Ringvorlesung: Judentum, jüdisch sein – und Antisemitismus. Perspektiven aus Geschichte und Gegenwart
Konzept und Organisation: Susanne Plietzsch, in Zusammenarbeit mit Armin Eidherr, Clemens Peck, Julia Shalit
06.10.2026 – 26.01.2027 (dienstags), 17:15-18:45, HS 230 / SR 1.42
Wissen über jüdische Geschichte, Kulturen, Literaturen und Formen der Religiosität ist bei denen, die nicht selbst involviert sind, oft nur rudimentär vorhanden. Die Fragen danach stehen jedoch im Raum: im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt und mit sich häufenden antisemitischen Vorfällen im Alltag, wenn es um erinnerungspolitische Fragen geht, aber auch, wenn wir genauer hinsehen wollen, was europäische Geschichte und Kultur betrifft. Um das Thema Antisemitismus sinnvoll diskutieren und politisch dagegen vorgehen zu können, ist Wissen über das Judentum nötig.
Diese Ringvorlesung soll Einblicke in jüdische Geschichte und jüdisches Leben heute geben. Damit soll das Thema Antisemitismus in einen breiten Kontext gestellt werden.
Die Ringvorlesung ist offen für Studierende und Mitglieder aller Fakultäten sowie für die Öffentlichkeit.

unterstützt von der STADT:SALZBURG, Kultur, Bildung und Wissen
Vorlesungstermine
Einführung
06.10.2026, 17:15-18:45, HS 230
Univ.-Prof. Dr. Susanne Plietzsch (Universität Salzburg)
Was bedeutet jüdisch sein in der Moderne?
13.10.2026, 17:15-18:45, HS 230
Prof. Dr. Michael Brenner (American University, Washington D.C.; LMU München)
Abstract: Sind die Juden eine Religion oder ein Volk? Definieren sie sich heute etwa durch ihre Kultur oder durch den Staat Israel? Wieso wurden sie zu einer Rasse gestempelt? Dieser Vortrag beleuchtet die unterschiedlichen Facetten des Jüdischseins in der Moderne – von der Französischen Revolution bis heute.
Michael Brenner ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des Center for Israel Studies an der American University in Washington, D.C. Er ist Internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts für deutsch-jüdische Geschichte und Kultur sowie gewähltes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Accademia Nazionale Virgiliana in Mantua und der American Academy for Jewish Research. 2020 erhielt er den ersten Salo W. and Jeannette M. Baron Award for Scholarly Excellence in Research of the Jewish Experience. 2023 wurde er mit den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München ausgezeichnet.
Die wechselvolle Geschichte der Juden und Jüdinnen in Österreich
20.10.2026, 17:15-18:45, HS 230
Dr. Louise Hecht (Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg)
Judentum – Christentum: gängige Vorurteile, aktuelle Forschung
27.10.2026, 17:15-18:45, HS 230
Univ.-Prof. Dr. Susanne Plietzsch (Universität Salzburg)
Immer wieder alt und neu – Antisemitismus im Verlauf der Geschichte. Eine kursorische Einführung
03.11.2026, 17:15-18:45, HS 230
Assoz. Prof. DDr. Roland Cerny-Werner (Universität Salzburg)
Antisemitismus erscheint ein Begleiter der Jüd*innen im Lauf der Geschichte zu sein: Nahezu symbiotisch, untrennbar verbunden mit dem Leben einer*s Jüd*in? Wohl kaum! Nicht Jüd*innen leben in Symbiose mit antisemitischen Vorurteilen, Gewaltphantasien und realen Vernichtungsereignissen, sondern sie werden gezwungen diese zu erleiden. Das Symbiotische scheint eher die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften im historischen Verlauf zu determinieren.
Der Vortrag fragt also vor allem nach den Täter*innen, nach dem Entstehen, der Dynamisierung und der stetigen Reaktivierung von Ressentiments, Vorurteilen und Vernichtungsphantasien im Laufe der Geschichte, die Jüd*innen ins Zentrum der Angriffe stellten und immer wieder stellen.
‚Tarabas‘. Gesichter des Antisemitismus bei Joseph Roth
10.11.2026, 17:15-18:45, HS 230
Assoz. Prof. Dr. Armin Eidherr (Universität Salzburg), Ao. Univ.-Prof. em. Dr. Maria Dorninger (Universität Salzburg)
Joseph Roths epochaler Roman „Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde“ von 1934 zeigt verschiedene Formen des Antisemitismus und seine Auswirkungen auf Gesellschaft und einzelne Menschen.
Maria Dorninger wird diesen eindringlichen, aber wenig gelesenen Roman vorstellen. Michael Kehlmann (Regie und Buch) verfilmte den Roman kongenial. Sequenzen aus diesem Film werden dazu ergänzend präsentiert. Armin Eidherr erläutert den jüdisch-kulturellen Hintergrund der historischen Landschaft Galizien, in der „Tarabas“ zum größten Teil spielt.
Maria Dorninger,( i. R.) Studium der Germanistik und Latinistik in Salzburg. Seit 1996 Mitarbeiterin am Institut für Germanistik im Bereich ältere deutsche Literatur, Habilitation über Johann Rasser, Schwerpunkte und Publikationen: u.a. zur Literatur des 12. Jh.s, Frauen der Bibel in der deutschsprachigen Literatur, Reisen nach Jerusalem
Armin Eidherr, Studium der Germanistik und Romanistik in Salzburg. Seit 2005 Mitarbeiter und seit 2010 Professor für Jüdische Kulturgeschichte, Deutsch-Jüdische Literatur und Jiddistik an der Universität Salzburg.
Publikationen zur Neueren deutschen, deutsch-jüdischen, jiddischen und sefardischen Literatur.
Sigmund Freud, das jüdische Wien um 1900 und der Antisemitismus
17.11.2026, 17:15-18:45, HS 230
Ass.-Prof. Dr. Philipp Lenhard, MA (Institut für jüdische Geschichte in Österreichs St. Pölten)
Die meisten Psychoanalytiker:innen der ersten Stunde aus dem Kreis um Sigmund Freud waren Juden. Macht dies die Psychoanalyse zu einer „jüdischen Wissenschaft“, wie damals nicht nur von Antisemit:innen behauptet wurde? Freud selbst verneinte das entschieden und verwies sehr zurecht auf den universellen Anspruch der von ihm entwickelten Disziplin. Dennoch lässt sich aus einer historischen Perspektive die Entstehung der Psychoanalyse in den kulturellen Kontext des jüdischen Bürgertums Wiens um die Jahrhundertwende einordnen. Insofern kann die psychoanalytische Theorie in gewissen Grenzen auch als Schlüssel zum Verständnis dieses sozialen Milieus verwendet werden. Dies zeigt sich nicht nur, aber auch anhand der psychoanalytischen Erklärung des Antisemitismus, die im Vortrag rekonstruiert und zu den Erfahrungen und Biographien bedeutender Psychoanalytiker:innen in Beziehung gesetzt wird.
Philipp Lenhard ist Assistenzprofessor für Jüdische Geschichte Österreichs an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten. Nach dem Studium der Judaistik, Philosophie und Anglo-Amerikanischen Geschichte an der Universität zu Köln wurde er 2014 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Arbeit zur deutsch-französisch-jüdischen Geschichte des 18. Jahrhunderts promoviert und habilitierte sich 2022 dort mit einer Studie über die jüdische Geschichte der Freundschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Lenhard vertrat 2016/17 die Professur für Judaistik in Köln und 2024 bis 2026 den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur in München. Von 2022 bis 2024 war er DAAD Associate Professor of History and German an der University of California in Berkeley. Für seine Forschung erhielt er unter anderem den Max-Weber-Preis der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und den Rosl- und Paul-Arnsberg-Preis für jüdische Geschichte Frankfurts.
Israelbezogener Antisemitismus als Streitfall. Der Nahostkonflikt und dessen unterschiedliche Interpretationen
24.11.2026, 17:15-18:45, HS 230
Ao. Univ.-Prof. Dr. Helga Embacher (Universität Salzburg)
Israelbezogener Antisemitismus dominiert seit Beginn des 21. Jahrhunderts die Debatte um einen „neuen Antisemitismus“. Diese wird häufig losgelöst vom sehr komplexen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und den darin involvierten zahlreichen Akteuren geführt. Die Vorlesung gibt einen Überblick über die Geschichte der Nahostkonflikte, wobei der Fokus auf zentrale historische und gegenwärtige Ereignisse gelegt wird, worauf sich die Debatte um einen israelbezogenen Antisemitismus immer wieder bezieht: die zionistische Einwanderung vor der Staatsgründung, Staatsgründung und Nakba, Sechstagekrieg 1967, Osloer Abkommen der 1990er Jahre, Zweite Intifada sowie der terroristische Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 mit den Folgekriegen.
Helga Embacher war bis 2025 ao. Univ. Prof für Zeitgeschichte an der Universität Salzburg mit den Forschungsschwerpunkten Nationalsozialismus, Israel und Naher Osten, Migration und Antisemitismus aus einer globalen Perspektive. Gemeinsam mit Alexandra Preitschopf leitete sie an der Akademie der Österreichischen Wissenschaften das Projekt zur Bestandsaufnahme des Antisemitismus im 21. Jahrhundert, dessen Ergebnisse 2027 publiziert werden.
Verstehen, Bilden, Handeln: Schule gegen Antisemitismus
01.12.2026, 17:15-18:45, SR 1.42
Dr. Adelheid Schreilechner (PH Salzburg)
Der Umgang mit Antisemitismus in Unterricht und Schule ist anspruchsvoller geworden. Traditionelle Zugänge, die Jüdinnen und Juden vor allem im Zusammenhang mit der Shoah oder das Judentum ausschließlich als Religion thematisieren, reichen heute oft nicht mehr aus, um die vielfältigen Perspektiven und gesellschaftlichen Realitäten abzubilden, die sich auch in Klassenzimmern und Schulen widerspiegeln.
In einer Zeit kontroverser Debatten und sich überlagernder Diskurse ist es notwendig, unterschiedliche Erscheinungsformen des Antisemitismus zu erkennen, voneinander abzugrenzen und kritisch zu analysieren. Dabei gilt es, historische und aktuelle Bezüge, gesellschaftliche Konfliktlinien sowie unterschiedliche politische und ideologische Positionen differenziert zu betrachten. Ziel ist es, Komplexität sichtbar zu machen, Widersprüche zu reflektieren und eine fundierte Urteilsbildung zu fördern.
Die Vorlesung analysiert zunächst traditionelle Ansätze der Antisemitismus- und Holocaustbildung und diskutiert deren Chancen und Grenzen. Darauf aufbauend werden aktuelle Herausforderungen im schulischen Kontext beschrieben sowie pädagogische und didaktische Handlungsmöglichkeiten vorgestellt. Anhand konkreter Beispiele aus Unterricht und Schulpraxis werden Strategien zur Prävention von Antisemitismus erarbeitet und gemeinsam reflektiert.
Die Teilnehmenden werden darin gestärkt, antisemitische Äußerungen, Vorurteile und Diskriminierungsformen frühzeitig zu erkennen, angemessen darauf zu reagieren und eine demokratische, respektvolle Lernkultur zu fördern.
Adelheid Schreilechner, Lehramt für Geschichte, Politische Bildung und Deutsch, langjährige Unterrichtserfahrung, Lehrerbildnerin an der pädagogischen Hochschule, Fachdidaktikerin für Geschichte und Politische Bildung.
Erinnern – Gedenken – Vergessen – Verdrängen: Das Nachwirken der NS-Zeit
15.12.2026, 17:15-18:45, SR 1.42
Univ.-Prof. em. Albert Lichtblau (Universität Salzburg)
Ein Manko der Erinnerung an die NS-Zeit blieb, dass die Täterinnen und Täter in Österreich nur in der Anfangsphase der Nachkriegszeit in den Verfahren der Volkgerichte zum Reden gezwungen wurden. Bald löste der Kalte Krieg das Interesse an der Aufarbeitung ab, spätere Gerichtsverfahren wurden vor Geschworenengerichten abgehandelt und endeten mit (skandalösen) Freisprüchen. Aber selbst diese Verfahren sind wichtige Dokumente über die kriminellen Handlungen während der NS-Zeit, vor allem durch die Aussagen von Überlebenden.
Der österreichische Opfermythos widersetzte sich der Erinnerung an die NS-Verbrechen. Jemand wie Simon Wiesenthal, der Täterinnen und Täter vor Gericht bringen wolle (ein Buchtitel hieß: Recht, nicht Rache), galt als Provokation. Erst die Wahl von Kurt Waldheim und dessen räumliche und personelle Nähe zu Morden und das Aufkommen des die NS-Zeit verharmlosenden Rechtspopulismus rund um Jörg Haider brachten einen Wechsel in der Erinnerungspolitik, die sich auf mehreren Ebenen äußerte. So wurde das Jüdische Museum Hohenems 1991, jenes in Wien 1993 eröffnet, zugleich erregte die sogenannte „Wehrmachtsausstellung“ den Unmut der noch lebenden Kriegsteilnehmer.
In der Vorlesungseinheit wird es um folgende Themen gehen:
„Gedenken“ zwischen Routine und Engagement, konkrete Projekte zwischen Erinnerungspflicht und privatem Erinnern, die Geburt der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (Schulen, Medien, öffentliche Wahrnehmung), die hoch gesteckten Erwartungen an „Erinnern“ und „Gedenken“ (z. B.: Nie Wieder!), das Ignorieren einiger Opfergruppen, Ausstellungen und Gedenkorte am Beispiel von Salzburg und Österreich.
Albert Lichtblau, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien. Zuletzt bis 2019 Professor am Fachbereich Geschichte und stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg.
Zahlreiche Publikationen, Gastprofessuren an der University of Chicago, New School for Social Research (New York), Kurator mehrerer Ausstellungen, aktiv in der International Oral History Association.
Forschungsschwerpunkte: Migration, Exil, jüdische Geschichte, Antisemitismus und Rassismus, audiovisuelle Geschichte und Oral History, Erinnerungskulturen.
Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung
12.01.2027, 17:15-18:45, HS 230
PD Dr. Ingo Elbe (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Die im akademischen und kulturellen Bereich inzwischen vielfach tonangebenden Postcolonial Studies werden von dem Gedanken geleitet, dass sich koloniale Spuren im Wissenssystem und in den sozialen Strukturen von Gesellschaften auch nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft finden. Sie beanspruchen zudem, mit dem Prinzip der „Kolonialität“ einen Schlüssel zum Verständnis von Judentum, Zionismus und Shoah gefunden zu haben.
Der Vortrag fragt nach theoretischen Verzerrungen, die dadurch entstehen können: die begriffliche Auflösung des Antisemitismus in bestimmte Formen des Rassismus, die Relativierung des Holocaust zum Kolonialverbrechen, die Dämonisierung Israels und die Ausblendung des islamischen und arabischen Antisemitismus.
Thematisiert werden auch die politischen Konsequenzen dieses Diskurses, die sich in Deutschland vor allem in der sogenannten Mbembe-Debatte, dem „Historikerstreit 2.0.“ sowie der documenta fifteen gezeigt haben und seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 weltweit auftreten. Es wird der Frage nachgegangen, wie es möglich wurde, dass an westlichen Elite-Universitäten inzwischen angesehene Intellektuelle das Massaker der Hamas als Befreiungsakt feiern und Studenten offen zum Mord an Zionisten aufrufen.
Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Letzte Publikationen u.a.: Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik, Berlin 2022 (als Mitherausgeber) sowie Hannah Arendts Bild des Holocaust – mit einem Ausblick auf seine postkolonialen Erben. In: A. Stahl/M. Seul u.a. (Hg.): Erinnern als höchste Form des Vergessens. (Um-) Deutungen des Holocaust und der Historikerstreit 2.0, Berlin 2023. Postcolonialism, Antisemitism, and Israel: The ‘Progressive’ Attack on the Jewish State and Holocaust Memory. In: I. Ritzer (Hg.): On the Critique of Identity. Stuttgart 2024. „By Any Means Necessary” – Authoritarianism and the Potential for Violence in Anti-Zionist Postcolonial Discourse. In: Israel Journal of Foreign Affairs, July 2025. Aktuelles Buch: Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung. 3. Aufl. Berlin 2025. Online-Texte unter: https://uol.de/philosophie/pd-dr-ingo-elbe/publikationen
Jüdische Gemeinden heute
19.01.2027, 17:15-18:45, HS 230
Helene Shani Braun (Abraham Geiger Kolleg Potsdam)
Abschlussdiskussion
26.01.2027, 17:15-18:45, HS 230