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Veröffentlicht am
Januar 16, 2026
Letzte Aktualisierung: Januar 16, 2026

Familiengeschichte(n) im Hörsaal der Paris Lodron Universität Salzburg

Salzburg. Mit der Podiumsdiskussion „Familiengeschichte(n). Nachkommen erzählen“ schloss die Reihe ZEITGESCHICHTE goes public am 13. Jänner 2026 das Semester ab. Im Fokus standen familiäre Erinnerungen an Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg.

Im Hörsaal Agnes Muthspiel diskutierten Peter Stocker, Sonja Schützinger und Günter Kaindlstorfer über ihre Familiengeschichten zwischen Verfolgung, Widerstand und Täterschaft.

Margit Reiter, Professorin für Zeitgeschichte der Universität Salzburg, moderierte die Podiumsdiskussion und stellte die Weitergabe von Verfolgung, Widerstand und Täterschaft in Familien sowie Tabus und Erinnerungslücken in den Mittelpunkt.

Günter Kaindlstorfer, Schriftsteller und Journalist, dessen Großvater Anton Kaindlstorfer NSDAP-Gruppenleiter von Bad Ischl war, sprach offen über die Beteiligung seines Großvaters, als Sparkassendirektor, an Arisierungen in Bad Ischl. Die Familie habe diese Vergangenheit lange beschönigt. „Das ist ein unauslöschlicher Schandfleck in der Geschichte meiner Familie“, sagte Kaindlstorfer, der sich auch künftig öffentlich damit auseinandersetzen will.

Peter Stocker erzählte von seiner Familie, die als Zeugen Jehovas jede Unterstützung des NS-Regimes verweigerte. Sein Großvater Gregor Wohlfahrt, der nach dem Ersten Weltkrieg geschworen hatte, nie wieder zu kämpfen, lehnte auch im Zweiten Weltkrieg Wehrdienst, Rüstungsarbeit und den Hitlergruß ab. Er wurde verhaftet und 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Insgesamt sieben Mitglieder der Familie starben aufgrund ihrer Überzeugung. Bis heute werde seiner Familie dafür mitunter eine Mitschuld zugeschrieben, berichtete Stocker.

Sonja Schützinger erzählte abschließend die Geschichte ihres Großvaters Josef Scherleitner, der als kommunistischer Widerstandskämpfer von den Nazis ermordet wurde. In der Familie wurde anfänglich nicht viel darüber gesprochen, höchstens getuschelt. Mit 7 Jahren, so Schützinger, habe sie dann zum ersten Mal das Wort Widerstandskämpfer gehört. Als sie 14 war, erfuhr sie mehr über ihren Großvater, vor allem auch deshalb, weil seine Briefe, die er aus München schrieb, noch vorhanden waren. Die Ermordung ihres Großvaters durch die Nationalsozialisten und der Holocaust prägen ihre Familie bis heute.

Als Margit Reiter die Schlussrunde einläutet, sind sich alle Diskutant*innen einig, dass sie über diese Zeit gerne mehr wissen würden. Hätten sie noch einmal die Gelegenheit, dann würden sie heute viel mehr Fragen stellen.

Ihr abschließender Appell richtete sich an die Student*innen, die Groß- und Urgroßeltern zu befragen und im Idealfall diese Gespräche sogar zu filmen. Denn man würde 90 bis 95 % der Erzählungen vergessen, so die Erfahrung aller.

Das Schlusswort gehörte Günter Kaindlstorfer, der sagte: „Was mich nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass es heute wieder so anfängt wie damals. Lassen wir es nicht so weit kommen.“

Günter Kaindlstorfer

Hörsaal-HS Agnes Muthspiel

Peter Stocker

Peter Stocker-Bild

Prof.Margit Reiter

Sonja Schützinger

Text:Franz Michael Zagler (Verein Lila Winkel); gekürzt durch Laura Szentivanyi (Universität Salzburg)
Bilder: ©Franz Michael Zagler

Hörsaal-HS Agnes Muthspiel