6. Dezember 2021

Iris Gratz erhält Preis für richtungsweisende Arbeit zu Immunzellen der Haut

Die Immunologin Iris Gratz von der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) wird für ihre neuen Erkenntnisse, dass die Immunabwehr in der Haut breiter aufgestellt ist als bisher bekannt, mit dem mit 10.000 Euro dotierten Kurt-Zopf-Förderpreis ausgezeichnet. Gemeinsam mit amerikanischen Kollegen hat sie entdeckt, dass die Gedächtniszellen in der Haut, die bisher als fix verankert („gewebs-resident“) galten, über das Blut in andere Gewebsregionen abwandern können, um auch dort ihre wundheilende Wirkung zu entfalten. Damit wird das bestehende Dogma bezüglich der strengen Trennung des menschlichen Immungedächtnisses nach Geweben in Frage gestellt. Mit der Arbeit wurde eine neue Richtung der Forschung angestoßen, die neue therapeutische und diagnostische Ansätze zum Beispiel auch in der Krebsbehandlung eröffnet.

Bei einer Infektion der menschlichen Haut durch Pilze, Bakterien oder Viren bilden sich an der entzündeten Stelle spezialisierte Abwehrzellen, die fortan an eben dieser Stelle als Wachposten fungieren und an vorderster Front die Verteidigung gegen eventuell wiederkehrende Krankheitserreger übernehmen. Diese „gewebs-residenten Gedächtniszellen“ können bei einer neuerlichen Infektion sehr schnell auf die zuvor angetroffenen Antigene (d.h. Teile des Erregers) reagieren und sie eliminieren. 

Bisher galt das Dogma, dass diese Gedächtniszellen dauerhaft an der vormals entzündeten Stelle verbleiben, und zwar ausschließlich dort.

Untersuchungen von Iris Gratz und ihrem Kooperationspartner Daniel Campbell vom Benaroya Research Institute in Seattle (USA) rütteln nun an dieser gängigen Lehrmeinung. „Wir haben mit neuartigen Untersuchungsmethoden festgestellt, dass die sogenannten gewebs-residenten Gedächtniszellen – konkret geht es um die CD4+T- Helferzellen – nicht ausschließlich an der Infektionsstelle verbleiben, sondern teilweise aus dem Gewebe auswandern können, über das menschliche Blut zirkulieren, in andere Regionen des Gewebes einwandern, so auch diese mit einem Immungedächtnis ausstatten und dort zur Wundheilung beitragen,“ erklärt Iris Gratz.

Diese neuen Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung haben potentiell Auswirkungen sowohl auf die Diagnose als auch auf die Behandlung von Hauterkrankungen, die von gewebs-residenten Gedächtniszellen vermittelt werden wie etwa zum Beispiel Psoriasis. „Man könnte einem Psoriasis-Patienten zum Beispiel diese Immunzellen entnehmen, sie heilbringend manipulieren und dann zurück in den Spender transferieren“ führt Gratz als eine Therapieoption an. 

Da jeder gesunde Mensch Gedächtniszellen im Blut hat, die aus der Haut herausgewandert sind und an einer anderen Stelle einwandern, wie die Forscher entdeckt haben, seien diese Zellen ein interessantes diagnostisches Tool, so Gratz. Man könnte diese Zellen für Diagnosezwecke etwa sehr einfach aus dem Blut eines Patienten isolieren anstatt wie bisher invasive Hautbiopsien nehmen zu müssen. Dies könnte zum Beispiel den „Schmetterlingskindern“ zugutekommen, meint Gratz, die u.a. an dieser Erkrankung forscht.

Und möglicherweise könnten die wandernden gewebs-residenten CD4+ T-Helfer-Zellen auch zum Monitoring neuartiger Krebsimmuntherapien (Checkpoint-Therapien) dienen, was den Ansatz der personalisierten Medizin in der Krebstherapie unterstützen würde, so Gratz. Eine aktuelle Arbeit im Journal of Experimental Medicine weise darauf hin, ergänzt die Forscherin. „Dies zeigt einmal mehr, dass wir mit unserer Publikation eine neue Richtung der Forschung angestoßen haben, die neue diagnostische und therapeutische Ansätze eröffnet“.

Für ihre Forschungen hat Iris Gratz mit ihrem Team ein – inzwischen patentiertes – humanisiertes Mausmodell entwickelt, mit dem nun auch andere Wissenschaftler*innen arbeiten.

Die Publikation der Arbeitsgruppen von Gratz und ihres amerikanischen Kooperationspartners Campbell mit dem Titel „Human CD4+ CD103+ cutaneous resident memory T cells are found in healthy individuals“ ist im Juli 2019 im Top-Journal „Science Immunology“erschienen ( https://www.science.org/doi/10.1126/sciimmunol.aav8995?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed).

Science Immunology hat der Arbeit die Titelseite gewidmet. Das Forschungsprojekt wurde vom amerikanischen National Institute of Health  gefördert.

Die Preisträgerin

Iris Gratz hat an der Universität Salzburg Biologie/Genetik studiert. Nach ihrer Promotion in Immunologie (2005) arbeitete die gebürtige Oberösterreicherin als Postdoc u.a. an der University of California in San Francisco beim renommierten Immunologen Abul Abbas (2009-2014). 2014 kam sie nach Salzburg zurück. 2019 habilitierte sie sich in Immunologie. Seit 2019 ist sie assoziierte Professorin am Fachbereich Biowissenschaften der Universität Salzburg. Von März 2020 bis Dezember 2020 war sie in Elternkarenz. Hauptziel ihrer Forschung ist es, die Rolle von T-Zellen in der Haut bei Entzündungen, der Wundheilung und bei Krebs zu verstehen. 

Der Preis

Der mit 10.000 Euro dotierte Kurt-Zopf-Förderpreis wird Forscher*innen der Universität Salzburg für wissenschaftlich herausragende, international beachtete Publikationsleistungen verliehen. Er wird seit mittlerweile 10 Jahren vergeben. Dass die Auszeichnung für das Jahr 2020 in voller Höhe an Iris Gratz geht, begründet die aus hochrangigen Uni-externen Fachexperten bestehende Jury u.a. mit der “Neuartigkeit“ des Forschungsansatzes, der „wissenschaftlichen Bedeutung“ der Ergebnisse und der „Reputation des Publikationsmediums“.

„Mit dem Preisgeld kann ich mich bei meiner Gruppe bedanken und es ist ein Anstoß für die Finanzierung eines neuen Forschungsprojekts“, sagt Gratz.

Die Preisträger 2019

Die feierliche Verleihung des Kurt-Zopf-Preises 2020, bei der auch die Preisträger 2019 nachträglich hätten geehrt hätten werden sollen, ist Corona-bedingt auf das kommende Jahr verschoben.

Die Auszeichnung für 2019 ging geteilt an die Psychologin Tuulia Ortner („Tempering agency with communion increases women´s leadership emergence in all-women groups: Evidence for role congruity theory in a field setting“), den Wirtschaftswissenschaftler Hannes Winner („Taking the high road? Compliance with commuter tax allowances and the role of evasion spillovers“), den Germanisten Norbert Christian Wolf („Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19“) und den Philosophen Michael Zichy („Menschenbilder. Eine Grundlegung“).

Uni Salzburg  Dr. Iris Gratz  Foto: Kolarik Andreas 07.08.2017

Foto: © Kolarik

Kontakt

Assoz.-Prof. Dr. Iris Gratz

Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS)

Fachbereich Biowissenschaften

Hellbrunnerstraße 34

A-5020 Salzburg

t.: +43 662 8044 5764

Email:

www.plus.ac.at/gratz