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Veröffentlicht am
Oktober 23, 2026
Letzte Aktualisierung: Oktober 23, 2026

Peter Thiel und der Antichrist.

Überlegungen zum neuen Ineinander von Politik und Religion

Der US Tech-Milliardär und Vordenker der amerikanischen Rechten Peter Thiel begründet sein antidemokratisches Denken zunehmend christlich fundamentalistisch. Bei den Salzburger Hochschulwochen 2026 hat die neu an die Universität Salzburg berufene Theologin Franca Spies beleuchtet, welche biblischen Begriffe Thiel für seine Zwecke nutzt. Maria Mayer hat die Theologin zum Interview getroffen.

Die Apokalyptik erlebt aktuell in der politischen Kommunikation eines Peter Thiel eine Renaissance. Franca Spies betont, dass der ursprüngliche Sinn ein völlig anderer ist als der in Thiels apokalyptischer Rhetorik.

Wie passt es zusammen, dass ein Tech-Gigant, der nicht gerade durch christliche Nächstenliebe auffällt, sondern durch die Vision einer technologiegetriebenen Zukunft, alte religiöse und apokalyptische Ideen aufgreift?

Das apokalyptische Denken hatte schon immer in Krisenzeiten Konjunktur, weil es erlaubt, die gegenwärtig Misere zu etwas Vorübergehendem zu erklären – mitunter sogar zu etwas Notwendigem, wenn die Krise als Vorbote des aufkommenden Gerichts gedeutet wird. Dazu muss man sagen, dass die frühe jüdische und christliche Apokalyptik häufig aus der Sicht politisch Unterdrückter in konkreten Notlagen formuliert ist und insofern das Gericht als Hoffnungsfigur einspielt. Aber von diesem befreienden Impuls wurde das apokalyptische Denken immer wieder entfremdet und zur Stabilisierung politischer Herrschaftsansprüche verwendet. Man kann ein vermeintliches „Wissen“ über den Geschichtsverlauf auch zu eigenen Zwecken ausnutzen.

Thiel orientiert sich stark an Carl Schmitt, dem Kronjuristen des Dritten Reiches. Der berühmteste Satz von Schmitt lautet: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Was hat es mit diesem Satz in Bezug auf US-Präsident Donald Trump auf sich?

Dieser Satz richtet sich grundlegend gegen den Liberalismus. Schmitt war der Meinung, dass sich die liberale Gesellschaft mehr oder weniger etwas vorlügt, wenn sie meint, demokratische Strukturen der Entscheidungsfindung würden tragen. Dem setzt Schmitt den Autoritarismus entgegen: Im Ernst- bzw. Ausnahmefall gibt es eine letzte entscheidende Instanz, gegen deren Entscheidung nicht mehr vorgegangen werden kann. Es handelt sich also um eine zutiefst antidemokratische Auffassung. Thiel hat wohl verlauten lassen, Trump sei genau dieser Souverän, der über den Ausnahmezustand entscheidet.

Ein biblischer Begriff, den Peter Thiel gern nutzt, ist der „Antichrist“. Was ist der Antichrist und was könnte die Faszination dieser Figur für Thiel ausmachen? 

Der Antichrist begegnet zunächst im Neuen Testament, genau genommen in den Johannesbriefen. Dort ist auch von mehreren Antichristen die Rede. Gedeutet werden sie als endzeitliche Figuren, die vor der Wiederkunft Christi auftreten. In der Rezeptionsgeschichte wurden sie mit anderen biblischen Vorstellungen einer widerstreitenden Macht verbunden, die vor dem Ende der Tage die Menschheit tiefer ins Verderben stürzt.

Immer wieder wurde in der Geschichte des Christentums der Versuch unternommen, den Antichristen mit einer konkreten Macht oder Person zu identifizieren – solchen Versuchen wurde aber stets auch widersprochen. Für seinen knappen biblischen Auftritt darf sich der Antichrist jedenfalls einer umfangreichen Wirkungsgeschichte erfreuen. Darin, dass er erlaubt, geschichtliche Mächte zum Inbegriff des Bösen zu erklären, dürfte sein Reiz für Thiel liegen. Der Antichrist entlastet von der Mühe des politischen Arguments, indem er den Gegner der eigenen Position schlicht zum Inbegriff des Bösen erklärt.

„Katechon“ ist ein anderer geheimnisvoller Begriff, auf den Thiel gern zurückgreift. Was hat es mit dem „Katechon“ auf sich?

Beim Katechon handelt es sich ebenfalls um eine biblische Figur bzw. eigentlich nur eine Gedankenskizze aus dem Zweiten Thessalonicherbrief im Neuen Testament. Er verarbeitet das Problem der Parusieverzögerung: Die frühen Christen haben sehr bald nach Tod und Auferstehung Jesu mit dessen Wiederkehr gerechnet. Sie mussten dann theologisch verarbeiten, dass diese sich immer weiter verzögerte. Hier kommt, äußerst knapp, der Katechon ins Spiel. Bevor der Tag des Herrn kommen könne, müsse vorher dessen Widersacher auftreten. Und dieser Widersacher werde seinerseits von etwas aufgehalten, damit dies alles zur rechten Zeit geschehen könne. Das griechische katéchōn meint genau diesen „Aufhaltenden“.

Auch diese spärliche biblische Quelle wurde in der Theologiegeschichte reichlich angezapft und immer wieder der Aufhalter des Bösen mit einer realen geschichtlichen Macht identifiziert – beispielsweise durch antike Theologen mit dem römischen Reich.

Thiel hat diesen Begriff wiederum von Carl Schmitt, für den er metaphorisch eine bestimmte politische Funktion ausdrückt, nämlich das Aufhalten einer politischen Bedrohung. Analog zum Antichristen wird eine geschichtliche Macht zum vermeintlichen Widerstreiter des Bösen erklärt. Übrigens ist der Katechon nicht nur bei Thiel eine argumentative Größe, sondern auch im Putin-Imperialismus, der sich selbst in dieser Rolle sieht.

Es gibt bekanntlich Spannungen zwischen Papst Leo XIV. und US-Präsident Donald Trump, der sich als KI-Jesus postet. Aber kann sich die Kirche gegen die Vereinnahmung religiöser Begriffe für politische Zwecke wehren?

Verhindern kann sie es offensichtlich nicht, aber der Widerspruch ist natürlich unbedingt geboten. Zumal viele der Begriffe in völliger Entleerung ihres religiösen Sinns als symbolisch aufgeladene Identitätsmarken gesetzt werden, die vielleicht noch ein bisschen im christlichen Milieu nach Anhängern fischen sollen. Dagegen müssen Theologie und Kirchen differenzierte Interpretationen der Glaubensinhalte in Stellung bringen.

Im Übrigen ist schon das fünfte Laterankonzil zu Beginn des 16. Jhs. gegen Predigten vorgegangen, die meinten, den weiteren Verlauf der Weltgeschichte zu kennen, die das Kommen des Antichristen und den Tag des Gerichts vorhersagten und dadurch Angst schürten. Dagegen setzte das Konzil auf eine gute theologische Ausbildung. Die scheint mir auch heute wichtig.


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Foto von Franca Spies, Frau sitzt auf einer Bank

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