20 Jahre Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen

20 Jahre
Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen

Paradoxe Beziehungen? Individuelle Spiritualität und politisierte Religion

Datum: 28-29.09 2026
Ort: HS 101 und Panels HS 103/107 (EG) (Reservierung erfolgt)

Persönliche Spiritualität nimmt in der Wahrnehmung der letzten Jahre immer mehr Raum ein. Religionen werden demgegenüber vermehrt als Organisationen und Institutionen wahrgenommen.

Neben dem Rückzug von Religion ins Private zeigt sich aber auch ein Aufschwung engagierter Spiritualität, etwa im Kontext der Klimakrise. Zudem werden rechtskonservative, fundamentalistische und radikale Formen von Religion sichtbar, die vor allem politische Ziele verfolgen und dazu auf religiöse Symbole, Identitäten und Narrative zugreifen. Diese Dynamiken wirken wiederum auf die Praxis und das Verständnis von  Spiritualität und persönlicher Religiosität zurück.

Diese Tagung anlässlich des 20jährigen Bestehens des Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen setzt sich mit dieser aktuellen und paradoxen Gleichzeitigkeit von persönlicher Spiritualität sowie politisierter Religion andererseits auseinander und fragt nach Differenzierungen sowohl für die Religionsforschung als auch für die gesellschaftlichen und globalen Entwicklungen.

 

Programm:

Montag, 28. September 2026:
10:00 Registrierung | Musik

10:30 Einführung und Grußworte
Prof. Dr. Martin Rötting
Dekan Prof. Dr. Dietmar Winkler
Rektor Prof. Dr. Bernhard Fügenschuh

11:00 Franz Gmainer Pranzl (Salzburg)
Geschichte und Gegenwart des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen: eine Antwort auf die „Zeichen der Zeit“

11:30 Buchvorstellung
In Memorium Ulrich Winkler

12:30 Mittag (Imbiss vor Ort)

Interkulturelle Theologie

13:30 Claudia Jahnel (Hamburg):
Zwischen religiösem Trauma und Erinnerungspolitik Religionsdiskurs und religiöse Produktivität der Restitutionsdebatte

14:30 Rodrigue Naortangar SJ (Abidjan):
Vertrauen im Herzen spirituellen und politischen Engagements: Anregungen aus dem soziopolitischen Sahel

15:30 Pause Kaffee

16:00 Panels
Moderation Martin Rötting

18:00 Ende

19:00 Live-Podcast
Öffentliche Veranstaltung Moderation: Martin Dürnberger

Dienstag, 29. September 2026:
Studium der Religionen

9:00 Lukas Pokorny (Wien):
Der Millenarismus. Ein religiöser Jungbrunnen?

10:00 Franz Winter (Graz):
Überreichweiten in der Religionsgeschichte: Auf der Suche nach dem „Einen“ zwischen Christentum, Hindu-Religionen und Islam.

11:00 Pause

11:30 Panels

12:30 Mittag (Imbiss vor Ort)

13:30 Zukunft Theologie Interkulturell/Studium der Religionen und ZTKR
Franz Gmainer-Pranzl/Alena Höfer

14:15  Martin Rötting:
CrossCulture Religious Studies
Podium-Impulse der Kooperationspartner aus Seoul, Haifa, Varanasi, Nairobi, Yogyakarta, Bologna aus München.

15:00 Pause

15:30 Podium:
ZTKR Quo vadis
Moderation Sarah Ntondele
Podium: Rötting, Gmainer-Pranzl, Tarik Mete, N.N.

17:00 Ende

Panel Papers (Moderation Martin Rötting):

Wir freuen uns auf Beiträge zum Themenspektrum aus theologischen und religionswissenschaftlichen Perspektiven (20 Minuten Vortrag/ 10  Minuten Debatte).

Einreichung mit Abstract und Kurzbio bitte bis 1. August 2026 an Prof. Dr. Martin Rötting,

Abstracts & Bios

Jahnel, Prof. Dr. Claudia: Zwischen religiösem Trauma und Erinnerungspolitik Religionsdiskurs und religiöse Produktivität der Restitutionsdebatte

Religiöse Artefakte und „human remains“ erhalten in den aktuellen Restitutionsdebatten zunehmende Aufmerksamkeit. Sie haben für Einzelne, Familien oder Gruppen oft einen sehr persönlichen und spirituellen Wert. Gleichzeitig besitzen sie auch eine besondere soziale Funktion. Die Enkel und Urenkel der einst kolonisierten Bevölkerungen fordern die Rückführung der Überreste ihrer Vorfahren oder religiös bedeutsamer Artefakte ein. Sie berufen sich häufig auf traumatisierende Verlusterfahrungen. Für sie ist die Rückführung ein Schritt zur ganzheitlichen, generationenübergreifenden Heilung und eng mit religiös-kultureller Bedeutung verbunden.

Auch offizielle Handlungen, Zeremonien und politische Akte sind Teil dieser Erinnerungskultur und der Anbahnung von Restitutionen. Beispiele dafür sind der Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier 2023 im Maji-Maji-War-Memorial in Tansania 2023 oder die Feierlichkeiten in der Friedrichstadtkirche in Berlin im August 2018 anlässlich der Rückgabe menschlicher „Überreste“ an die namibische Regierung.

In den vielfältigen Restitutionsdebatten zeigt sich eine enge Verbindung zwischen materialer Religion und Spiritualität, politischer, öffentlicher Erinnerungskultur und zugleich privaten religiösen Bedeutungen. Die Debatte erweist sich als äußerst religionsproduktiv. Dabei stellen sich Fragen an das Verständnis von Religion. Verstärkt die Debatte stereotype koloniale Vorstellungen von „primitiver Religion“? Oder ist sie ein Ausweis dafür, dass Einzelne und Institutionen die eigenen Annahmen einer säkularen Moderne hinterfragen und sich die These der postsäkularen Gesellschaft durchsetzt.

Diese Dynamiken bringen „Religion“ und ihre Konzeptionalisierung erneut auf den Prüfstand.

Jahnel, Prof. Dr. Claudia <>

Dr. theol.Rodrigue M. Naortangar SJ: „Individuelle Spiritualität und politisierte Religion“

Theologie interkulturell als eine Art und Weise Theologie in Anbetracht kultureller Vielfalt zu betreiben führt dazu, den politischen Kontext zu berücksichtigen. Im Kontext des Sahels, wo die Klimakrise, aber auch politische und geopolitische Herausforderungen Menschen ganzheitlich beansprucht, sich für bessere Lebensbedingungen zu engagieren, regt die wechselseitige und paradoxe Beziehung zwischen individueller Spiritualität und politischer Religion zum Nachdenken an. Inwiefern werden Spiritualität und Religion, die den Menschen ganzheitlich beanspruchen, zu diesen Gunsten mobilisiert und welche Dynamiken stellen sich heraus, wenn Völker des Sahels in ihrer kulturellen Vielfalt vor den Herausforderungen stehen, mehr internationale Autonomie und mehr nationale soziale Gerechtigkeit zu verlangen? Der Beitrag zielt darauf hin, im Bereich der Theologie interkulturell einen Beitrag zur „wechselseitigen und oft paradoxen Beziehungen und Einflüsse unterschiedlicher Formen von persönlicher Spiritualität und politischer Religion“ zu leisten, indem er auf dem Hintergrund des sahelischen Kontext sich am fundamentalen Vertrauen als Möglichkeitsbedingung von sozialer Gerechtigkeit, Begegnung und Autonomie erläutert, und es mit dem säkularisierten westeuropäischen Kontext kontrastiert.

Rodrigue M. Naortangar SJ, geb. 1979 in Tschad, trat 1999 in die Gesellschaft Jesu ein und empfing 2010 die Priesterweihe.

Er absolvierte von 2001 bis 2004 ein Studium der Philosophie an der Fakultät Sankt Peter Canisius in Kimwenza/Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) sowie von 2006 bis 2009 ein Theologiestudium am Institut de Théologie de la Compagnie de Jésus (ITCJ) in Abidjan/Elfenbeinküste. Anschließend studierte er Kulturanthropologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und erwarb dort 2013 den Masterabschluss mit einer Spezialisierung auf „Kulturelle Identitäten und Konflikte“.

Von 2010 bis 2015 verfasste er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main eine Dissertation in Systematischer Theologie zum Thema Offenbarung interkulturell, die er 2016 erfolgreich verteidigte.

Seit 2015 ist er als Dozent, Forscher und Herausgeber an den jesuitischen Hochschuleinrichtungen in Abidjan tätig, insbesondere an der Université Jésuite d’Abidjan (UJA) sowie am Institut de Théologie de la Compagnie de Jésus (ITCJ). Darüber hinaus wirkt er als Gastdozent am Institut Missionnaire d’Abidjan (ICMA) sowie am Studium des Benediktinerklosters Bouaké. Gastdozenturen führten ihn auch an die Goethe-Universität Frankfurt und an die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen (2023).

Franz Gmainer-Pranzl: Geschichte und Gegenwart des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen: eine Antwort auf die „Zeichen der Zeit“

Das Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen verdankt sich einer einzigartigen Initiative der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg und hat in den letzten zwanzig Jahren in Lehre und Forschung, durch Veranstaltungen und Publikationen sowie durch zahlreiche lokale und internationale Kooperationen versucht, den „Zeichen der Zeit“ kultureller und religiöser Pluralisierung sowie sozialer und politischer Umbrüche gerecht zu werden. Einige Beispiele aus dieser interkulturell-theologischen bzw. religionswissenschaftlichen Auseinandersetzung kommen in diesem Vortrag zur Sprache.

Franz Gmainer-Pranzl, geboren 1966 in Steyr (OÖ), Studium der Katholischen Theologie und der Philosophie an der KU Linz und den Universitäten Innsbruck und Wien. Seit 2009 Professor an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Salzburg, 2009 bis 2024 Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: interkulturelle Philosophie, interkulturell-theologische Erkenntnislehre, Gesellschaft und Kirche in Afrika, interkulturell-theologischer Dialog mit Kritischer Entwicklungsforschung.

Franz Winter: „Überreichweiten in der Religionsgeschichte: Auf der Suche nach dem „Einen“ zwischen Christentum, Hindu-Religionen und Islam.“

In diesem Beitrag wird die Suche nach dem „Einen“ als zentraler religiöser Orientierungspunkt anhand eines konkreten Beispiels aus der Begegnungsgeschichte zwischen Hindu-Religionen, Islam und europäischer Geistesgeschichte thematisiert. Dabei wird auf Basis einer historisch-orientierten Betrachtungsweise die faszinierende Verflechtung der Übersetzungs- und Interpretationsgeschichte der indischen Upanishaden thematisiert. Das Beispiel gibt zudem die Möglichkeit, Grenzziehungen zwischen historisch orientierter Religionswissenschaft, Religionsphilosophie und interreligiösen Dialoganliegen anzusprechen. 

Univ.-Prof. DDr. Franz Winter, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Graz und Leiter des gleichnamigen Instituts; Studium der Religionswissenschaft, der Theologie, der Klassischen Philologie und der Indogermanistik;  Doktorat in Klassischer Philologie (1999) und Religionswissenschaft (2005 sub auspiciis praesidentis rei publicae) an der Universität Wien; Habilitation in Religionswissenschaft ebendort (2010). Wichtige Publikationen: Das frühchristliche Mönchtum und der Buddhismus (2008); Hermes und Buddha. Die japanische Neureligion Kofuku no kagaku in Japan (2012); Handbook of East Asian New Religious Movements (gemeinsam mit Lukas Pokorny, 2018).

Lukas Pokorny (Wien): Der Millenarismus. Ein religiöser Jungbrunnen?

Der Millenarismus ist ein mächtiges Werkzeug um gesellschaftliche Selbstverständnisse und daraus resultierende Erwartungshaltungen als religiösen Aktionsplan festzuschreiben. Das so geschaffene Handlungsprogramm dient als narratives Prisma individueller Sinnzusammenhänge und besitzt bisweilen enorme Mobilisierungskraft. Der Vortrag diskutiert verschiedene Funktionsweisen und Ausdrucksformen des Millenarismus.

Lukas K. Pokorny ist Professor für Religionswissenschaft und Vorstand des Instituts für Religionswissenschaft an der Universität Wien sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Religionswissenschaft. In seiner aktuellen Forschung befasst er sich mit religiöser Vielfalt in Österreich; Millenarismus; neuen religiösen Bewegungen; Geschichte der Esoterik; und Religionen Ostasiens.

Dr. Alena Höfer (*1993), seit April 2026 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Interkulturelle Theologie (Prof.in Dr. Claudia Hoffmann) in der Religionswissenschaft und Interkulturellen Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Forschungsschwerpunkte: transkulturelle, postkoloniale und intersektionale Theologien, Migrationsforschung, Rassismuskritik, African Women’s Studies, Literatur, interkulturelle Bibelhermeneutik, mit einem regionalen Fokus auf Korea, Korean Americans, Nigeria, Kenia und Tansania. Veröffentlichung u.a. Transkulturelle Theologien (Brill 2025), Kritische Rassismusforschung und Interkulturelle Theologie (mit N. Eleyth, in: Handbuch Interkulturelle Theologie, J.B. Metzler 2024), Schriftauslegung im Plural (Mit-Hg., Kohlhammer 2023).

Prof. Dr. Martin Rötting (*1970), seit 2018 Professor für Religious Studies und Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Paris-Lodron Universität in Salzburg. Studium der Religionspädagogik, Aufenthalt zum prakt. Studium des Zen-Buddhismus in Südkorea, Studium der Ökumene und des interreligiösen Dialogs an der ISE, Trinity College Dublin, Irland (M. Phil.). 2007 Promotion zum „Interreligiöses Lernen im buddhistisch-christlichen Dialog.“ (St. Ottilien,2007), Habilitation zur “Navigation spiritueller Identität” 2018. Bis 2019 Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (Religionswissenschaften). Vorstand und Mitgründer von OCCURSO, Institut für interreligiöse und interkulturelle Begegnung e.V. sowie Vorstandsvorsitzender des Haus der Kulturen und Religionen in München e.V Veröffentlichungen u.a. Buddhismus in Europa (Mit-Hg., Lit 2023)., Religionen in der Zukunft!? (Eos 2024), Religionswissenschaft in interreligiösen Kontexten (Mit-Hg. Lit-Verlag 2024).

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