01.08.2019

Sehnsucht nach Einfachheit loslassen

Information explodiert. Gleichzeitig wird es immer schwerer, diese Informationen zu Wissen und Bildung umzuwandeln. Das haben zwei Wissenschaftler an den ersten beiden Tagen der Salzburger Hochschulwochen eindrücklich aufgezeigt.

Am Anfang war das Ei. Jenes, das Herwig Grimm, Leiter der Abteilung „Ethik der Mensch-Tier-Beziehung“ an der Veterinäruniversität Wien und Absolvent der Universität Salzburg, mit sanfter Vehemenz auf die Bühne der Großen Aula stellte. Sein Thema „Das ist alles sehr kompliziert… Zur Komplexität der Moral und der Sehnsucht nach Eindeutigkeit“ rollte er anhand der Fragestellung auf, ob das Töten von 4,3 Milliarden männlicher Eintagsküken vertretbar ist. In einer ethischen Tour de Force legte Grimm dar, dass es mit dem moralischen Dreisatz aus Gebot-Verbot-Erlaubnis nicht getan ist, diese Frage zu beantworten. Und dass eine tiefere Beschäftigung mit dieser Fragestellung automatisch zur generellen Skepsis gegenüber Fleischkonsum führt. Doch am Ende gehe es dem tierschützenden Menschen im Grunde doch wieder nur um sich selbst, weil er durch den Umgang mit schwächeren Wesen vor allem seinen guten Charakter demonstrieren wolle.  „Wir brauchen den Mut, die Sehnsucht nach der Einfachheit zu überwinden und Dinge neu zu denken. Das ist die Aufgabe von Ethik heute“, sagte Grimm.

Dass das allerdings nur mit einer entsprechenden Grundbildung funktioniert, erläuterte die Direktorin der School für Education an der Universität Salzburg, Ulrike Greiner: „Grundgebildete Menschen können Daten in Informationen und diese in Wissen verwandeln, indem sie den Daten Sachverhalte zuordnen, in größere Zusammenhänge einordnen und mögliche Interpretationen bewerten können.“ In ihrer Vorlesung „Komplexität verstehen oder Komplexität reduzieren? Welche (schulische) Grundbildung brauchen wir in einer sogenannten Wissensgesellschaft?“ führte sie aus, dass die Explosion von Information gleichzeitig zur einer Verunsicherung bezüglich deren Bedeutung und Wert einher gehe. Ihrer Beobachtung nach befragen Menschen drei Instanzen: den Experten, die Familie und Freunde sowie das Internet. Nur mit fundamentalen fachlichen Grundprinzipien – also Grundbildung –  können die modernen Menschen heute aktive Gestalter ihres eigenen Lebens sein und wohlüberlegte Entscheidungen als aktive BürgerInnen und KonsumentInnen treffen.

Die Basis zum gebildeten Laien, wie Greiner Menschen mit Grundbildung bezeichnet, wird in der Schule gelegt. Hier sollte es weniger darum gehen, die verschiedenen unverbunden aneinander zu reihen, sondern „um das Kennenlernen von unterschiedlichen Weltzugängen und Weltverständnissen.“ Man brauche Verständniskonzepte und Anwendungsbeispiele statt Inhalte. Deshalb werde aktuell in Österreich an neuen Lehrplänen gearbeitet, deren Ziel es ist, junge Menschen während der Pflichtschulzeit mit Grundbildung auszustatten. Fachwissen sei zu differenziert und spezialisiert, dass man es sich in der verfügbaren Fülle nicht mehr aneignen könne: „Umso wichtiger wird es, hinter dem Einzelwissen Tiefenstruktur und Zusammenhänge deutlich zu machen und konzeptionelles Lernen einzuüben. An der Erkenntnis des Einzelfalles wird das Allgemeine rekonstruierbar.“