Kerngebiet Theoretische Linguistik

Theoretische LinguistikGrafik @ Magdalena Lohninger

Die theoretische Linguistik ist ein Teilbereich der Linguistik, der sich mit dem Aufbau, der Systematik und den grundlegenden Prinzipien menschlicher Sprache beschäftigt. Sie untersucht, wie Sprache funktioniert, wie Menschen sprachliche Strukturen bilden und verstehen, und welche Aspekte natürlichsprachlicher Grammatik universell (allen Sprachen gemein) beziehungsweise variabel und sprachspezifisch sind.

Zu den Bereichen der theoretischen Linguistik gehören die Erforschung von Lautlehre (Phonetik & Phonologie), Wortbildung (Morphologie), Strukturen und Satzbau (Syntax), wörtlicher Bedeutung von Wörtern und Sätzen (Semantik) sowie deren Bedeutung im kommunikativen Kontext (Pragmatik). Die Phänomene der theoretischen Linguistik werden in existierenden Einzelsprachen, ihren historischen Vorgängern, sowie im Sprachvergleich untersucht. Ebenso spielen Sprachdokumentation und Typologie eine wichtige Rolle. 

Hast du dich noch nie gewundert warum…

  • …Deutschsprechende d und t in den Wörtern „Rat“ und „Rad“ gleich aussprechen, aber „Räte“ und „Räder“ nicht? 
  • … das Wort “Schokokuchenglasur” zwei Bedeutungen hat?
  • … der Satz “Keiner meiner Hunde war je am Meer” vollkommen grammatisch ist, aber der Satz “Jeder meiner Hunde war je am Meer” seltsam und ob das mit der Bedeutung von “je” zusammenhängt?
  • …wir den Satz “Jede Katze ist ein Affe” verstehen, obwohl er keinen Sinn macht?
  • …Sprecher:innen österreichischer und deutscher Dialekte “Wennst magst” sagen anstatt “Wenn du magst”?

All das und noch viel mehr erforschen wir in der theoretischen Linguistik!

Teilbereiche der theoretischen Linguistik

Phonetik

Die Phonetik untersucht die physikalischen Eigenschaften von Sprachlauten, ihre Artikulation durch die Sprechorgane sowie ihre Übertragung und Wahrnehmung.

  • Welche biologischen, kognitiven und physikalischen Prinzipien bestimmen die Produktion und Wahrnehmung menschlicher Sprachlaute?
  • Inwiefern sind die lautlichen Eigenschaften menschlicher Sprache durch die Anatomie und Physiologie des Menschen begrenzt?
  • Welche universellen und sprachspezifischen Muster prägen die lautliche Realisierung menschlicher Sprache?
Phonologie

Die Phonologie untersucht, wie Sprachlaute innerhalb einzelner Sprachen systematisch organisiert sind und welche abstrakten Prinzipien ihre Verteilung und Funktion bestimmen.

  • Welche universellen Prinzipien strukturieren die Lautsysteme menschlicher Sprachen, und inwiefern unterscheiden sich diese Systeme voneinander?
  • Wie entstehen phonologische Muster, und welche kognitiven oder grammatischen Prinzipien erklären ihre Regelmäßigkeiten?
  • In welchem Verhältnis stehen die physikalischen Eigenschaften von Sprachlauten und ihre abstrakte Funktion im Sprachsystem?

Auch in Gebärdensprachen gelten phonologische Gesetze. Sie bestimmen dann beispielsweise, welche Formen der Handhaltung und welche Handbewegungen in einer Sprache möglich sind.

Morphologie

Die Morphologie untersucht den inneren Aufbau von Wörtern und die Prinzipien, nach denen sprachliche Einheiten zu komplexen Wortformen und neuen Wörtern kombiniert werden.

  • Nach welchen universellen Prinzipien sind Wörter aufgebaut, und welche Unterschiede zeigen sich im morphologischen System verschiedener Sprachen?
  • Wie ist das Verhältnis zwischen Wortstruktur, grammatischer Information und sprachlicher Bedeutung?
  • In welchem Umfang wird die Wortbildung durch allgemeine Regeln bestimmt, und welche Rolle spielen Ausnahmen und sprachspezifische Konventionen?
Syntax

Die Syntax untersucht die strukturellen Prinzipien, nach denen Wörter zu Phrasen und Sätzen kombiniert werden, und fragt danach, welche Regelhaftigkeit menschliche Satzbildung ermöglicht und begrenzt.

  • Welche grundlegenden Prinzipien bestimmen den Aufbau syntaktischer Strukturen in menschlichen Sprachen, und in welchem Ausmaß sind diese universell?
  • Wie hängen syntaktische Struktur und sprachliche Bedeutung zusammen, und inwiefern beeinflusst die Struktur eines Satzes seine Bedeutung?
  • Wie lässt sich die Vielfalt syntaktischer Strukturen in den Sprachen der Welt durch ein gemeinsames theoretisches Modell erklären?
Semantik

Die Semantik untersucht die systematischen Prinzipien sprachlicher Bedeutung und erklärt, wie Bedeutungen von Wörtern und grammatischen Strukturen zu komplexen Satzbedeutungen zusammengesetzt werden.

  • Wie entsteht sprachliche Bedeutung?
  • Welche universellen Prinzipien bestimmen, wie Menschen sprachliche Ausdrücke interpretieren?
  • Wie hängen sprachliche Bedeutung, menschliches Denken und die Struktur der Wirklichkeit zusammen?
Pragmatik

Die Pragmatik untersucht, wie sprachliche Äußerungen in konkreten Situationen interpretiert werden und wie Kontext, Sprecherintentionen und gemeinsames Wissen zur Bedeutungsbildung beitragen.

  • Wie entsteht Bedeutung aus dem Zusammenspiel von sprachlichem Ausdruck, Kontext und kommunikativer Intention?
  • Welche universellen Prinzipien steuern, wie Menschen implizite Bedeutungen erschließen und sprachliche Äußerungen interpretieren?
  • Wo liegen die Grenzen zwischen sprachlich kodierter Bedeutung und kontextabhängiger Interpretation?

Lehre am Fachbereich Linguistik

Im Bachelorstudium Linguistik sowie im Masterstudium Sprachwissenschaft/Language Science erwarten Sie folgende theoretische Lehrveranstaltungen:

Bachelorstudium Linguistik

  • Phonetik & Transkription
  • Phonologie I & II
  • Morphologie I & II
  • Semantik I & II
  • Syntax I & II
  • Pragmatik
  • Sprachstrukturkurse
  • Methoden der Feldforschung
  • Typologie
  • Variierende (Pro-)Seminare mit theoretischen Schwerpunkten

Masterstudium Language Science

  • Theoretische Modellierung sprachlicher Struktursysteme
  • Case Studies – Theoriegeleitete Analyse sprachübergreifender Daten
  • Sprachtheorie
  • Experimentelle Grammatikforschung – Datengewinnung & Evaluierung

Bachelor- und Masterarbeiten zu Themen aus der theoretischen Linguistik können bei Susanne Wurmbrand und Magdalena Lohninger (nur BSc Arbeiten) als Betreuerin verfasst werden. Teilgebiete der theoretischen Linguistik können zudem als Prüfungsfächer bei Bachelor- und Masterabschlussprüfungen gewählt werden.

Team

Univ.-Prof. Dr. Susanne Wurmbrand
Kontakt:

Wurmbrand

Susanne Wurmbrands zentrales Forschungsgebiet ist theoretische Syntax, und sie beschäftigt sich sowohl mit Fragen der formalen Theoriebildung als auch mit Fragen der Sprachvariation und des Sprachvergleichs. Die theoretischen Fragestellungen, denen sie nachgeht, sind häufig in der sprachlichen Variation (sowohl Makro- als auch Mikrovariation) verankert. Ziel ist es, Theorien zu entwickeln, die einen Rahmen für die sprachübergreifend stabilen, möglicherweise universellen Eigenschaften von Sprache bieten und zugleich flexibel genug sind, um der Variation gerecht zu werden und auch die variablen Eigenschaften, die sich im Sprachvergleich zeigen, auf plausible und erkenntnisfördernde Weise zu erfassen. Ein großer Teil ihrer Arbeiten befasst sich mit Schnittstellenphänomenen, insbesondere mit der Interaktion der Syntax mit der Morphologie/Phonologie und der Semantik (wie unter anderem die Syntax, Semantik und Morphologie von Tempus, Pronomen, anaphorischen Beziehungen, Satzstruktur, Kasus und Kongruenz). Weiters untersucht sie die Stellung von Grammatik in einem System von Sprache und Sprachgebrauch, sowie das Verhältnis von theoretischer Linguistik und Artificial Intelligence.
Sprachen & Sprachgruppen im Fokus ihrer Forschung: germanische, slawische, südostasiatische, austronesische Sprachen

Dr. Magdalena Lohninger (PostDoc)
Kontakt:

Foto © Jonathan Ihlow

Magdalena Lohninger forscht in der komparativen formalen Syntax. Sie beschäftigt sich mit Phrasenbewegung, Topikalisierung, Subjektsanhebung und Satzeinbettung in einer Vielzahl verschiedener Sprachen. Derzeit liegt ihr Forschungsschwerpunkt auf finiten eingebetteten Sätzen, mit Fokus auf österreichischen Dialekten. Dabei ist ihr nicht nur die syntaktische Erforschung dieser Konstruktionen wichtig, sondern auch die umfassende Beschreibung österreichischer Dialekte, mit dem Ziel, dazu beizutragen, diese gesellschaftlich als komplexe Sprachsysteme mit eigenständiger Grammatik wahrzunehmen, anstatt als „Substandard“.
Sprachen & Sprachgruppen im Fokus ihrer Forschung: Austronesische, germanische, romanische, slawische Sprachen, Turksprachen

Anita Prokop, BA BA MA (Doktorandin)
Kontakt:

Prokop

Anita Prokop arbeitet an der Schnittstelle zwischen Syntax und Semantik. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich sprachübergreifend mit ungewöhnlichen Frage-Antwort-Mustern und mit der Frage, was passiert, wenn man eine besondere Betonung auf ‚stillen‘ Elementen im Satz ausdrücken möchte.
Sprachen & Sprachgruppen im Fokus ihrer Forschung: Deutsch, Slawische Sprachen (Slowenisch), Ungarisch

Franziska Keller, BSc MA (Doktorandin, Projektangestellte)
Kontakt:

Keller

Franziska Keller ist Doktorandin im dritten Jahr und arbeitet in dem Projekt Language between Deficiency and Redundancy. Ihre Forschung beschäftigt sich vor allem mit den Schnittstellen zwischen Syntax und Morphologie und Syntax und Semantik. Im Bereich Syntax-Morphologie liegt ihr Fokus auf nicht-konkatenativen Phänomenen, wie Root-and-Pattern Morphology im Semitischen. Bezüglich der Schnittstelle Syntax-Semantik interessiert sie sich für Fake indexial pronouns und Resumptivpronomen. 
Sprachen & Sprachgruppen im Fokus ihrer Forschung: Semitische Sprachen, Arabisch

 Filipe Hisao Kobayashi, PhD (PostDoc, Projektangestellter)
Kontak:

Filipe Hisao Kobayashi ist Postdoktorand im Bereich der theoretischen Linguistik an der Universität Salzburg und arbeitet gemeinsam mit Susanne Wurmbrand am FWF-Projekt Mismatches in Binding and Coreference, einem Teilprojekt des SFB Language between Redundancy and Deficiency. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der formalen Semantik und ihren Schnittstellen zur Syntax und Pragmatik, insbesondere mit Fragen der Intensionalität, Pluralität, Referenz und der Semantik von Fragen. Im Rahmen des SFB untersucht er das Verhältnis zwischen syntaktischer Struktur und pronominaler Interpretation mit einem besonderen Schwerpunkt auf Bindung und Indexikalität.
Sprachen & Sprachgruppen im Fokus seiner Forschung: Brasilianisches Portugiesisch, Englisch

Laufende Projekte

FWF Projekt Mismatches in binding and coreference
PI: Prof. Dr. Susanne Wurmbrand
Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen: Filipe Kobayashi (PostDoc), Franziska Keller (PraeDoc)
Subprojekt 3 des SFB Projekts   Language between redundancy and deficiency (G338), Coordinator E. Onea, University of Graz)
Beginn: 1.3.2024
Ende: 29.2.2028

Early Career Grant Unidirectional Mismatches at the Syntax-Semantics Interface
PI: Dr. Magdalena Lohninger
Studienassistent:innen: Janina Braun, Dominik Dobesberger, Dominik Kainhofer
Beginn: 15.04.2026
Ende: 15.10.2027