an der Uni ist war, sind wir nun vier Professorinnen. So viele Frauen habe ich noch an keiner anderen Uni erlebt. Die Zusammenarbeit ist unkompliziert und viel wenigier von Statusdenken bestimmt als bei Männern.

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Foto: Anne Koch | © Latest Thinking

Anne Koch, geboren 1971 in Immerath/Deutschand, studierte Philosophie, Religionspsychologie, politische Wissenschaft und Theologie in München, Paris und Jerusalem. Nach philosophischer Promotion und religionswissenschaftlicher Habilitiation führte sie ein zweijähriger Forschungsaufenthalt nach Japan (2012-2013). 2015 folgte sie dem Ruf an die Universität Salzburg auf eine Professur für Religious Studies. Das Hauptinteresse Kochs gilt der kulturwissenschaftlichen Erforschung von Gegenwartsgesellschaften an der Schnittstelle zur Wirtschaftsordnung. Heilung ist eines der gesellschaftlich relevantenThemen, dem sich Koch widmet.  So läuft etwa unter dem Arbeitstitel „Ganzheitsmedizin“ ein interdisziplinäres Projekt mit Experten der medizinischen Psychologie zur Wirksamkeit spirituellen Heilens. Spiritualität ist generell einer der Forschungsbereiche Kochs. Im kommenden Jahr startet unter ihrer Leitung ein neuer Masterstudiengang  „Religious Studies“. Dieser  wird schwerpunktmäßig Kenntnisse über zeitgenössische Religionen vermitteln; der Auseinandersetzung mit dem Islam wird dabei eine besondere Bedeutung zukommen, sagt Koch. Was sie in ihrer neuen akademischen Heimat, abgesehen von sehr guten Forschungskonditionen, besonders freut, ist der hohe Frauenanteil. „In München, wo ich Frauenbeauftragte an der LMU war,  gab es weder auf den Lehrstühlen der philosophischen noch auf denen der theologischen Fakultäten Frauen. Gottseidank ist Salzburg da schon viel weiter.“

Kontakte:

Univ.-Prof. Mag. Dr. Angelika Walser
Fachbereich Praktische Theologie der Universität Salzburg
Tel.: +43 662 8044 2676

Univ.-Prof. Dr. Anne Koch
Fachbereich Systematische Theologie der Universität Salzburg
Tel.: +43 662 8044 2629

Univ.-Prof. Dr. Kristin De Troyer
Fachbereich Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte
Tel.: +43 662 8044 2922