Exodus zwischen politischer Theologie und säkularer Praxis

Von 21.-22.1.2026 fand die zweite, von der Professur für Pastoraltheologie organisierte, interdisziplinäre Forschungswerkstatt zum Thema „Exodus – Ereignis, Erzählung, (praktische) Erinnerung/Anamnese. Philosophische und theologische Diskurse um die gesellschaftliche, politische wie religiöse/kirchliche Relevanz des Exodus“ statt.

Der in Zürich lehrende Alttestamentler Prof. Dr. Konrad Schmid eröffnete die Forschungswerkstatt mit einer biblischen und kulturgeschichtlichen Einordnung der Exoduserzählung. Er zeigte den Exodus als vielschichtiges Traditionsgeflecht, das historische Erfahrungen bündelt, ohne selbst historiographisch zu sein. Als zentral zeigt sich die Befreiung Israels aus imperialer Macht hin zum exklusiven Dienst an Gott durch (Rück-)Bindung an das mosaische Gesetz. Der Schritt, Gott als seinen Souverän anzuerkennen relativiert weltliche Souveränität, bleibt jedoch ambivalent, da es zugleich die Gefahr einer theokratischen Gottesvorstellung hervorbringt. Schmid machte deutlich, wie das Exodusereignis zwischen Machtkritik und religiöser Legitimierung oszilliert und in späteren Kontexten – von assyrischer bis persischer Reichsideologie – unterschiedlich akzentuiert und entsprechend interpretiert und gesellschafts- wie religionspolitisch entfaltet bzw. eingesetzt wurde.

Im Anschluss entfaltete Dr. Laurin Mackowitz (Philosophie/Innsbruck-Graz) eine philosophische, säkularisierte Exodus-Lektüre. Ausgehend von Walzer und Virno deutete er das „Wunder“ nicht als souveräne Machtdemonstration, sondern als politisches Ereignis: als Öffnung eines dritten Auswegs angesichts scheinbar alternativloser Machtverhältnisse. Besondere Aufmerksamkeit galt den Hebammen in Ex 1 als paradigmatische Figuren eines ethischen, vorpolitischen Widerstands, der nicht konfrontiert, sondern ausweicht und dadurch Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Exodus erscheint so als Erzählung ethischen Engagements Einzelner, das kollektive Prozesse erst ermöglicht, ohne sie garantieren zu können.

Am Nachmittag wurden diese Perspektiven in Kleingruppen anhand von Leitthesen diskutiert. Die Gespräche kreisten um die Fragen, wie Exodus heute als Ressource gesellschaftlicher und (inner-)kirchlicher Kritik gelesen werden kann, ohne selbst ideologisch vereinnahmt zu werden. Deutlich wurde: Exodus fungiert weniger als fertiges Programm, denn als handlungsoptionale Denkfigur im ideologiekritischen Umgang mit den Ambivalenzen von Befreiung, Macht und Verantwortung.

Forschungswerkstatt Exodus 2026