Mehr Energie durch Bewegung
Neue Erkenntnisse zum Wohlbefinden im Alltag
Die negativen Auswirkungen von Bewegungsmangel auf die Gesundheit sind weithin bekannt. Eine aktuelle Meta-Analyse von über 60 Studien aus dem Alltag zeigt ebenfalls deutlich, dass körperliche Aktivität mit dem Wohlbefinden zusammenhängt – insbesondere mit dem Gefühl, wach und voller Energie zu sein.
Bewegung im Alltag hängt sowohl mit vorherigem als auch mit nachfolgendem Wohlbefinden zusammen. Obwohl die gesundheitlichen Vorteile regelmäßiger Bewegung seit Langem bekannt sind, bleibt ein großer Teil der Bevölkerung körperlich inaktiv. Das Wissen um positive Effekte reicht demnach nicht aus, um nachhaltige Verhaltensänderungen anzustoßen. Daher rücken zunehmend auch affektive Faktoren – wie Stimmung, Emotionen und das unmittelbare Erleben von Bewegung – in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung.
Forschende der Universität Salzburg, der Ruhr-Universität Bochum (RUB), des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim (ZI) haben 67 Datensätze von Forschungsgruppen weltweit gesammelt und analysiert. Im Fokus der Analyse stand der Zusammenhang von körperlicher Aktivität mit dem affektiven Wohlbefinden, also mit guter Stimmung und positiven Emotionen. Die Untersuchung erfasst Daten von mehr als 8.000 Personen.
Das Besondere der Analyse: Berücksichtigt wurden ausschließlich Studien, die sowohl die körperliche Aktivität als auch das affektive Wohlbefinden wiederholt im Alltag der Teilnehmenden erfassten. So entstand ein Datensatz mit mehr als 300.000 einzelnen Stimmungsabfragen. Damit handelt es sich um die bislang größte und umfassendste Untersuchung zum Zusammenhang von Bewegung und Stimmung im Alltag – in einem noch vergleichsweise jungen Forschungsfeld, das sich erst seit den 2000er‑Jahren etabliert hat.
Die Studienergebnisse wurden jüngst in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour veröffentlicht.
Positiver Zusammenhang von körperlicher Aktivität mit affektivem Wohlbefinden im Alltag
Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Forschung mit den positiven Auswirkungen von regelmäßiger Bewegung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. „Dass sich körperliche Aktivität positiv auf das Wohlbefinden auswirkt, ist aus Labor- und querschnittlichen Studien schon lange bekannt“, berichtet Markus Reichert (Universität Salzburg), der das Projekt koordinierte. Seit einigen Jahren werde der Zusammenhang auch in ambulanten Assessment Studien untersucht. Das sind Studien, die körperliche Aktivität und Wohlbefinden unter natürlichen Bedingungen im Alltag mithilfe von elektronischen Geräten wie Beschleunigungssensoren und Smartphones untersuchen. Dadurch können nicht nur die Effekte von sportlicher Aktivität, sondern auch von niedrigschwelliger Alltagsaktivität – wie beispielsweise Spazieren gehen, Treppen steigen, Hausarbeiten- erforscht werden.
Dabei kann man zwei Arten von Zusammenhängen unterscheiden: Zum einen innerhalb einer Person („Wenn ich mich mehr bewege als sonst, geht es mir besser“). Zum anderen zwischen verschiedenen Personen („Menschen, die sich insgesamt mehr bewegen, geht es im Durchschnitt besser als jenen, die weniger aktiv sind“).
Die Ergebnisse aus den ambulanten Assessment Studien seien aber unklar und teilweise sogar widersprüchlich gewesen, so Markus Reichert. „Uns war es wichtig, die gemischten Ergebnisse zusammenzufassen – auch, um die Größe der Zusammenhänge für verschiedene Aspekte des affektiven Wohlbefindens wie positive und negative Gefühle, Energiegeladenheit und Wachheit, Ruhe und Gelassenheit, einschätzen zu können und gegebenenfalls Unterschiede zwischen Personen zu identifizieren“, erklärt Johanna Rehder von der Universität Salzburg und der Ruhr-Universität Bochum, Doktorandin und Erstautorin der Veröffentlichung. „Diese Synthese einer großen Menge von Forschungsdaten aus dem Alltag erforderte die Anwendung innovativer und komplexer Metaanalysetechniken“, ergänzt Julian Packheiser von der Ruhr-Universität Bochum. Die Analysen der Kernforschungsgruppe, zu der auch Marco Giurgiu, Irina Timm, beide vom Karlsruher Instituts für Technologie und Gesa Berretz von der Ruhr-Universität Bochum und der Radboud University gehören, kam unter anderem zu folgendem Ergebnis:
Im Alltag hängt das Wohlbefinden insgesamt positiv mit körperlicher Aktivität zusammen – sowohl davor als auch danach. Eine Ausnahme bildet jedoch das Gefühl von Ruhe und Gelassenheit: Dieses war rund um körperliche Aktivität geringer ausgeprägt. Mit anderen Worten: Menschen fühlten sich direkt vor und nach Bewegung im Alltag weniger ruhig und entspannt als in Phasen, in denen sie nicht aktiv waren.
Von der Universität Salzburg war zudem Björn Pannicke an der Studie beteiligt.
Teilweise große Schwankung der Effekte zwischen Personen
Gleichzeitig legten die Analysen offen, dass sich die Zusammenhänge von körperlicher Aktivität und affektivem Wohlbefinden zwischen Personen stark unterscheiden. Während der Großteil der untersuchten Personen zwar eine bessere Stimmung bei körperlicher Aktivität aufwies, zeigten manche eine verringerte Stimmung vor oder nach körperlicher Aktivität.
Die Meta-Analyse verdeutlicht zudem: Besonders stark profitieren Menschen mit niedrigerem Wohlbefinden von körperlicher Aktivität – ein deutliches Signal für das große Potenzial von Bewegung im Alltag, insbesondere für psychisch belastete oder vulnerable Gruppen. Am klarsten und konsistentesten zeigte sich ein positiver Effekt beim Gefühl von Energie und Wachheit: Mehr als 95% der analysierten Personen fühlten sich energiegeladener vor oder nach körperlicher Aktivität. „In den nächsten Jahren konzentrieren wir unsere Forschung darauf, personenbezogene und Kontext-Faktoren zu identifizieren, die die Unterschiede in den Zusammenhängen erklären können“, so Markus Reichert. Aus den vorliegenden Daten kann man nicht auf eine Kausalität der Zusammenhänge schließe, zur Testung sind zukünftig gezielte Interventionsstudien im Alltag notwendig. Nur so lasse sich das volle Potential der Zusammenhänge von körperlicher Aktivität und affektivem Wohlbefinden für gesundheitsfördernde Interventionen in der Versorgung nutzen.
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Univ.-Prof. Prof. Dr. Markus Reichert | Sport- und Bewegungswissenschaft
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