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EXKURSIONSTAGEBUCH
„Leipzig/Dresden – Transformation ostdeutscher Städte nach 1989“
Im Rahmen der Exkursion „Leipzig/Dresden – Transformation ostdeutscher Städte nach 1989“ unter der Leitung von Sigrid Brandt wurden ausgewählte Beispiele der Architektur- und Stadtentwicklung in Leipzig und Dresden näher untersucht.
Die folgenden Eindrücke dokumentieren ausgewählte Stationen der Exkursion.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Montag, 13. April
Die Exkursion begann am Montag mit einem Rundgang durch die Innenstadt Leipzigs, bei dem uns Peter Leonhardt, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger der Stadt Leipzig, mit denkbar bester Expertise lenkte. Besonders interessierten uns die Messe- und Gewerbehöfe. Hier Barthels Hof, ein nach 1990 wiederhergestellter „Durchhof“ aus der Zeit der Leipziger Warenmesse. Der Gebäudekomplex wurde zwischen 1747 und 1750 erbaut und diente Kaufleuten als Handels- und Lagerstätte.
Foto: Martina Wiesenmüller -
Montag, 13. April
Die meisten der Bürger-, Handels- und Gewerbebauten, viele aus dem späten 19. Jahrhundert, sind hervorragend instandgesetzt, einige neu genutzt, wenn alte Funktionen entfallen sind. Hier ein Blick in das Barfüßergässchen.
Foto: Martina Wiesenmüller -
Montag, 13. April
Das neue Rathaus in Leipzig, 1899–1905 nach Plänen von Hugo Licht errichtet, wird mittlerweile eingerahmt von der römisch-katholischen Propsteikirche St. Trinitatis, die im Mai 2015 geweiht wurde. Den Entwurf lieferten Schulz und Schulz Architekten, ein Leipziger Architekturbüro.
Foto: Daniela Glantschnig -
Montag, 13. April
Nach dem Mittag starteten wir am früheren Reichsgerichtsgebäude, dem heutigen Bundesverwaltungsgericht. Die nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 notwendig gewordenen einheitlichen Rechtsagenden erhielten in Leipzig ihren Sitz. Das Gebäude wurde 1895 durch Kaiser Wilhelm II. eröffnet. Nach schweren Kriegsschäden und einer Teilrestaurierung diente es ab 1952 verschiedenen Museen und Behörden. Die Entscheidung von 1992, das Haus als Sitz des Bundesverwaltungsgerichts zu nutzen, war Grundlage der letzten umfangreichen Sanierungen und Umbauten.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Montag, 13. April
Am Nachmittag ging die Fahrt in den Süden der Stadt. Die Russische Gedächtniskirche und das Völkerschlachtdenkmal sind Memorialarchitekturen, die vor dem Weltkrieg errichtet wurden und an die Befreiungskriege 1813-1815 erinnern. Hier der Durchblick von der „Deutschen Bücherei“, deren Grundstein 1913 gelegt wurde. Wir beschlossen den Tag mit einer Führung durch die heutige Deutsche Nationalbibliothek.
Foto: Daniela Glantschnig -
Montag, 13. April
Der Erzengel Michael am Völkerschlachtdenkmal fungiert als Wächter am Eingang des monumentalen Gebäudes, das Bruno Schmitz entwarf und 1913 fertiggestellt wurde. Die Skulptur schuf Christian Behrens. Sanct Michael – hier im Heiligenschein zu lesen – gilt als Schutzpatron der Deutschen.
Foto: Konrad Antal Mayer
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Dienstag, 14. April
Der zweite Tag begann mit einer Fahrt zum „Rundling“, einer Wohnanlage vom Ende der 1920er Jahre, die – von Stadtbaurat Hubert Ritter entworfen – allen Bewohner·innen gesunde Lebensbedingungen sichern sollte. Nach Kriegsschäden wurde sie wiederhergestellt und in den letzten Jahren aufwendig nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten saniert.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Dienstag, 14. April
Einen zum Rundling konträren Einblick in die Moderne der Zwischenkriegszeit bot die katholische Kirche St. Bonifatius im Stadtteil Connewitz, die – nach Entwürfen von Theo Burlage errichtet – 1930 geweiht wurde. Im Inneren überrascht die tiefblaue Farbe der Wände, überwölbt von einer flachen, vergoldeten Kuppel vor heller Altarwand. Terrakotta-Skulpturen, Klinkermauerwerk und expressive Glasmalereien fügen den Raum zu einem nachdrücklichen Glaubensbekenntnis.
Leonie Maier: „Ich fand es erstaunlich, wie sehr sich die Rolle dieses katholischen Priesters in Connewitz von der eines Kollegen in Niederbayern o.ä. unterscheidet – nicht nur in den Aufgaben, sondern in der gesamten Art, wie Gemeinde gelebt wird. In Leipzig-Connewitz scheint Kirche weniger ein statischer Ort traditioneller Praxis zu sein, sondern vielmehr ein offener, fast experimenteller Raum (Gottesdienst im Hbf vor Burgerking!), der sich ständig an die sozialen und kulturellen Dynamiken des Viertels anpasst.“
Foto: Martin Geisler CC BY-SA
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Dienstag, 14. April
Am Nachmittag hatten alle Gelegenheit, die Museen der Stadt ad libitum zu erkunden, hier die rekonstruierte Ausstellungshalle im Grassi-Museum. Vor der Weiterfahrt nach Dresden besuchten wir die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur, in der uns Annette Menting, Architektin und Professorin für Bauen im Bestand und Denkmalpflege, Einblicke in die Architekturausbildung gab und durch die dafür genutzten Räume führte. Überzeugend war vor allem das „Creative Lab“, in dem Studierende und Lehrende zum Gespräch zusammenkommen können.
Foto: Sigrid Brandt -
Dienstag, 14. April
Das „Rendezvous à trois“ am Augustusplatz, bestehend aus dem Mendebrunnen von 1886, dem Universitätshochhaus von 1972 und dem Paulinum, fertiggestellt 2017, zeigt wie in einem Brennpunkt die Transformationen der Stadt Leipzig nach 1989. Während Brunnen und Hochhaus bestehen blieben, musste der benachbarte, flache Universitätskomplex weichen und der umstrittenen Architektur des Niederländers Erick van Egeraat Platz machen, der als Motiv den Giebel der 1968 abgerissenen Paulinerkirche integriert.
Foto: Daniela Glantschnig -
Dienstag, 14. April
Um den Gebäudekomplex der früheren Stasi-Zentrale wird derzeit weiter heftig gerungen. Abriss, Teilabriss, Erhaltung, Umnutzung? Das Areal am Matthäikirchhof ist der älteste Siedlungskern Leipzigs mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte, der nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg zum Standort der DDR-Staatssicherheit wurde. Die Betonformsteine wurden von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht entworfen.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Mittwoch, 15. April
Der dritte Exkursionstag startete am Dresdner Neumarkt mit der wiedererstandenen Frauenkirche, für die das Konzept einer denkmalpflegerischen Anastylose beispielhaft Anwendung gefunden hat. Maria Noth, Geschäftsführerin der Stiftung Frauenkirche, erläuterte das Programm der heutigen Nutzungen. Die Kirche dient gleichermaßen Gottesdiensten, Andachten, Konzerten und kammermusikalischen Veranstaltungen.
Foto: Sigrid Brandt -
Mittwoch, 15. April
Im Albertinum, ein Bau von 1887 und vom Hochwasser 2002 schwer in Mitleidenschaft gezogen, vollzog das Büro Volker Staab Architekten eine besondere Transformation: Über dem Innenhof wurden in einer Brückenkonstruktion neue Räume geschaffen. Der 60 m lange und 2.700 Tonnen schwere, zweigeschossige Werkstatt- und Depotneubau enthebt in 17 Metern Höhe alles Wertvolle künftigen Fluten. Wir konnten uns in den weichen Kunststoff-Säulen niederlassen und dem Referat von Leonie Meier folgen. Thomas Will, Seniorprofessor für Denkmalpflege und Entwerfen an der TU Dresden, begleitete uns auch zu den weiteren, sehr verschiedenen Beispielen von Transformationen bestehender Dresdner Bauten.
Foto: Sigrid Brandt -
Mittwoch, 15. April
Eher eine „geputzte Ruine“ als ein tatsächlich transformierter Raum ist das Oktogon unter der „Zitronenpresse“, wie die Hochschule für bildende Künste Dresden genannt wird. Die frühere Kunstakademie an der Brühlschen Terrasse, ein Bau Konstantin Lipsius‘ von 1893, war im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und nur teilweise wieder aufgebaut worden. Bis 2002 wurde der Komplex denkmalpflegerisch saniert.
Foto: Martina Wiesenmüller -
Mittwoch, 15. April
Die Neustädter Wache, am rechtsseitigen Ufer der Elbe gelegen und 1732–37 von Zacharias Longuelune errichtet, blieb nach dem Zweiten Weltkrieg über 30 Jahre lang Ruine, wurde aber nicht abgebrochen. Zum Zwecke eines Hauses der Deutsch-sowjetischen Freundschaft zu Beginn der 1980er Jahre wiederhergestellt, blieb dem Gebäude diese Nutzung nur kurze Zeit erhalten. Nach der zweiten Flut 2013 geschlossen, zog schließlich das Archiv der Avantgarden des Kunstsammlers Egidio Marzona ein, für das Nieto Sobejano Arquitectos einen schwebenden Kubus im Raum sowie eine skulpturale Wendeltreppe entwarfen, die historische Vorbilder absichtsvoll in Erinnerung ruft.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Mittwoch, 15. April
Am Nachmittag standen die kunsthistorischen Ikonen der Elbestadt im Zentrum: Zwinger, Gemäldegalerie, der Altmarkt mit Kreuzkirche, schließlich die Prager Straße, die als städtebauliches Ensemble der „nachgeholten Moderne“ der DDR gravierende Transformationen in der neuen Gesellschaft nach 1989 erfahren hat.
Berührender Höhepunkt war die Nachtführung durch die Semper-Oper durch Architekt Berger, deren 1985 abgeschlossener Wiederaufbau, an dem er selbst beteiligt war, bis heute unangefochten Bestand hat.
Foto: Sigrid Brandt -
Donnerstag, 16. April
Am Donnerstag empfing uns Elke Gloger, Stadtplanerin und Expertin in Sachen Dresden-Hellerau, zu einer Führung in der ersten Gartenstadt Deutschlands. Neben Richard Riemerschmid, hier mit seinen Bauten Am grünen Zipfel, zählen Hermann Muthesius und Heinrich Tessenow zu den namhaften Architekten dieses nur kurze Zeit währenden handwerklich-künstlerisch-sozialen Experiments.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Donnerstag, 16. April
Heinrich Tessenows Festspielhaus ist heute Anziehungspunkt für Projekte von Avantgarde-Kunst. Nach der die Substanz des Baus verschleißenden Nutzung als Lazarett, Kaserne und Sporthalle durch die Rote Armee nach 1945 wurde das seit 1979 denkmalgeschützte Gebäude grundlegend wiederhergestellt.
Foto: Martina Wiesenmüller -
Donnerstag, 16. April
Am Nachmittag galt unsere Aufmerksamkeit einer weiteren Transformation eines DDR-Baus. Der Kulturpalast, 1969 nach Entwürfen von Wolfgang Hänsch realisiert und eröffnet, galt lange Zeit als Abrisskandidat. Das Architekturbüro gmp verwandelte den Bau – Hauptnutzer ist die Dresdner Philharmonie – mit Konzertsaal, Stadtbibliothek und Café in einen innerstädtischen Treffpunkt, der Nutzer·innen verschiedenster Generationen anzieht.
Foto: Konrad Antal Mayer -
Donnerstag, 16. April
Jahrelang vor den Blicken protestierender Dresdner hinter einer Plane verborgen, konnte dabei auch das Wandbild „Der Weg der Roten Fahne“, 1968 von Gerhard Bondzin entworfen, erhalten und restauriert werden.
Leonie Maier: „Für mich zeigt der Kulturpalast Dresden nach dem Umbau ziemlich gut, wie die sozialistische Idee heute noch spürbar ist. Als ich dort war, habe ich mich vor allem willkommen gefühlt, weil der Ort so offen wirkt und für ganz unterschiedliche Menschen gedacht ist. Es gibt Konzerte, die Bibliothek und verschiedene Veranstaltungen, sodass jede Person selbst entscheiden kann, was sie nutzen möchte. Dadurch ist das Ganze heute viel individueller als früher, aber gleichzeitig bleibt die Grundidee erhalten, dass Kultur für alle da ist und gemeinsam, niederschwellig erlebt werden kann.“
Foto: Konrad Antal Mayer -
Donnerstag, 16. April
Am späteren Nachmittag stand u.a. die Porzellansammlung im Dresdner Zwinger auf dem Programm. Die Neugestaltung von 2006 durch den New Yorker Designer Peter Marino präsentiert die unter August dem Starken gesammelten Porzellane vor kräftigen, edel gestalteten Hintergründen und setzt damit einen bewussten Kontrast zur vorherigen Raumfassung der DDR, die in klassizistisch-sparsamer und zurückhaltender Weise der Sammlung zur Wirkung verholfen hatte.
Foto: Daniela Glantschnig -
Freitag, 17. April
Den Freitag konnten alle für Besuche in den Dresdner Museen nutzen.
Mit dem Porzellanblumenstrauß, aus französischem Weichporzellan gefertigt, aus der Sammlung im Dresdner Zwinger grüßen und empfehlen wir beide sächsischen Städte für ein Wiederkommen oder Neuentdecken.
Foto: Daniela Glantschnig
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