Wissenschaft in sieben Minuten erklärt – Science Salm an der Uni Salzburg
Wissenschaft in sieben Minuten erklärt – verständlich, humorvoll und überraschend vielseitig Science Slam begeistert an der Universität Salzburg
Wo Wissenschaft auf Unterhaltung trifft, entsteht ein ganz besonderes Format: der Science Slam. Am 18. Juni 2026 wurde das Amphitheater der Fakultät für Natur- und Lebenswissenschaften an der Universität Salzburg zur Bühne für außergewöhnliche Auftritte. Statt klassischer Hörsaalatmosphäre herrschte sommerliche Stimmung – verbunden mit spannender, informativer Unterhaltung.
Sechs Wissenschafter*innen aus fünf Fakultäten präsentierten ihre Forschung auf unterhaltsame, anregende und zugleich verständliche Weise und machten eindrucksvoll sichtbar, wie vielfältig Wissenschaft sein kann.
Die Slammer*innen gestalteten einen humorvollen, kurzweiligen Abend, mit überraschenden Perspektiven und faszinierenden Einblicken in die Welt der Forschung. Durch das Programm führte der bekannte Wissenschaftskommunikator und Science-Slam-Moderator Bernhard Weingartner.
Dem Mathematiker Tobias Hochreiter gelang es in seiner Präsentation Mathematik von einer anderen Seite zu beleuchten: Unter dem doppeldeutigen Titel „Die Blase muss platzen!“ versuchte Tobias Hochreiter zu erklären, was Mathematiker*innen mit „Singularitäten“ meinen. Dazu bediente er sich dem alltäglichen Bild einer Seifenblase. Schon eine Seifenblase, die platzt, bevor sie zur perfekten Kugel wird, durchläuft eine Singularität. Solange sie sich gleichmäßig ausdehnt, ist ihre Oberfläche glatt und gut beschreibbar – mathematisch gesprochen: Alles verhält sich „ordentlich“. Doch in dem Moment, bevor sie zerplatzt, passiert etwas Besonderes: Die Oberfläche wird extrem dünn, verformt sich stark und plötzlich „reißt“ die Struktur. Genau dieser kritische Moment ist eine Singularität. Ähnlich ist es bei roten Blutkörperchen: Sie sind elastisch und stabil – bis ein Punkt erreicht ist, an dem sie kippen und platzen. Tobias Hochreiter untersucht solche Singularitäten bei menschlichen Blutkörperchen: Was muss passieren, damit diese platzen? Mathematik kann weit mehr sein als ein für viele gefürchtetes Schulfach mit Formeln, Variablen und Funktionen. Spannend, lebendig und voller überraschender Momente.
Bei der Linguistin Eva Reisenberger trifft Fußballfieber auf Sprachforschung: Anpfiff Sprache: Der Weg zum ersten Wort
Das Publikum auf den „Rängen“ wurde auf eine spannende Reise von den „ersten Trainingseinheiten“ eines Kleinkindes im Mutterleib bis zum „ersten Tor“ im ersten Lebensjahr mitgenommen. Ähnlich wie im Fußball der Treffer ins Tor, ist beim Sprechen lernen das erste, von allen gespannt erwartete Wort, nur der sichtbare Höhepunkt, dem viel „Trainingsarbeit“ vorausgeht. Mit anschaulichen Bildern vom rot-weiß-rot Trikot bis zur roten Karte verdeutlichte Eva Reisenberger wie Kinder schon vor der Geburt zuhören, in den ersten Monaten spielerisch „trainieren“ und nach und nach die richtigen Laute herausfiltern. Die Botschaft bleibt hängen: Nicht das Tor entscheidet – sondern alles, was davor passiert! Damit werden sich die Fußballfans zwar nicht zufriedengeben, aber Fakt ist, beim Spracherwerb steckt, wie beim Fußball, ein komplexes Zusammenspiel biologischer, kognitiver und sozialer Faktoren dahinter. Genau dort setzt die Forschung im ersten Lebensjahr an. Und noch eine ernüchternde Feststellung: das Vorspielen von Mozartmusik hat nicht zwingend einen großen Effekt auf das musikalische Talent.
Ganz und gar nicht „trocken“ präsentierte die Expertin für Versicherungsrecht Lisa Katharina Promok wie man sich gegen Cyberangriffe schützt, ohne im gefürchteten Paragrafen-Dschungel verloren zu gehen
Mit Schmutzradierer, Trojanischem Pferd und Dominosteinen ausgestattet betrat die Juristin und Versicherungsexpertin Lisa Katharina Promok die Slam Bühne und erläuterte humorvoll, was hinter Cyberangriffen steckt – und welche Rolle Versicherungen dabei spielen. Eine Cyberversicherung ist kein Zauberstab, den man bei Bedarf gegen Angriffe von außen zückt und mit „Hokuspokus Fidibus“ ist der Angriff eines Trojaners abgewehrt. Eine Cyberversicherung hilft vor allem beim Aufräumen und Neustarten. Entscheidend sind klare Regeln. Wichtig ist den Risikofragebogen wirklich ehrlich auszufüllen und entscheidend ist auch der Blick ins Kleingedruckte eines Versicherungsangebots – denn wer Risiken unterschätzt, bekommt im Ernstfall schnell: nichts. Da hilft dann auch kein Zauberstab!
Wenn es im Krimi heißt „Wir haben eine Leiche“ treten Forensiker wie Stefan Pittner vor die Kamera: CSI: Salzburg – Fiktion, Fakten und Forschung
Bei Stefan Pittner dreht sich alles um die Frage: Wie genau lässt sich der Todeszeitpunkt bestimmen? Ein kurzer Blick auf die Leiche und der Todeszeitpunkt steht fest, zumindest im Fernsehkrimi. Versierte Krimifans kennen diese Szenen. Stefan Pitter ist kein Krimifan. Sein Interesse gilt den Fakten. Er erläuterte anschaulich, warum klassische Methoden wie Körpertemperatur oder Insektenbefall oft an ihre Grenzen stoßen – und setzt auf einen neuen Ansatz: den Abbau von Muskelproteinen. Ähnlich wie Früchte in einem Obstkorb unterschiedlich schnell verderben, zerfallen auch Proteine im Körper in charakteristischen Mustern. Diese „biologische Uhr“ könnte künftig helfen, Todeszeitpunkte deutlich präziser zu bestimmen – ist aber zugleich ein komplexes Puzzle aus Umwelt- und individuellen Einflüssen. Also in Zukunft wird sich der eingefleischte Krimifan nicht mehr mit den üblichen professionell wirkenden Einschätzungen der Todeszeit am “Tatort“ oder in der Gerichtsmedizin abspeisen lassen. Zumindest ein Obstkorb muss dabei sein.
Der praktische Theologe Sebastian Riedel nahm das Publikum sehr „praxisnah“ mit auf eine Reise vom römischen Pferdehintern bis ins Weltall und erklärte anschaulich warum der Kirche das Aufhören so schwer fällt
Was haben römische Pferdehintern, Eisenbahnschienen und das Space Shuttle gemeinsam? Mehr als man denkt – zumindest, wenn man alten Geschichten glaubt. Mit viel Witz schilderte Sebastian Riedel, wie solche Mythen entstehen und warum sie uns trotzdem nicht mehr loslassen. Von römischen Pferdehintern über Eisenbahnschienen bis hin zum Space Shuttle: 143,5 Zentimeter zeigen, wie alte Entscheidungen bis heute weiterwirken – und warum es manchmal Zeit ist zu fragen: Muss das eigentlich noch so bleiben? Im Zentrum der Forschung steht die sogenannte „Pfadabhängigkeit“: Einmal eingeschlagene Wege bleiben bestehen, auch wenn sie längst nicht mehr sinnvoll sind. Ob in Technik oder Kirche – vieles funktioniert heute noch nach Mustern von gestern. Die überraschende Pointe: Fortschritt bedeutet nicht immer „mehr Neues“, sondern oft auch Mut zum Aufhören. Riedel plädierte augenzwinkernd für „Exnovation“ – also dafür, Gewohntes zu hinterfragen und sich gelegentlich zu fragen: Müssen wir das eigentlich noch?
Vicky König outete sich im Slam als Hundeliebhaberin und in Analogie zu „Wer hat Angst vorm ‚bösen‘ Wolf?“ heißt es in ihrer Forschungsarbeit „Wer hat Angst vorm ‚bösen‘ Wort?“
Vicky König erforscht als Sozialpsychologin wie Menschen mit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft umgehen. Aus einer scheinbar alltäglichen Situation – dem Spazierengehen mit ihrem geliebten, aber sehr schüchternen Hund – entwickelt die Sozialpsychologin ihre zentrale Frage: Warum erleben Frauen und Männer die gleiche Situation so unterschiedlich? Ihre Forschung beweist, dass Bedrohungsgefühle für Frauen real und messbar sind – und sich nicht einfach „wegdenken“ lassen. Vicky König erforscht, wer sich von Feminismus angesprochen fühlt, wer auf Distanz geht – und wann diese Haltung zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann. Ziel ihrer Arbeit ist die Enttabuisierung des Begriffs „Feminismus“ und die stärkere positive Besetzung in der Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus Alltagserfahrungen, wie dem Spazierengehen mit dem Hund – tragen dazu bei, gesellschaftliche Dynamiken besser zu verstehen.
Dieser Science Slam machte Wissenschaft greifbar: In maximal sieben Minuten brachten die Teilnehmenden ihre Forschung mit Witz, Kreativität und spürbarer Leidenschaft auf den Punkt. Erlaubt war alles, nur keine technischen, digitalen Hilfsmittel.
Über den besten Beitrag entschied das Publikum diesmal nicht per Klick, sondern im direkten Austausch in Gruppen – lebendig, diskutierend und mit persönlicher Punktevergabe. Die Entscheidung fiel entsprechend knapp aus. Eva Reisenberger verbuchte mit ihrem Slam „Anpfiff Sprache: Der Weg zum ersten Wort“ den Heimsieg für sich.
Rektor Bernhard Fügenschuh zeigte sich begeistert von der einfallsreichen Art, Forschung kurz, klar und wirkungsvoll zu präsentieren: „An der Universität sehen wir täglich, wie komplex Wissenschaft sein kann – und genauso oft, wie schwer es ist Nicht-expert*innen vom eigenen Thema zu überzeugen. Science Slams sind ein ideales Format, Wissenschaft erlebbar zu machen: Sie bringen Forschung so auf den Punkt, dass man nicht nur etwas versteht, sondern dabei auch noch schmunzeln kann. Die Begeisterung zu teilen und das Feuer überspringen zu lassen ist hier wie auch im Hörsaal gefordert.“
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