Cansu Demir. Wiederholt prämiert für Forschung zu autonomem Fahren
Die 27-jährige, motorsportbegeisterte Informatikerin zählt zu den „Top 35 unter 35“ und forscht an intelligenten Agenten für autonome Fahrzeuge.
Mehr als ein halbes Dutzend Auszeichnungen hat die Doktorandin Cansu Demir schon erhalten. Ihre letzte Trophäe war die Wahl unter die „Top 35 unter 35“ sowie die Nominierung für den Brigitte-Bierlein-Frauenpreis, der vom Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus ausgeschrieben wird.
„Ich bin zwischen Motorengeräuschen aufgewachsen und habe schon als Kind begeistert Rennen verfolgt. Diese Faszination für Autos verbinde ich heute mit meiner Neugier für Technologie“, sagt Cansu Demir. Die 1998 in Salzburg geborene Informatikerin mit Schwerpunkt Human-Computer Interaction forscht am Fachbereich Artificial Intelligence and Human Interfaces der Universität Salzburg im Rahmen des Projekts EXDIGIT (Exzellenz in digitaler Wissenschaft und interdisziplinären Technologien). In ihrer Dissertation (mit dem Titel „ Cooperative In-Vehicle Intelligent Agents in Automated Driving“) beschäftigt sie sich damit, wie Sprachassistenten die Interaktion zwischen Passagieren und autonomen Fahrzeugen bestmöglich unterstützen können.
„Damit selbstfahrende Autos breit akzeptiert werden, braucht es ein verfeinertes Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine. Dafür entwickle ich KI-gestützte Systeme“, so Cansu Demir.
Wie entsteht ein „kalibriertes“ Vertrauen?
Eine Grundlage für eine erfolgreiche Mensch-Maschine Interaktion ist die gegenseitige Vorhersehbarkeit; der Mensch muss verstehen, was das Auto plant, und umgekehrt. Weitere Prinzipien sind die Beeinflussbarkeit; der Mensch soll auf das Verhalten des Fahrzeugs jederzeit einwirken können, durch Hinweise oder Eingriffe. Dazu kommt ein geteiltes Situationsverständnis; Mensch und Maschine müssen denselben Überblick über das Verkehrsgeschehen haben, etwa wer Vorrang hat oder warum das Auto abbremst. Schließlich zentral ist ein sogenanntes „kalibriertes“ Vertrauen, also ein Vertrauen, das zur tatsächlichen Systemleistung passt, nicht zu viel und nicht zu wenig, erklärt Cansu Demir. Sie setzt diese grundlegenden Prinzipien in konkreten Systemen um, die sie in Fahrsimulatoren testet und in Nutzerstudien untersucht.
„In unseren Studien geht es um selbstfahrende Autos von Level 3 bis Level 5. Bei Level 3 gibt es noch Pedale und ein Lenkrad, aber der Fahrer, die Fahrerin kann einige Minuten lang das Fahren ganz dem Auto überlassen. Level 5 ist die höchste Stufe des autonomen Fahrens“, erklärt Cansu Demir und ergänzt: „Mich interessiert, wie Hinweise aussehen müssen, damit sie intuitiv verstanden werden. Und welche Formen der Zusammenarbeit sich für Menschen natürlich anfühlen. Mein Ziel ist es, technologische Konzepte mit natürlichem menschlichen Verhalten in Einklang zu bringen und damit einen Beitrag zu leisten, wie wir in Zukunft sicher, verständlich und vertrauensvoll in autonomen Autos unterwegs sein können.“
Welche Hinweise brauchen Passagiere?
Während der Tests im Fahrsimulator werden sowohl die subjektiven Eindrücke der Probanden als auch objektiv messbare Leistungsdaten gesammelt. Dazu gehört zum Beispiel, wie verständlich die Hinweise sind oder wie zuverlässig das System Sprache erkennt und Antworten gibt. Mit Eye-Tracking, also Blickerfassung, werden etwa die emotionalen Reaktionen der Testpersonen erfasst. So hat Cansu Demir zum Beispiel in einem Level 5 Test eine Situation eingebaut, wo ein Kind auf die Straße läuft. Reflexartig wollen die Probanden bremsen, doch es gibt keine Pedale. Um die Passagiere zu beruhigen, muss das Auto früh genug kommunizieren, dass es die Gefahr erkannt hat. Eignen sich dafür am besten Sprachnachrichten, Lichtsignale, Töne oder haptisches Feedback? Auch das untersucht sie.
„Die Technologie ist noch sehr neu, es gibt noch Schwachstellen, zum Beispiel wenn intelligente Agenten nerven und der Fahrer, die Fahrerin folglich mit dem System im Clinch liegt. Dass das nicht passiert, auch dazu will ich einen Beitrag leisten“, sagt die Informatikerin und fügt hinzu: „Mir macht es großen Spaß, die Zukunft der Mobilität mitzuentwickeln, besonders interessiert mich die Schnittstelle zum praktischen Nutzen für die Allgemeinheit.“
Die große praktische Relevanz von Demirs Arbeit unterstreichen auch die Dissertations-Betreuer. Univ.-Prof. Dr. Alexander Meschtscherjakov hebt hervor, dass in Demirs Untersuchungen zwei hochaktuelle Themen verbunden werden: die künstliche Intelligenz von Sprachassistenten und selbstfahrende Autos. „Ihre Arbeit hat Auswirkungen auf die Akzeptanz selbstfahrender Autos in unserer zukünftigen Gesellschaft.“
Univ.-Prof. Dr. Manfred Tscheligi betont zudem den starken interdisziplinären Zugang. „Frau Demir ist sehr umtriebig, im besten Sinn des Wortes.“
Die Doktorandin arbeitet aktuell daran, ihre Forschung in ein eigenes Tech-Startup zu überführen. Das Projekt befindet sich derzeit in einer frühen Entwicklungsphase.
Preisregen für Cansu Demir
„Top 35 unter 35“, Reisestipendium zur EXPO 2025 nach Osaka, Marie Andeßner Preis 2024, Leistungsstipendien 2023, 2022, Best Paper Award 2021 – mehr als ein halbes Dutzend Preise, Auszeichnungen und Stipendien hat Cansu Demir bereits erhalten. „Alle Preise haben mich geprägt, alle sind mir wichtig, alle haben mich weitergebracht. Sehr gefreut hat mich, dass ich heuer im Mai zur EXPO nach Japan eingeladen war, wo ich die neuesten Entwicklungen im Automobilbereich gesehen habe. Das motiviert mich noch zusätzlich für meine Arbeit“, sagt die vielfach Ausgezeichnete, die privat so unterschiedliche Interessen vereint, wie Motorradfahren und Klavierspielen.
Die Ausbildung führte die Jungwissenschafterin von der Bundeshandelsakademie 1 Salzburg (wo sie ihre vorwissenschaftliche Arbeit der Wirtschaftlichkeit von Elektroautos widmete) über ein Bachelor-Informatikstudium an der Universität Salzburg (2017-2021), ein anschließendes Masterstudium in Human-Computer Interaction (2021-2023) schließlich zum aktuellen Doktoratsstudium im Bereich automatisierte Mobilität.
Als einst einziges Mädchen in ihrer Schulzeit im IT-Zweig der Bundeshandelsakademie 1 ist es ihr eine Herzensangelegenheit, junge Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, in Schulworkshops, Vorträgen oder einfach als Vorbild. Kürzlich wurde sie als Role Model für die Initiative LEA – Let´s Empower Austria vorgestellt. „Ich will Mädchen vermitteln, dass Technologie gar nicht so kompliziert ist und Spaß macht.“
Kontakt: Cansu Demir, BSc. MSc. | Artificial Intelligence and Human Interfaces
Adresse: Jakob-Haringer-Straße 8 | 5020 Salzburg | Austria
