Kerngebiet Gebärdensprachlinguistik

GebärdensprachlinguistikGrafik @ Julia Krebs

Das Kernfach Gebärdensprachlinguistik bietet Studierenden die Möglichkeit, sich vertieft mit Gebärdensprachen auseinanderzusetzen. Angeboten werden theoretische Kurse zu Grammatik, Erwerb und neuronaler Verarbeitung von Gebärdensprachen sowie praktische Kurse in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS). Neben diesem Lehrangebot wird im Bereich Gebärdensprachlinguistik auch aktiv geforscht – die Forschungsergebnisse fließen wiederum in die Lehre ein. Mehr zu Forschung und Lehrangebot finden Sie weiter unten.

Gebärdensprachen und Gebärdensprachlinguistik

Gebärdensprachen sind vollwertige, natürliche Sprachen – mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und einer komplexen, regelgeleiteten Struktur. Sie sind die Alltagssprachen tauber Menschen. Jede Gebärdensprache verfügt über eine eigene Grammatik, die sich sowohl von der Grammatik anderer Gebärdensprachen als auch von der Grammatik der umgebenden Lautsprache(n) unterscheidet. So unterscheidet sich beispielsweise die grammatische Struktur der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) sowohl von jener der Italienischen oder Deutschen Gebärdensprache als auch von der deutschen Lautsprache. Gebärdensprachen werden im dreidimensionalen Raum durch manuelle (Hände und Arme) sowie nicht-manuelle Komponenten gebildet. Zu den nicht-manuellen Komponenten zählen die Position und Bewegung von Oberkörper, Kopf und Schultern sowie Artikulatoren im Gesichtsbereich wie Augenbrauen, Wangen, Lippen oder Blick.

Die Gebärdensprachlinguistik ist ein Teilbereich der Sprachwissenschaft, der sich mit der Erforschung und Analyse von Gebärdensprachen befasst. Sie geht dabei unter anderem folgenden Fragen nach:

  • Wie werden grammatische Strukturen wie Verbübereinstimmung, Pluralmarkierung oder verschiedene Satztypen in Gebärdensprachen realisiert?
  • Welche grammatischen Funktionen übernimmt der dreidimensionale Raum?
  • Welche sprachlichen Eigenschaften sind universell, welche treten ausschließlichin Laut- oder ausschließlich in Gebärdensprachen auf?
  • Wie unterscheiden sich verschiedene Gebärdensprachen weltweit voneinander, und was haben sie gemeinsam?
  • Wie verändern sich Gebärdensprachen über Generationen hinweg?
  • Wie werden Gebärdensprachen im Gehirn verarbeitet, und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen zur Verarbeitung von Lautsprachen?
  • Wie erwerben Kinder Gebärdensprache als Erstsprache und Erwachsene als Zweitsprache?
  • Welche Rolle spielt Ikonizität (die Ähnlichkeit zwischen der Form einer Gebärde und ihrer Bedeutung) im Hinblick auf Verarbeitungs- und Erwerbsprozesse von Gebärdensprachen?

Warum die Erforschung von Gebärdensprachen wichtig ist

Die Untersuchung von Gebärdensprachen aus linguistischer Perspektive ist für die Sprachwissenschaft von großer Bedeutung. Gebärdensprachen ermöglichen es uns Rückschlüsse darüber zu ziehen, welche Aspekte von Sprache, Spracherwerb und Sprachverarbeitung unabhängig von der Sprachmodalität sind – also unabhängig davon, ob eine Sprache gebärdet oder gesprochen bzw. visuell oder auditiv wahrgenommen wird – und somit für alle Sprachen gleichermaßen gelten. Ebenso lässt sich untersuchen, welche Aspekte hingegen modalitätsabhängig sind.

Darüber hinaus ist die Forschung wichtig, um die gesellschaftliche Anerkennung von Gebärdensprachen zu stärken und dazu beizutragen, Gebärdensprachen, Gehörlosenkultur und die Perspektiven der Gehörlosencommunity in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Für taube Menschen bestehen nach wie vor viele Barrieren und Formen von Diskriminierung. Obwohl die ÖGS seit 2005 in Österreich als eigenständige Sprache gesetzlich anerkannt ist, fehlt oft ein barrierefreier Zugang zu Bildung und Gesellschaft. Rund 95 % der tauben Kinder haben hörende Eltern und erhalten dadurch meist keinen Zugang zur Gebärdensprache von Geburt an. Eltern wird dabei oftmals davon abgeraten, mit ihren Kindern zu gebärden – aus der Annahme heraus, dies würde den Lautspracherwerb verhindern oder erschweren. Diese Annahme gilt jedoch längst als widerlegt: Eine gut ausgebildete Erstsprache, die in den frühen Lebensjahren vollständig erworben wird – unabhängig davon, ob es sich um eine Gebärden- oder eine Lautsprache handelt – bildet die Basis für den Erwerb weiterer Sprachen. Studien zeigen zudem, dass Kinder, die früh Gebärdensprache erlernen, bessere Lese- und Schreibfähigkeiten entwickeln als Kinder, die ohne Gebärdensprache aufwachsen oder diese erst spät erlernen.

Für taube Kinder ist die Gebärdensprache die einzige Sprache, die von Geburt an barrierefrei zugänglich ist. Expert:innen plädieren daher klar dafür, dass taube Kinder von Anfang an Zugang zu Gebärdensprache haben sollten – unabhängig davon, ob sie später mithilfe einer Hörhilfe zusätzlich die Lautsprache als Zweitsprache erlernen. Bleibt dieser frühe Zugang aus, besteht für taube Kinder das Risiko einer Sprachdeprivation, also eines Mangels an ausreichendem sprachlichem Input in der frühen Kindheit. Sprachdeprivation kann sich auf die sprachliche und kognitive Entwicklung, die Identitätsbildung, die psychische Gesundheit sowie auf den schulischen Erfolg und die beruflichen Chancen tauber Menschen auswirken. Der fehlende Zugang zu Gebärdensprache betrifft auch den Schulbereich: In Österreich – wie auch in vielen anderen Ländern – wird die Gebärdensprache oftmals nicht als Unterrichtssprache eingesetzt – auch nicht an den meisten Gehörlosenschulen.

Lehre am Fachbereich Linguistik

Im Bachelor- und Masterstudium Linguistik können sich Studierende im Bereich Gebärdensprachlinguistik vertiefen: Im Bachelorstudium steht dafür das Wahlmodul „Österreichische Gebärdensprache (ÖGS)“ zur Verfügung, im Masterstudium das Erweiterungsmodul „Gebärdensprachen“.

Bachelorstudium – Wahlmodul Österreichische Gebärdensprache (ÖGS)

  • Praktische Sprachkurse ÖGS 1 und 2 (Zielniveau A1)
  • Theoretische Seminare zu Gebärdensprachlinguistik und ÖGS-Grammatik

Masterstudium – Erweiterungsmodul Gebärdensprachen

  • Aufbauender Sprachkurs ÖGS 3 (Zielniveau A1+/A2)
  • Theoretische Seminare zur experimentellen Erforschung von Gebärdensprachen, z.B. zur Verarbeitung im Gehirn und zum Erwerb als Erst- bzw. Zweitsprache

Bachelor- und Masterarbeiten zu gebärdensprachlinguistischen Themen können bei Julia Krebs als Betreuerin verfasst werden. Das Fach Gebärdensprachlinguistik sowie das Sprachfach ÖGS können zudem als Prüfungsfächer bei Bachelor- und Masterabschlussprüfungen gewählt werden.

Forschung zur ÖGS

An unserem Fachbereich erforschen wir die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) – insbesondere ihre Grammatik, ihren Erwerb sowie ihre neuronale Verarbeitung. Unsere Forschung ist in nationale und internationale Kooperationen im Bereich der Gebärdensprachlinguistik und der kognitiven Neurowissenschaft eingebettet.

Die Forschungsarbeiten entstehen in Zusammenarbeit mit der österreichischen Gehörlosencommunity. Ihre Mitglieder sind die Expert:innen für ihre eigene Sprache – diese Zusammenarbeit ist für eine wissenschaftlich fundierte und respektvolle Forschung und Lehre daher für uns unverzichtbar. Mit unserer Forschung zur ÖGS wollen wir dazu beitragen, die gesellschaftliche Anerkennung der ÖGS zu stärken und die Grundlage für geeignete Lehr- und Lernmaterialien zu schaffen.

Laufende Projekte
  • 2026 – 2027: Wissenschaftliche-Technische Zusammenarbeit (WTZ) Projekt “Modality in Austrian Sign Language (ÖGS) and Croatian Sign Language (HZJ): Typological differences between an SOV and an SVO language”.         Projektbeteiligte: Julia Krebs und Marina Milković (Universität Zagreb)
  • 2023 – 2028: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) ESPRIT Projekt “Komplexe Prädikate in der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS)” (10.55776/ESP252);  https://www.fwf.ac.at/forschungsradar/10.55776/ESP252 Projektbeteiligte: Julia Krebs und Julia Martetschläger
  • 2022 – 2027: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) “ Die Grammatik von Bewegungsmustern in der Gebärdensprache” (10.55776/P35671);  https://www.fwf.ac.at/forschungsradar/10.55776/P35671                     Projektbeteiligte: Ronnie B. Wilbur (Purdue University), Evie A. Malaia (University of Alabama), Hermann Schwameder (Universität Salzburg), Eric Harbour (Universität Salzburg), Julia Martetschläger, Julia Krebs und Dietmar Roehm (Universität Salzburg)

Team

Ass.-Prof. Dr. Julia Krebs (hörend, ÖGS als Fremdsprache)
Kontakt:

Julia Krebs

Julia Krebs beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Grammatik, dem Erwerb und der neuronalen Verarbeitung der ÖGS. Dabei verbindet sie gemeinsam mit ihren Forschungskolleg:innen theoretisch-linguistische Ansätze mit verschiedenen experimentellen Methoden (z. B. Motion Capture), um sprachliche Phänomene wie Wortstellung, Argument- und Ereignisstruktur sowie die grammatische Rolle von Bewegungen und nicht-manuellen Markern systematisch zu untersuchen. Ihr übergeordnetes Ziel ist es, die linguistische Beschreibung der ÖGS zu erweitern und ein besseres Verständnis für grundlegende Fragen zu Sprache, Kognition und Modalität zu erlangen. Die Forschungsarbeiten entstehen in Zusammenarbeit und im Austausch mit der Gehörlosencommunity. Am Fachbereich Linguistik unterrichtet sie die theoretischen Kurse im Bereich Gebärdensprachlinguistik und betreut Bachelor- und Masterarbeiten zu diesem Themenfeld.

Waltraud Unterasinger (taub, geprüfte Gebärdensprachpädagogin)
Kontakt:

Unterasinger

Waltraud Unterasinger ist geprüfte ÖGS-Pädagogin und unterrichtet Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) an verschiedenen Bildungseinrichtungen – sowohl im schulischen Bereich als auch in der Erwachsenenbildung. Am Fachbereich Linguistik leitet sie die ÖGS-Sprachkurse. Darüber hinaus begleitet und unterstützt sie die ÖGS-Forschung in Salzburg bereits seit deren Anfängen.

Julia Martetschläger, MSc (Dissertantin, hörend, ÖGS als Fremdsprache)
Kontakt:

Martetschläger

Julia Martetschläger ist Mitarbeiterin im Projekt “Komplexe Prädikate in der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS)” und befasst sich in ihrer Doktorarbeit mit Adjektiven in der ÖGS.

Auswahl an Publikationen

Krebs, J., Wilbur, R. B., & Malaia, E. A. (2026). Testing the Event Visibility Hypothesis in Austrian Sign Language (ÖGS), Language and Cognition, 18, e14, 1–31.

Malaia, E. A., Borneman, S. C., Borneman, J., Krebs, J., & Wilbur, R. B. (2026) Age and language experience modulate predictive processing in the visual modality. PLOS ONE, 21(5): e0346695.

Krebs, J. (2025). Linguistische Funktionen der Bewegungskomponente in der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS). Das Zeichen. Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser, 39(125), 90-99.

Krebs, J., Harbour, E., Malaia, E. A., Wilbur, R. B., Schwameder, H., & Roehm, D. (2025). Grammatical control of sign language production: EMG and motion capture analysis of adjective intensification in Austrian Sign Language (ÖGS). Frontiers in Language Sciences, 4, 1632226.

Krebs, J., Harbour, E., Malaia, E., Wilbur, R., Martetschläger, J., Schwameder, H. & Roehm, D. (2025). Sign Language Encodes Event Structure Through Neuromotor Dynamics: Motion, Muscle, and Meaning. Frontiers in Psychology, 16, 1689676.

Krebs, J. (2025). How animacy impacts word order in Austrian Sign Language (ÖGS): Evidence from sentences with inanimate subject arguments. Lingua, 325, 104003.

Krebs, J., & Fenkart, L. (2024). Einführung in die Grammatik der Österreichischen Gebärdensprache. Das Handbuch. Verlag Fenkart.

Krebs, J. & Wilbur, R. B. (2024). Word order in the context of extensional and intensional events in Austrian Sign Language (ÖGS), Glossa: a journal of general linguistics, 9(1).

Krebs, J., Wilbur, R. B., Roehm, D. & Malaia, E. A. (2023). Neural mechanisms of Event Visibility in sign languages. Language, Cognition, and Neuroscience, 38(9), 1282-1301.

Krebs, J., Wilbur, R. B., Alday, P. M. & Roehm, D. (2019). The impact of transitional movements and non-manual markings on the disambiguation of locally ambiguous argument structures in Austrian Sign Language (ÖGS). Language and Speech, 62(4), 652-680.

Krebs, J., Malaia, E., Wilbur, R. B. & Roehm, D. (2018). Subject preference emerges as cross-modal strategy for linguistic processing. Brain Research, 1691, 105-117.