Heavy Metal unter der Lupe der Psychologie: Neues Sachbuch aus Salzburg
Burkhard Gniewosz und Jörg Zumbach legen mit „No Fear of the Dark“ Band 6 der Kohlhammer-Reihe „Metalbook“ vor. Buchpräsentation ist am Dienstag, dem 16. Juni 2026, im Unipark Nonntal.
Wer headbangt, reguliert seine Emotionen. Wer Blastbeats hört, trainiert sein Belohnungszentrum. Und wer in einem Moshpit steht, betreibt soziale Synchronisation auf höchstem Niveau. Was nach Provokation klingt, ist das Ergebnis jahrzehntelanger psychologischer Forschung – zusammengetragen von zwei Menschen, die beides sind: Wissenschaftler und Metalheads.
Burkhard Gniewosz und Jörg Zumbach, beide Professoren am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Universität Salzburg, legen mit „No Fear of the Dark“ (Kohlhammer, 2026) die erste deutschsprachige Psychologie des Heavy Metal vor. Einer ist Experte für quantitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft, der andere forscht zu Lehr-Lernprozessen mit digitalen Medien. Privat verbindet sie die Leidenschaft für verzerrte Gitarren – Gniewosz wurde während der HR3-Hitparade zum Metalhead, Zumbach sang vor dem Studium in einer Heavy-Metal-Band im ländlichen Baden. Dass ausgerechnet zwei Universitätsprofessoren dieses Buch schreiben, ist kein Zufall: Es brauchte Leute, die sowohl die Szene von innen kennen als auch wissen, wie man empirische Studien liest.
Auf 182 Seiten gehen sie der Frage nach, was im Kopf passiert, wenn das Riff einsetzt – und räumen dabei mit einer ganzen Reihe hartnäckiger Vorurteile auf. Das Buch beginnt in Wacken, bei einem Open-Air-Festival um 21:37 Uhr, mit dem letzten lauwarmen Bier vor der Bühne. Von dort aus entfaltet es zehn Kapitel, deren Titel allesamt Metal-Songs zitieren, und die trotzdem ernsthaft argumentieren.
Macht Metal aggressiv? Die Forschungslage sagt: Nein. Zwar enthalten viele Songs aggressive Themen, doch Fans profitieren emotional und sozial von der Musik. Wer Metal hört, verarbeitet negative Emotionen besser, fühlt sich danach ruhiger, nicht aufgewühlter. Neuere Studien zeigen sogar, dass aktives Hören von Metal die Wut bei Fans reduziert – ein Befund, der Eltern, Lehrer:innen und Therapeut:innen gleichermaßen zu denken geben sollte. Ist die Szene ein Sammelbecken für psychisch Auffällige? Auch das lässt sich empirisch nicht halten. Was sich hingegen zeigt: Metal-Fans berichten über ein ungewöhnlich starkes Gemeinschaftsgefühl und profitieren von einer Szene, die Außenseiter:innen Zugehörigkeit bietet – mit erstaunlich niedrigen Einstiegshürden, solange man das richtige Bandshirt trägt.
Ein eigenes Kapitel widmet sich der Entwicklungspsychologie: Warum entdecken Jugendliche Metal genau in der Pubertät? Gniewosz und Zumbach beschreiben, wie die Musik als Werkzeug der Identitätsarbeit funktioniert – laut, sichtbar, bewusst gegenkulturell, und gerade deshalb wirksam. Metal bietet Jugendlichen einen Rahmen, in dem intensive Emotionen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sind. Das ist entwicklungspsychologisch betrachtet ein seltenes Angebot.
Weitere Kapitel behandeln die Rolle von Geschlecht in einer historisch männlich dominierten Szene, den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräferenz, und die klinisch-psychologische Frage, ob Metal-Texte über Gewalt, Suizid oder Satanismus tatsächlich schaden können. Die Antworten sind differenzierter als das öffentliche Vorurteil vermuten lässt – und durchweg empirisch fundiert.
Das Buch tut all das nicht als trockene Literaturübersicht, sondern mit Festivalanekdoten, persönlichen Bekenntnissen und der Art von Humor, die entsteht, wenn zwei Akademiker ihre eigene Subkultur unter die Lupe nehmen. Gniewosz und Zumbach schreiben für ein breites Publikum: Fans, die wissen wollen, warum ihre Musik wirkt, Skeptiker, die verstehen wollen, was daran nicht gefährlich ist und Fachkolleg:innen, die einen zugänglichen Überblick über eine überraschend reiche Forschungslandschaft suchen.
Die Reihe „Metalbook“, herausgegeben von Peter Pichler (Universität Graz), versammelt seit 2023 wissenschaftliche Perspektiven auf die Metal-Kultur, etwa eine Soziologie des Genres durch Hartmut Rosa. Der Salzburger Band ergänzt die Reihe nun um die psychologische Perspektive.
Hinweis:
Buchpräsentation: 16. Juni 2026, 16:00 Uhr | Universität Salzburg, Unipark Nonntal, Raum 2.205 | Erzabt-Klotz-Straße 1, 5020 Salzburg | Informationen und Anmeldung.
Bibliografische Angaben: Burkhard Gniewosz / Jörg Zumbach: No Fear of the Dark. Eine Psychologie des Heavy Metal. Metalbook, Band 6. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2026. Kartoniert, ca. 26,– €. ISBN 978-3-17-046312-7.
KONTAKT:
Univ.-Prof. Dr. Burkhard Gniewosz | Universitätsprofessur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt quantitative Methoden | Erziehungswissenschaft, Universität Salzburg |
Adresse: Erzabt-Klotz-Straße 1, 5020 Salzburg | Austria
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