Rauris 2026
Auch im Jahr 2026 besuchte eine Gruppe von Studierenden unter der Leitung von Clemens Peck im Rahmen der Lehrveranstaltung „Literaturbetrieb und literarisches Leben in Österreich: Exkursion Rauriser Literaturtage“ die diesjährigen 55. Rauriser Literaturtage (25. bis 29. März 2026). In diesem Rahmen entstanden multimediale Berichte und Auseinandersetzungen mit den literarischen Themen und Persönlichkeiten, die in Rauris im Mittelpunkt standen. Dieses Jahr erstmals mit dabei: Zwei Podcasts von Studierenden, die einen lebendigen Eindruck dieser besonderen und facettenreichen Literaturveranstaltung vermitteln.
Studierendengespräch mit Sophie Hunger
Hier geht es zum Mitschnitt des diesjährigen Gesprächs von Salzburger Studierenden (Hannah Augustin, links im Bild; Felix Feddersen, rechts im Bild) mit der Rauriser Literaturpreisträgerin 2026, Sophie Hunger (Mitte), prämiert für ihren Roman Walzer für Niemand (2025):
https://www.youtube.com/watch?v=ua11Paq5vAs&list=PL-lRRuAzBSDShaR6IMvyX82ShiEGUAw0a

© Michael Gaisberger
Podcast: Lesung und Gespräch Norbert Gstrein, Im ersten Licht (2026)
Eine Podcast-Reportage von Hannah Augustin
Podcast: „Literatur und Kunst“: Gespräch von Martin Hochleitner und Ina Loitzl
Ein Podcast von Michael Gaisberger und Pia Stadelmann


Bild links: Ina Loitzl und Martin Hochleitner im Gespräch; Bild rechts: Kunstinstallation „open heart“ von Ina Loitzl.
© Michael Gaisberger
Bericht: Feridun Zaimoğlu im Gespräch mit Studierenden über seinen Roman Sohn ohne Vater
Felix Feddersen
„Ein Straßenhund mit gebrochenem rechten Hinterbein und kaum verheilter Wunde verkriecht sich unter ein geparktes Auto. Wäre ich ein Heiliger, würde ich auf die Knie sinken und seine Wunde lecken, bis sie heilt.“ (S. 280)
„Schräg, oder?“, kommentierte Zaimoğlu selbst diese Passage aus seinem Roman Sohn ohne Vater im Studierendengespräch der Uni Wien. Ganz in schwarz gekleidet deuteten nur zwei prächtige, fast übergroße Silberringe an den Fingern an, dass dieser Mensch schwer in Worte/n zu fassen ist. Mit großem Charme und äußerst sanft entzog er sich dann auch jeglichen Erkenntnissen seines Wesens. Er habe keine Identität, das finde er langweilig und dafür sei er zu dekadent. Er sei auch nicht authentisch in seinen Werken, sonst käme er aus der Geschichte nicht mehr raus. Mit einem liebevollen und zugleich selbstironisch anmutenden Lächeln erwidert er auf die Fragen der Student*innen; „Sie sind mir auf den Fersen“. Er spricht über Wildwüchsiges, über die Wirklichkeit als Rohstoff, seine Schreibpraxis und die Anfänge: die Lutherbibel – „ein richtiger Oschi“ – und wochenlang bei Friseur*innen eingesammelte Haarhaufen.
Dank der großartigen Fragen der Wiener Student*innen, die Zaimoğlu sichtlich erfreut und interessiert beantwortete, bestanden meine Notizen schließlich aus einer Vielzahl an Vorlieben und Abneigungen, die entweder seinem Gefallen an Schwindel im dichterischen Sinn entsprangen – oder einem Brocken persönlicher Wirklichkeit. „Die Wirklichkeit ist wunderbar, wenn man als Goldsucher*in losgeht“, so Zaimoğlu, „radikales Loslassen der Wirklichkeit unter Einbezug der Wirklichkeit“.

Geschichten bräuchten Fragmente, Brüche, an denen man sich schneiden kann. Ähnlich schildert Zaimoğlu auch seinen Arbeitsalltag. Im Anfang eines Schreibprozesses entstehen Schnipsel, „Wildwuchs“, er sammelt Bilder und Erinnerungen, geht auf „Gewaltmärsche“ – ausgedehnte Spaziergänge, oft am Meer – und trägt stets einen zweifach gefalteten Zettel und einen Stift bei sich. Schreiben ginge nur mit einem Gefühl der Endgültigkeit, mit einem Szenenablaufplan und Vermeidung von Computern. Er müsse zudem in der Geschichte leben, die er auf Schnipseln entfaltet, und zugleich niemals annehmen, dass darauf etwas Plausibles entstehen wird.
„Wer bin ich denn, dass ich sagen kann; das ist die richtige Lesart?“ Er weigere sich, Handlungsanweisungen für die Lesart seiner Romane zu geben, in jedem seiner Bücher würde er missverstanden werden und das sei auch gut so, – viel besser noch, wenn man ihm seine Werke gänzlich aus der Hand reiße, denn jedes Buch sei die Enteignung des*r Schreibenden.
Zaimoğlu habe seinen Bekannten und Freund*innen in seinen morgendlichen Besuchen der Eckbäckerei gesagt, dass er den Tod seines Vaters nicht literarisch ausschlachten würde, aber natürlich habe dieser den Beginn der Romanentstehung markiert, auch wenn er sich erst eineinhalb Jahre danach kaltblütig genug gefühlt habe, um wieder schreiben zu können. „Die Trauer macht mich türkisch“ heißt es in Sohn ohne Vater, eine Geschichte von Trauer, die die Zeit aussetzen lässt, die die Existenz in der Gegenwart unaushaltbar macht, eine Flucht ins Innere, die eine Reise ins Unbekannte und Ungewisse bedeutet und eine lange Wohnmobilfahrt, von Kiel nach Bolu.
„Vater ist tot, ich lebe. Müsste ich mir die Kehle durchschneiden? Ich habe einen schmutzigen Kinderhals“ (S. 21) und „Ich verschmutze aus Trauer. (…) Ich mag lieber in den Tagen leben, in denen ich noch einen Vater hatte. Ich werfe einem Bettler Münzen in den Becher. Für die Seele meines Vaters. Ich höre jemanden sagen: < Du wirst trotzdem brennen.>“ (S. 91)
Der Protagonist und seine Schwester weinen „als wollten wir unsere Gesichter erbrechen.“ (S.9) Der Ich-Erzähler stolpert, unternimmt zahlreiche Versuche, seinen Vater in die Gegenwart zurückzuholen, findet in der Kahlköpfigkeit einen besonderen Ausdruck seiner Liebe zum Vater und nimmt diesem zugleich seinen Tod übel und den Schmerz, der folgt.
Haare scheinen Zaimoğlu zu beschäftigen; er erzählt von seinem Kunstprojekt im Abitur, für das er sämtliche Friseur*innengeschäfte der Stadt abklapperte, das „weiche Schüttgut“ einsammelte, zu einem großen Haufen zusammenklebte und sich irgendeinen philosophischen Mist dazu ausdachte. Auch der Sohn ohne Vater kommt von den Haaren nicht los; „Ich schämte mich, weil mir die sensationellen Koteletten meines Vaters nicht aufgefallen waren“ (S. 19), Christ*innen würden bei schönen Locken schnell zu Haarbeißern werden (S. 79), türkische Freunde raten ihm zur Haarentfernung auf Brust und Rücken, Küsse seien für Frauen dann gefühlsecht, und außerdem: „zum Kraulen wollen sie einen Hund, keinen Mann“ (S. 107).
Ich habe Zaimoğlu versprochen, den Sohn ohne Vater nach İstanbul mitzunehmen. Eine Woche lang saßen der vaterlose Sohn und ich am Ufer des Bosporus, sahen uns japanische Filme mit türkischen Untertiteln an und waren zutiefst bestürzt und mindestens so sehr berührt von Sprachwelten, Sprachlosigkeit und dem Alphabet der Trauer inmitten davon.

© Felix Feddersen
Bericht über die Lesung und das Gespräch mit Christina König zu ihrem Roman Alles, was du wolltest
Yéliyeul Dabiré
Im Rahmen der 55. Rauriser Literaturtage (25.–29. März 2026) präsentierte die Autorin Christina König am 26. März in Baron’s Heimalm (Rauris) ihren Debütroman Alles, was du wolltest (2025) über eine toxische Beziehung zwischen zwei jungen Frauen, Alexandra (Alex) und Viktoria (Viky). Diese Präsentation erfolgte durch Lesung und Gespräch mit dem Autor und Literaturwissenschaftler Manfred Mittermayer. Das Gespräch gewährte tiefgehende Einblicke in zentrale Aspekte des Werks, insbesondere in seine formale Gestaltung, die gewählte Erzählperspektive sowie die behandelten Themen und Figurenkonstellationen. Der Roman erweist sich dabei als vielschichtiges Beispiel zeitgenössischer Literatur, das klassische Beziehungsnarrative aufbricht und neu konfiguriert.
Form und Struktur des Romans
Eine der auffälligsten Besonderheiten des Romans ist seine nicht-lineare Struktur. Christina König verzichtet bewusst auf eine chronologische Erzählweise und entwickelt stattdessen ein komplexes Geflecht aus Zeitebenen. Die Handlung beginnt nicht am Ursprung der Beziehungsgeschichte der beiden Protagonistinnen, sondern setzt mitten im Geschehen ein. Rückblenden („früher“) und Vorgriffe („später“) strukturieren den Text und erzeugen ein fragmentiertes, dynamisches Erzählgefüge. Diese Struktur erlaubt es, die Entwicklung der Beziehung retrospektiv zu rekonstruieren und gleichzeitig ihre Konsequenzen vorauszudeuten.
Ein weiteres formales Merkmal ist das offene Erzählsystem, das sich besonders im Schluss des Romans manifestiert. König bietet nicht ein eindeutiges Ende, sondern drei alternative Schlussvarianten. Diese Mehrfachcodierung des Endes verweigert eine eindeutige Auflösung und fordert die Leser:innen dazu auf, selbst Position zu beziehen. Die Autorin versteht diese Offenheit nicht als Spielerei, sondern als konsequente Erweiterung ihrer eigenen Schreibpraxis: Die verschiedenen möglichen Fortgänge der Handlung existierten für sie parallel, weshalb sie sich entschied, alle Varianten gleichwertig zu präsentieren.
Erzählperspektive: Die Du-Form als zentrales Stilmittel
Besonders bemerkenswert ist die konsequente Verwendung der Du-Perspektive. Der gesamte Roman ist als Anrede an eine Figur geschrieben, wodurch ein ungewöhnliches Nähe-Distanz-Verhältnis entsteht. Während die Ich-Perspektive traditionell mit unmittelbarer Subjektivität verbunden ist, erzeugt die Du-Form eine doppelte Bewegung: Einerseits schafft sie Distanz zur erzählenden Instanz, andererseits kann sie Leser:innen direkt ansprechen und in die Handlung involvieren. König beschreibt diese Perspektive als bewusst gewähltes Mittel, um Identifikationsprozesse zu destabilisieren. Beim Schreiben habe sie selbst das Gefühl gehabt, zugleich Beobachterin und Angesprochene zu sein. Diese Ambivalenz überträgt sich auf die Rezeption: Leser:innen werden potenziell selbst adressiert und damit in die Reflexion über die dargestellten Beziehungsmuster hineingezogen.
Figuren und Perspektivverschiebungen
Im Zentrum des Romans stehen die beiden Protagonistinnen Alexandra (Alex) und Viktoria, deren Beziehung als komplexe und ambivalente Dynamik dargestellt wird. Anders als in klassischen Opfer-Täter-Erzählungen vermeidet König eine eindeutige moralische Zuordnung. Zwar lässt sich eine Machtasymmetrie erkennen, doch sind beide Figuren in unterschiedlicher Weise in diese Dynamik verstrickt.
Alex fungiert als reflektierende Instanz, die die Beziehung rückblickend analysiert. Dennoch wird sie nicht als reine Opferfigur konstruiert. Vielmehr zeigt der Roman, dass auch sie aktiv an der Aufrechterhaltung der Beziehung beteiligt ist. Viktoria hingegen erscheint nicht ausschließlich als dominante Täterin, sondern ebenfalls als vielschichtige Figur, deren Verhalten nachvollziehbar, wenn auch problematisch, ist. Diese bewusste Uneindeutigkeit trägt zur Komplexität des Textes bei und verhindert einfache Identifikationsangebote.
Zentrale Themen: Macht, Ökonomie und soziale Ungleichheit
Ein zentrales Thema des Romans ist die Frage nach Macht in zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese manifestiert sich nicht primär über Emotionen, sondern insbesondere über ökonomische Abhängigkeiten. Viktoria verfügt über finanzielle Ressourcen und soziale Privilegien, während Alex aus einem bildungsferneren Milieu stammt. Diese Unterschiede strukturieren die Beziehung maßgeblich und führen zu einem Ungleichgewicht, das sich zunehmend verfestigt. Dabei wird deutlich, dass materielle Faktoren eine entscheidende Rolle für das Fortbestehen der Beziehung spielen. Alex bleibt nicht aus emotionaler Bindung, sondern auch aufgrund der materiellen Vorteile und der damit verbundenen Abhängigkeit. Der Roman zeigt somit, wie ökonomische Bedingungen intime Beziehungen prägen und Machtverhältnisse stabilisieren können.
Darüber hinaus thematisiert das Werk soziale Herkunft und Klassenunterschiede. Die unterschiedlichen Lebenswelten der beiden Figuren werden durch subtile Markierungen sichtbar, etwa durch Konsumgewohnheiten oder kulturelle Praktiken. Diese Differenzen sind nicht nur Hintergrundrauschen, sondern integraler Bestandteil der Beziehungsdynamik.
Geschlecht, Identität und gesellschaftliche Strukturen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Identitätsfragen. Obwohl es sich um eine Beziehung zwischen zwei Frauen handelt, macht der Roman deutlich, dass Machtstrukturen nicht an heteronormative Konstellationen gebunden sind. König stellt explizit heraus, dass patriarchale Muster auch innerhalb gleichgeschlechtlicher Beziehungen wirksam sein können. Besonders interessant ist die Figur Viktoria, deren Geschlechtsidentität bewusst uneindeutig gestaltet ist. Sie bewegt sich zwischen verschiedenen Rollenbildern und verweigert eine klare Zuordnung. Dadurch wird die Konstruktion von Geschlecht als soziale Praxis sichtbar, die ständig neu verhandelt wird. Gleichzeitig distanziert sich der Roman von gängigen Coming-out-Narrativen. Die sexuelle Orientierung der Figuren wird nicht als zentrales Problem inszeniert, sondern als selbstverständlicher Bestandteil ihrer Identität behandelt. Damit trägt das Werk zu einer Normalisierung queerer Lebensrealitäten bei, ohne diese zu idealisieren.
Beziehung als ambivalentes Geflecht
Insgesamt präsentiert Alles, was du wolltest eine Beziehung, die von Widersprüchen geprägt ist. Körperliche Anziehung, ökonomische Interessen und soziale Dynamiken überlagern sich und führen zu einer Verbindung, die weder eindeutig funktional noch vollständig destruktiv ist. Die Figuren bleiben trotz oder gerade wegen ihrer Unvereinbarkeiten miteinander verbunden.
Der Roman stellt damit grundlegende Fragen: Warum bleiben Menschen in Beziehungen, die ihnen offensichtlich schaden? Welche Rolle spielen äußere Bedingungen dabei? Und inwiefern sind Individuen selbst für ihre Situation verantwortlich?
Fazit
Christina Königs Roman überzeugt durch seine Form und seine thematische Tiefe. Die nicht-lineare Struktur, die ungewöhnliche Du-Perspektive und die offenen Enden fordern die Leser:innen aktiv heraus und machen die Lektüre zu einem reflektierenden Prozess. Gleichzeitig gelingt es dem Text, komplexe gesellschaftliche Themen wie Macht, soziale Ungleichheit und Geschlechteridentität in einer intimen Beziehungsgeschichte zu verhandeln. Gerade die Ambivalenz der Figuren und die Verweigerung einfacher Antworten machen den Roman zu einem spannenden Gegenstand für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung. Für die Germanistik bietet Alles, was du wolltest somit ein reiches Analysefeld, das sowohl erzähltheoretische als auch soziokulturelle Fragestellungen miteinander verbindet.
Lesungen und Gespräche: Ulrike Draesner penelopes sch()iff und Marlene Streeruwitz Auflösungen & Prinzessinnenkunde
Stefan Pitzer
Erstes Gespräch: penelopes sch()iff
Penelopes sch()iff‘ geht nicht leicht über die Lippen. Im Titel: Auslassung, Unterbrechung, Raum für Unerzähltes, eine zusätzliche bildliche Ebene? Nach tausenden Jahren in der Rolle der treu wartenden Ehefrau und kulturhistorischem Untererzählt-Sein packt Penelope ihre Sachen. Das Warten hat sich nicht ausgezahlt. Sie lässt ein florierendes Ithaka und den an PTBS leidenden, sklavinnenmordenden Ehemann hinter sich, schifft 100 Frauen und Homer als Schildkröte ein und begibt sich auf keine Irr-, aber Utopiefahrt gen post-patriarchale Ordnung. Ulrike Draesners “Post-Epos“ (Petra Nagenkögel) setzt dort an, wo die Odyssee schweigt.
Doch wie kam es dazu? Warum wurde es für Draesner nötig, die Odyssee in unserer Gegenwart erneut zu befragen? Mit dieser Frage setzte Petra Nagenkögel nach einer poetischen Werkschau zu Ulrike Draesner den ersten Schwerpunkt des Freitagabendgesprächs der 55. Rauriser Literaturtage. Dass der bereits 2008 auch vor dem Hintergrund einer in die Kindheit zurückreichenden Unzufriedenheit mit Penelopes Rollenmodell begonnene Text nun seine Vollendung fand, erklärte Draesner durch einen zweifachen politischen Bezug. Zum einen machte die erneut virulent gewordene Kriegsthematik die Verbindung klassischer kriegsbefasster Texte mit Fragen der Gegenwart spürbar. Zum anderen wurde ein Bild auf einer MAGA-Kaffeetasse zur Initialzündung. In Trump als Perseus, der den abgeschlagenen Kopf der „Medusa“ Hillary Clinton hält, zeige sich, wie tief antike Mythen im kollektiven kulturellen Erbe, Bewusstsein und Halbbewusstsein verankert seien. Dies ernst zu nehmen, war Anlass, einen anderen Geist wehen zu lassen. Ein utopisches Gesellschaftsmodell kooperativen Verhaltens und Verständigens musste geschrieben werden: Penelope musste raus und ihr Schiff musste fahren.
Ebendort setzte auch die erste Lesepassage an. Sie erzählt von der Fahrt der Frauen (und einer Schildkröte) über das Meer, deren Erinnerung an die alte Ordnung, erste Zeichen der Auflösung dieser und der Egalisierung einst prägender Unterschiede. Draesner liest rhythmisierend den grafisch und lautlich stark konturierten, bildreichen, selbst die sprachlichen Register wechselnden Text. Eine werdende Gesellschaft lässt ein von Krieg und Hierarchie geprägtes Leben hinter sich.
Die(se) „utopische Dimension des Textes“ (Draesner) und deren Grundlage in der Abgrenzung zur in der Odyssee vorrangig erzählten Perspektive und Welt wurden im weiteren Gespräch mehrfach aufgegriffen. Auf Nagenkögels Frage, was es mit der von Draesner in den Vorüberlegungen des Buches benannten „untererzählten Penelope“ auf sich habe, erklärte diese, wie ihre Intention, über Penelope zu erzählen, eine intensive Relektüre des Originals nach sich zog und dabei eine Schattenwelt des nicht vordergründig Erzählten, aber Mitimplizierten sichtbar geworden sei. So spreche die Odyssee etwa extensiv von Verwandtschaftsbeziehungen, die es erlaubten, nicht näher thematisierte Beziehungen abzuleiten und zu ergänzen (etwa: Penelope ist die Cousine Helenas, sie sind gemeinsam aufgewachsen und schreiben sich Briefe während des Trojanischen Krieges). Auch lasse sich aus den wiederholten Aufzählungen von Besitztümern (Sauen, Ziegen etc.) durch Kontrastbildung zur kargen Ausgangssituation Ithakas Penelopes Erfolg als Königin erkennen. Die Odyssee erzähle solche Aspekte mit, auch wenn sie nicht benannt würden. In dieser Welt wüssten die Frauen auch, was es bedeute, wenn Männer aus dem Krieg heimkehren und sie bereiten sich auf verschiedene Eventualitäten vor. Penelope sei gebunden an Odysseus, aber nicht bereit, jeden Preis zu zahlen, und so bleibe ihr angesichts der Ereignisse nach dessen Rückkehr nur eins: abfahren und einen neuen Versuch unternehmen.
Auf Nachfrage Nagenkögels zur eben genannten utopischen Dimension erklärte Draesner deren Ursprung im Anthropozän-Diskurs und ihre Grundidee der Integration in den Text. Es gehe letztlich darum, zu erkennen, wohin die bisherige Auffassung des Menschen, eine Philosophie der Machbarkeit und ein patriarchales Herrschaftsbild geführt hätten und zu fragen, was passierte, wenn zwei, drei Stellschrauben gedreht oder eine Gegenperspektive eingenommen und eine andere Auffassung von Mitkreatürlichkeit, Gemeinsamkeit und Verbundenheit mit der sozialen und natürlichen Umgebung gelten würde. Die Frauen im Buch segelten im Gegensatz zu ihren Männern gezielt unter solch anderen Vorzeichen. Sie hätten nicht die Idee, jenen eins draufzuhauen, denen sie begegnen, sondern die Vorstellung, ihnen etwas anzubieten, das sie haben möchten. Auch gegen die Natur segelten sie nicht. Dabei gehe es nicht darum, ein feministisches Epos zu erzählen und auch nicht um einen Antagonismus Mann-Frau, sondern um den Gegensatz patriarchal zu „Companionship-denkend“. Dieses Hinter-sich-Lassen einer Ordnung geschehe auch auf der Ebene der Sprache.
Damit war das Stichwort für das letzte Gesprächsthema gegeben, welches aus zeitlichen Gründen nur noch angeschnitten wurde: Die Arbeit mit und an der Sprache. Als Beispiel nehme der mittlere Teil des Buches die Webthematik auf, die in ‘Penelope‘ über ‘pene‘ (griech. Gewebe) angelegt sei, und arbeite mit diesem Begriff von der Laut- bis zur Satzebene unter Einbezug rhythmischer, bildlicher und intonatorischer Mittel auch zur Integration untergründiger Bedeutung und zur Erzeugung körperlicher Resonanz. Dies sei für sie, so Draesner, dann das tatsächliche Verstehen des Webens.
Wer das Buch und dessen Gestaltungsmittel nicht kannte, konnte in der Live-Situation erahnen, was poetologisch gemeint war. Denn die zweite, gekürzte Lesepassage knüpfte nicht dort, sondern am Ende der Reise an. In der (später) venezianischen Lagune erprobt die Schiffsgemeinschaft, freiere und dennoch gemeinschaftlichere Formen des Zusammenlebens. Mit solcherart Ausblick endete das erste Gespräch.
Zweites Gespräch: Auflösungen & Prinzessinnenkunde
Der zweite Teil des Abends stand im Zeichen einiger grundlegender Überlegungen zu Geschlechterverhältnissen, Konstruktion weiblicher Identität, kultureller Prägung versus rechtlicher und politischer Situation, Machtstrukturen und deren literarischer Darstellungsweise. Es war das Gespräch Manfred Mittermayers mit Marlene Streeruwitz.
Den Einstieg bestritt Mittermayer durch Verweise auf Streeruwitz‘ Bedeutung als Dramatikerin und Parallelen in deren Schaffen. Ihre Stücke untersuchten „wie wir gemacht sind“, wie aus verschiedensten Einflüssen das entstehe, was dann als Identität oder Persönlichkeit dargestellt werde und wie dieses Etwas zusammengesetzt sei. Ihre Romane seien Texte, die häufig von einzelnen Personen – meist Frauen – handeln, welche sich in einer Art Prekariat befänden, mit Krisen konfrontiert seien und plötzlich aus vermeintlich stabilen Mustern herausfielen. Dies gelte auch für den aktuellen Roman Auflösungen, in dem sich die Protagonistin Nina Wagner aus ihrem österreichischen Gefüge herausgerissen in der Stadt New York, die nicht mehr das zu bieten vermag, was sie früher versprochen hatte, durchschlage. Das Tolle am Text und der nun folgenden Lesepassage, so Mittermayer, sei (unter anderem), dass darin immer wieder die Gedanken Nina Wagners zu Themen, Ängsten, Befürchtungen und Erfahrungen wandern und zugleich mit dem konkreten Leben der Protagonistin überblendet werden.
Streeruwitz‘ Replik, die Tatsache, dass „Frauen denken und kompliziert sind“, löse oft Erstaunen aus, sorgte für einen Moment der Erheiterung im Publikum, der zugleich den Übergang zur Lesepassage aus Auflösungen ermöglichte. Diese zeigt die Protagonistin in einer Bibliothek in New York. Während der Lektüre kulturtheoretischer Texte entwickelt sich ein innerer Reflexionsprozess, in dem persönliche Erinnerungen, familiäre Erfahrungen und gesellschaftliche Bedingungen miteinander verknüpft werden. Sie reflektiert ihre Beziehung zum Vater, dessen Einfluss auf die Familie, ihre auch darin gegründeten emotionalen und ökonomischen Abhängigkeiten, fehlende Anerkennung, Hoffnungslosigkeit und die Ahnung, aufgrund ihres im 19. Jahrhundert steckengebliebenen Geschlechts spurlos zu bleiben. Kurze, fragmentierte Sätze und assoziative Denkbewegungen prägen den Erzählrhythmus, ein Eindruck den Mittermayer sodann aufgriff und mit Streeruwitz’ Beschäftigung mit angloamerikanischer Literatur (Strukturen aus dem Englischen) assoziierte.
Im weiteren Gespräch gaben gezielte Beobachtungen und Textbezüge Mittermayers Anlass für längere Ausführungen Streeruwitz’. Die (un-)grammatisch häufige Verwendung einer „gemacht“-Formel im Text kommentierte Streeruwitz mit dem Hinweis, Wahrheiten bräuchten eine andere Grammatik. In der Frage des Hineinreichens vergangener Entwicklungen in die Gegenwart betonte Streeruwitz den forschenden Aspekt des Schreibens und schilderte das New York des Romans Auflösungen. So habe die AIDS-Epidemie der 90er Jahre vor dem Hintergrund christlicher Strafvorstellungen die kulturelle Entwicklung der Stadt nachhaltig geprägt und einen liberalen Aufbruch der Form „wir können die Welt durch Kunst verändern“ ruiniert. Im Roman gebe es zahlreiche Figuren, die dies miterlebten, dadurch aber gezeichnet sind und denen sie auch ihre eigenen biografischen Erfahrungen des Lebens in New York dieser Zeit schenkte.
Wiederholtes Thema des Gesprächs war die Unvereinbarkeit zwischen einer aus früheren Zeiten stammenden kulturellen, sozialen Prägung und der aktuellen Lebensrealität. Diese zeige sich beispielhaft an der sexuellen Revolution in Verbindung mit der rechtlichen Situation von Frauen. Die sexuelle Revolution habe, so Streeruwitz, den Männern gut gedient. Während sich für Männer das noch aus der Habsburgermonarchie bestehende, katholisch geprägte Scheidungsverbot und tradierte Standeseinschränkungen in Richtung freie Liebeswahl und serielle Monogamie wandelten, entledigte die sexuelle Revolution die Frauen von der rechtlichen Absicherung, die sie in die Lage versetzt hätte, dem gegenüberzutreten. Während politisch und rechtlich Veränderungen vorangetrieben wurden, verblieb der kulturelle Umgang zwischen den Geschlechtern oder in Beziehungen überhaupt, auch in wirtschaftlichen, im 19. Jahrhundert stecken. Resultat sei unter anderem die Realität weiblicher Altersarmut nach Auflösung des Paars und der damit verbundenen Verabredungen. An jenem Punkt, wo Verabredungen nicht mehr eingehalten werden müssen, beginne aber auch in einem allgemeineren Sinne Macht, auch die rohe Macht eines Donald Trump. Diese Umstände und Diskrepanzen werfen letztlich Schicksale auf Schiene, die in Gegenden führten, in welche die Person überhaupt nicht wolle, und erzeugten in der kurzen Zeit der Ich-Bildung Fehlstellen, die schwierig auszuhalten seien und jedenfalls nicht das große Glück grundierten.
Mit diesem Themenkomplex war schließlich bereits das zweite Werk Streeruwitz’, das es an diesem Abend zu besprechen galt – Prinzessinnenkunde –, implizit aufgegriffen, sodass die letzte Lesepassage unmittelbar folgte. Ausgangspunkt ebendieser war eine von Streeruwitz geschilderte Erfahrung im Rahmen einer früheren Lesung, bei der ein Moderator die Hauptfigur von Auflösungen als gestört bezeichnete. Seither schaue sie erneut genauer hin, wie viel eigentlich in Sachen Gehört-Werden von Frauen geschehen oder nicht geschehen sei.
Die vorgelesene Passage antwortet direkt auf den Vorwurf des Gestört-Seins und analysiert diesen als Projektion des durch die literarische Figur und deren Handeln angesprochenen eigenen Unbehagens des Moderators auf die Figur Nina Wagners. Wo durch fiktiven Nachvollzug des Denkens und Lebens einer Frau, die sich gegen das Ausgeliefert-Sein an prekäre Verhältnisse stellt, die Welt begriffen, Rückschlüsse auf die eigene Situation gezogen werden und geschlechtsübergreifende Verständigung erfolgen könnten, erfasst den Moderator ganz selbstverständlich ein Gefühl zur literarischen Figur: „Hier, die ist doch gestört, die ziert sich, die ist kompliziert, die will eine Prinzessin sein, die sich als etwas Besseres fühlt“.
Mit dem Essayauszug aus Prinzessinnenkunde endete diese Abendveranstaltung, die neben Einblicken in die Werke auch soziologische Einsichten beförderte. Es scheint kaum möglich, dem in einem Lesungsbericht gerecht zu werden. Die Lösung besteht darin, die Texte dieses Abends selbst zu lesen.
Rauris 2025
Im Rahmen der jährlich stattfindenden Lehrveranstaltung „Literaturbetrieb und literarisches Leben in Österreich: Rauriser Literaturtage“ (Leitung: Clemens Peck) besuchten Studierende des Fachbereichs Germanistik die Rauriser Literaturtage 2025 (19.-23. März). Die Studierenden führten ein Gespräch mit der Autorin Lilli Polansky (Preis der Rauriser Literaturtage für das beste deutschsprachige Romandebut) und verfassten Berichte über Lesungen und Veranstaltungen in Rauris, die hier nachgelesen werden können.
Autorinnengespräch mit Lilli Polansky im Rahmen der Rauriser Literaturtage 2025. © David Sailer
Zwischen(den)Welten. Wo Worte fehlen und das Schweigen spricht. Lesungen und Gespräche – Ronya Othmann, Milica Vučković, Kurt Palm (20. März 2025)
Sára Etelka Győri / Tatjana Tadic
Das Raurisertal zeigte sich von seiner beschaulichsten und zugleich sinnlichsten Seite: strahlender, warmer Sonnenschein über den grünen Hängen und weiße Berggipfel – ruhig und erhaben erstrahlte die malerische Kulisse, sodass es schien, als würde die Zeit für einen Moment stillstehen. Bereits am Donnerstagnachmittag machten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher der diesjährigen Rauriser Literaturtage auf den Weg zur Hochalmbahn, um sich zum alljährlichen literarischen Highlight zu begeben: den Abendlesungen und -gesprächen auf der Heimalm. Umgeben von einem atemberaubenden alpinen Panorama in einer sinnlichen Atmosphäre eröffnete sich ein eindrucksvoller Ort für literarische Begegnungen. Ronya Othmann, Milica Vučković und Kurt Palm sind dabei mit ihren jeweiligen Moderatorinnen und Moderatoren über ihre literarischen Neuerscheinungen in den Dialog getreten. Für die diesjährige musikalische Rahmengestaltung auf der Heimalm zwischen den einzelnen Lesungen und Gesprächen sorgte Erwin Rehling, der das Publikum mit zarten und melodischen Klängen unterschiedlicher Perkussionsinstrumente überzeugen konnte und dem Abend einen besonderen Akzent verlieh.
Den Auftakt des Abends markierte das eindrucksvolle Gespräch der deutschen Autorin und Journalistin Ronya Othmann mit der Rauriser Intendantin Ines Schütz. Die Tochter einer deutschen Mutter und eines jesidisch-kurdischen Vaters widmet sich in ihrem 2024 im Rowohlt Verlag erschienen Roman Vierundsiebzig dem Genozid, der am dritten August 2014 in Shingal – im nördlichen Irak – von islamistischen Kämpfern der Terrormiliz ‚Islamischer Staat‘ begangen wurde. Zahlreiche Menschen wurden Opfer von Entführung, Vergewaltigung und Mord – nur einige wenige konnten fliehen. Es handelte sich dabei um den bereits 74. und zugleich grausamsten Völkermord, der an dem jesidischen Volk verübt wurde. Vier Jahre nach dem grauenvollen Massaker machte sich Othmann schließlich auf den Weg in den Irak, um sich den einstigen Orten des Verbrechens zu stellen und zu erfahren, was an jenem dritten August 2014 geschehen ist. Doch auch die deutsche Außenpolitik im Nahen Osten, Trauma, Flucht, Migration, LGBTQ und Diskriminierung im Allgemeinen liegen dem Roman zugrunde. Themen, denen sie sich immer wieder literarisch widmet.
Ein weiteres zentrales Thema – so Othmann – sei die Sprachlosigkeit, die aus dem Roman deutlich hervorgehe. Die Autorin erzählte davon, wie sie 2018 in die autonome Region Kurdistan gereist ist und einer Frau begegnet ist, die nicht mehr gesprochen hat. Zugleich traf sie auf einen Mann, der permanent eine Geschichte nach der anderen erzählte. Mit diesem ‚Phänomen‘ sei sie häufig konfrontiert gewesen. Ihrer Auffassung nach handle es sich dabei um ein und denselben Ausdruck einer Sprache: einerseits eine völlige Sprachlosigkeit und andererseits ein Verlust der eigenen Sprache, wobei zwar der Versuch unternommen wird, entsprechende Worte für das Erlebte zu finden, es im Grunde genommen aber keine Worte dafür gibt. In Vierundsiebzig versucht Othmann das Erlebte zu dokumentieren und das Geschehene somit sichtbar zu machen, wobei sie im Gespräch aber verdeutlicht, dass es für das, was sie vor Ort gesehen und gehört hat, im Grunde genommen keine Worte gibt, denn „das, was ich erzähle, ist eigentlich nicht erzählbar“.
Vierundsiebzig ist somit nicht nur ein Roman, sondern vielmehr eine Komposition aus Autobiographie, Reisebericht und insbesondere Geschichtsschreibung. In einer Art Montagearbeit versuchte sie das Erlebte in Form zu bringen und Worte für das Unbegreifliche zu finden – wobei nichts unausgesprochen bleibt. Es seien zwei Welten, die sich letztlich gegenüberstünden, so Othmann. Für die Menschen in Shingal sei das der Alltag, es sei in gewisser Weise ein Normalzustand im Ausnahmezustand oder zumindest eine entstellte Normalität im Unterschied zu unseren Breitengraden. Während Othmann von der einen in die andere Welt flüchten kann, um von dem Erlebten Abstand zu bekommen, können die dort ansässigen Menschen dies nicht. Häufig habe sie Menschen – so auch beispielsweise unlängst in der Ukraine – sagen hören, dass sie nie gedacht hätten, dass sie sich einmal in einer derartigen Situation befinden würden. „Es ist aber immer näher als man denkt“, so die Autorin. Mit Vierundsiebzig hat Othman einen Text geschaffen, der sich kompromisslos seiner Wahrheit stellt, wodurch das Schweigen letztlich gebrochen und das Unsichtbare sichtbar gemacht wird.
Nach einer kurzen Pause und einer musikalischen Einlage hat sich die aus Belgrad stammende Autorin und bildende Künstlerin Milica Vučković anschließend mit der Literatur- und Kunstvermittlerin Magdalena Stieb über ihren zweiten Roman Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen, welcher 2025 erstmals in deutscher Übersetzung im renommierten Zsolnay Verlag erschienen ist, auseinandergesetzt. Begleitet wurde das Gespräch von Maša Dabić, die mit ihrer eindrucksvollen simultanen Übersetzungsfähigkeit mehr als überzeugen konnte. Dabei bot sie nicht nur eine wortgetreue Übersetzung – die sich v.a. auch durch eine fließende und unmittelbare Synchronität auszeichnete –, sondern erweckte zugleich den Eindruck, als habe sie jeden einzelnen Gedanken von Vučković in ihrer ganzen Tiefe und Nuance erfasst.
Vučkovićs Roman erfuhr in ihrem Heimatland Serbien eine breite Rezeption, sodass die erste Auflage bereits binnen weniger Tage ausverkauft war. Im Gespräch äußerte die Autorin, dass jegliche Literatur, die vom Balkan stammt und in die deutsche Sprache übersetzt wurde, fast ausschließlich den Jugoslawienkrieg zum Thema hat und Autorinnen und Autoren aus diesen Breitengraden – international betrachtet – stetig mit dieser Thematik in Verbindung gebracht werden. Mit ihrem neuen Roman bereitet sie dieser ‚Tradition’ ein Ende und möchte aufzeigen, dass es durchaus auch möglich ist, vom Balkan zu kommen, ohne ein Buch über den Krieg zu schreiben. Ein Buch, welches sich hingegen mit ‚toxischen’ Beziehungen auseinandersetzt und vom Balkan kommt, habe es bislang noch nicht gegeben, obgleich es eine derartig präsente Thematik sei – so Vučković.
Die Geschichte, um die es geht, handelt von Eva, einer alleinerziehenden Mutter, die auf ihren Traummann Viktor – Journalist, Schriftsteller und Intellektueller zugleich – trifft. Doch der Schein trügt und Eva findet sich schon bald in einer stetigen Abwärtsspirale wieder, denn der anfangs liebevolle und sympathische Viktor entpuppt sich als krankhaft eifersüchtiger und cholerischer Zeitgenosse, sodass das anfängliche Liebesglück einem toxischen Beziehungsverhältnis entgleitet. Vučković nimmt in ihrem Roman kein Blatt vor den Mund – nichts bleibt unausgesprochen. Sprachlosigkeit und der Verlust der Macht über den eigenen Körper sind dabei zentrale Aspekte, die das Buch durchziehen. Doch ihr Roman ist nicht nur von großer Empathie und Feinfühligkeit durchzogen, sondern zeichnet sich v.a. auch durch einen äußerst abgründigen Humor aus. Laut Vučković sei Humor das wichtigste Überlebenswerkzeug des Menschen, da der Mensch erst dadurch die Möglichkeit erhält, Abstand zu seinem eigenen Leben zu bekommen. Mit ihrem Roman greift sie eine Thematik auf, der in der Gesellschaft grundsätzlich ausgewichen wird und durchbricht somit ein kollektives Schweigen. Ihr Buch widmet sie dabei all jenen, denen letztlich die Kraft zum Sprechen fehlt.
Den wirkungsvollen Abschluss auf der Heimalm markierte das von Tomas Friedmann moderierte Gespräch mit Kurt Palm, welches nach einer weiteren kurzen Pause von einem Glockenspiel eingeläutet wurde. Palms neuester Roman erschien 2024 und passt nicht nur wegen seines Titels Trockenes Feld in die Thematik der diesjährigen Literaturtage: ‚Konfliktfelder’. Im Fokus der Autobiographie stehen Erinnerungen, die sich als falsch herausgestellt haben, die Flucht der Eltern aus Suhopolje (was ins Deutsche übersetzt so viel wie ‚trockenes Feld’ bedeutet), die Suche des Individuums nach den eigenen Wurzeln und der Wunsch nach Zugehörigkeit. Palm dokumentiert in seinem Buch die Geschichte seiner Eltern und versucht, seinem ambivalenten Verhältnis zu Österreich auf den Grund zu gehen. Im Gespräch äußerte der Autor, dass es „keine Wahrheit in der Erinnerung“ gebe, weswegen sein Roman zwar über einen wahren Kern verfüge, die Erzählung ringsum aber fiktionalisiert sei. Nach einer kurzen, aber eindrucksvollen Lesung erzählte Palm, wie er in einer Truhe auf dem Dachboden seines Elternhauses Dokumente entdeckt hatte, die bestätigten, dass sein Vater ursprünglich bei der SS tätig war, oder dass er bei der Beerdigung seiner Mutter Geschichten erzählt hat, die sich später als völlig falsch und entstellt herausgestellt haben.
Trotz erschütternder und düsterer Thematik war das Gespräch – dank Palms erstklassigem Humor und zahlreicher persönlicher Momentaufnahmen aus seinem Leben – von einer ausgelassenen und heiteren Stimmung geprägt – vergnügtes Lachen gab es im Publikum immer wieder. So beispielsweise auch nach der Anekdote, dass der Autor vor gut 45 Jahren mit einigen Freunden auf die Idee kam, im namhaften Rauriserhof die Zeche zu prellen, welche heuer endlich – inklusive Zinsen – beglichen wurde, oder als er erzählte, dass das Vöcklabrucker Lagerhaus seinen vor kurzem erschienenen Roman als landwirtschaftliches Sachbuch bewarb, da dieser augenscheinlich von ‚trockenen Feldern’ handle.
Damit ging ein eindrucksvoller Abend prägender Gespräche und Lesungen zu Ende und die Besucherinnen und Besucher machten sich erneut auf den Weg zur Seilbahn. Die auf der Heimalm gewonnenen Eindrücke, die ihre Wirkung v.a. im Nachhinein entfalteten, dienten noch lange als Gesprächsgrundlage. Mit der Gondel ging es schließlich in tiefer Finsternis den Berg hinunter. Diese nicht alltägliche und eindrucksvolle Konstellation verlieh der gemeinsamen Gondelfahrt eine besondere Atmosphäre, begleitet von aufschlussreichen Unterhaltungen. Unten angelangt traten die ersten bereits den Heimweg an, während andere den Rauriserhof aufsuchten, um den Abend bei hervorragenden Getränken und Gesprächen ausklingen zu lassen. Ein unvergesslicher Abend, der nachhallt.
Lesung von Anna Neata, Rauriser Förderpreis (20. März 2025)
Verena Adelsberger und Lara Wieser
Im Rahmen der Rauriser Literaturtage hatten die Studierenden der Paris Lodron Universität Salzburg die besondere Gelegenheit, die Autorin und Sprachkünstlerin Anna Neata live zu erleben. Am Mittwoch, dem 19. März 2025, durften wir der feierlichen Eröffnung der Literaturtage beiwohnen, die in der stimmungsvollen Atmosphäre des Mesnerhauses in Rauris stattfand. Im Zuge der Feierlichkeiten wurde Anna Neata in einem kurzen Video vorgestellt und anschließend wurde ihr der Rauriser Förderungspreis für ihren Text Es Maedchen fasst sich en Mut und zwä Herzen übergeben. Am folgenden Tag, dem 20. März 2025, konnten wir im Mesnerhaus eine Lesung von Anna Neata besuchen, der eine eindrucksvolle Laudatio durch Claudia Lehner voranging. Vor zahlreichem Publikum präsentierte sie ihren Text auf eindrucksvolle Weise und zog die Zuhörenden mit ihrer sprachlichen Kraft und Ausdrucksstärke in den Bann.

Anna Neata ist Autorin und Sprachkünstlerin mit Wurzeln in Salzburg und Wiesbaden. Nach ersten akademischen Stationen in Mainz, wo sie Film- und Theaterwissenschaften studierte, zog es sie nach Wien, wo sie 2024 ihr Masterstudium im Bereich Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst abschloss. In ihrer künstlerischen Arbeit verbindet sie Prosa mit Theaterformen und wurde bereits mehrfach für ihr Schreiben ausgezeichnet: 2020 erhielt sie das Hans-Gratzer-Stipendium für ihr Theaterstück Oxytocin Baby und war im selben Jahr zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Ihr literarisches Debut gab sie 2023 mit dem Roman Packerl, der im Ullstein Verlag erschien. Für ihr jüngstes Werk wurde ihr 2025 der mit 5.000 Euro dotierte Rauriser Förderungspreis verliehen – eine Auszeichnung des Landes Salzburg und der Marktgemeinde Rauris im Rahmen der Rauriser Literaturtage. (Vgl. Stasta-Stadlmair & Stieb, 2025)
Beim Rauriser Förderungspreis handelt es sich um eine literarische Auszeichnung, die jährlich im Rahmen der Rauriser Literaturtage vom Land Salzburg in Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde Rauris vergeben wird. Prämiert wird ein bislang unveröffentlichtes Manuskript, das sich inhaltlich mit einem thematischen Schwerpunkt auseinandersetzt, der jeweils im Juni des Vorjahres öffentlich ausgeschrieben wird. Die Bewertung der eingereichten Texte erfolgt anonym durch eine jährlich neu zusammengesetzte Jury, wodurch ein möglichst unvoreingenommener Auswahlprozess gewährleistet wird. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und versteht sich als gezielte Förderung literarischer Talente, denen im Rahmen der Literaturtage zugleich eine Bühne für erste öffentliche Aufmerksamkeit geboten wird. (Vgl. Rauriser Literaturtage, 2025)
Die Jury des Rauriser Förderungspreises zeichnete Anna Neata für ihren Text Es Maedchen fasst sich en Mut und zwä Herzen aus, in dem sie sich mit der sprachlichen Darstellung traumatischer Kindheitserfahrungen auseinandersetzte. In ihrer Begründung hob die Jury insbesondere die sprachliche Gestaltung hervor: Der Text operiert mit einer konstruierten Kunstsprache, die Elemente eines siebenbürgischen Dialekts, der deutschen Hochsprache sowie des Englischen miteinander verbindet. Diese hybride Ausdrucksweise wurde als offen für Deutungen und zugleich poetisch wirkungsvoll beschrieben.
Inhaltlich lässt der Text bewusst offen, ob es sich bei dem Erzählten um autobiografische Erfahrungen oder um fiktionale Konstruktionen handelt. Begriffe wie „Borderline“ und „Anorexie“ erscheinen lediglich am Rande und werden nicht als zentrale Themen behandelt, sondern als mögliche Hinweise auf psychische Reaktionen auf ein unausgesprochenes Ereignis verstanden. Die Jury würdigte darüber hinaus die Bildsprache des Textes, insbesondere Metaphern wie den „glitschigen Fisch unterm Water“, mit denen das Unsagbare indirekt und suggestiv erfahrbar gemacht werde. Zudem verbindet der Text verschiedene Referenzsysteme – etwa aus Religion, Alltagskultur und Literatur – und integriert humorvolle Momente, die eine zusätzliche Ebene eröffnen.
Insgesamt verstand die Jury das Manuskript als sprachlich eigenständiges und formal reflektiertes literarisches Werk, das sich durch seine komplexe Gestaltung und den sensiblen Umgang mit Sprache als preiswürdig erwiesen hatte.
Anna Neatas Text Es Maedchen fasst sich en Mut und zwä Herzen besteht aus 87 Strophen, in denen ein Mädchen, dem etwas Traumatisches widerfährt, in Form von Gedankenfetzen, Erinnerungen und sprachlichen Bildern sich nach und nach an das Erlebte herantastet. Die kurzen Abschnitte wirken wie Momentaufnahmen – oft nur wenige Zeilen lang, manchmal fast fragmentarisch und bauen sich nicht zu einer durchgehenden Handlung auf, sondern geben Einblick in ein inneres Ringen mit etwas, das schwer in Worte zu fassen ist. Zu Beginn stellt die Autorin den Refrain des bekannten Kinderlieds Schlaf, Kindlein, schlaf dem Text voran, welcher als Teil eines kunstvoll verwobenen Sprachgemischs aus Hochsprache, Dialekt und eigens geschaffenen Ausdrucksformen besteht. Bereits damit wird ein Spannungsverhältnis eröffnet zwischen der vermeintlich behüteten Welt der Kindheit und dem, was dieser Welt durch eine erschütternde Erfahrung, die dem Mädchen, der Protagonistin, selbst widerfährt, entgegengesetzt wird. Die heile Welt, die das Lied suggeriert, wird unterwandert, zugunsten einer Sprache, die sich tastend, brüchig und eindringlich an das Unaussprechliche heranwagt.
Im weiteren Verlauf verdichten sich die Hinweise auf einen sexuellen Übergriff, welcher im beliebten Urlaubsort Jesolo in Italien im Jahr 1997 der Protagonistin widerfahren ist. Doch das Geschehene wird nicht direkt benannt. Der Text umkreist es, weicht aus, bricht ab, wiederholt sich. Gerade diese zurückhaltende Art der Annäherung verleiht dem Text seine Kraft. Er drängt sich nicht auf, sondern lässt Leserinnen und Leser spüren, was zwischen den Zeilen liegt. Zu den vielen eindrücklichen Bildern und Metaphern, die der Text dafür findet, gehört auch die Beschreibung eines weißen, kurzen Kleides, welches das Mädchen bei der Tat trug und das mit einem Kommunionskleid verglichen wird. In der Laudatio wurde diese Stelle als Ausdruck eines Bedauerns gelesen, dass das Mädchen nicht zur Täterin geworden ist. Das Kleid, so heißt es im Text, hätte an diesem Tag besser ein „Munitionskleid“ sein sollen. Dieser Vergleich bringt die Überwältigung der Figur ebenso zum Ausdruck wie die Sehnsucht nach Schutz und Selbstbehauptung.
Die Sprachlosigkeit des Mädchens wird nicht überwunden, sondern ernst genommen und in eine eigene, neue Sprache überführt. Diese setzt sich aus Elementen des Siebenbürgisch-Sächsischen, des Englischen und der deutschen Hochsprache zusammen. Auch die Auswirkungen des vermutlichen Übergriffs auf die psychische und physische Gesundheit des Mädchens werden thematisiert. Auffällig sind dabei Hinweise auf Anorexie, Selbstbeobachtung, Rückzug und eine zunehmende Körperfremdheit. Das Essverhalten wird protokolliert, der Körper streng kontrolliert, fast aus der Distanz betrachtet. Er wird nicht mehr als selbstverständlich erlebt, sondern als etwas Bedrohliches, Entfremdetes. In einzelnen Strophen werden Schmerz, Scham und Schutzhaltungen sichtbar, ohne dass sie jemals direkt benannt werden müssen.
Auffällig sind die skurrilen, teils surrealen Figuren, die im Text auftauchen. Princess Diana, die Mutter Gottes, der Komponist Béla Bartók oder die Großmutter begleiten das Mädchen durch sein inneres Erleben. Am Ende des Textes steht ein Gedicht, in dem sich das Mädchen an die Mutter Gottes wendet. Es bittet um Trost und Schutz, um eine Form von Geborgenheit, die ihm in der Welt nicht zuteil wurde. Gleichzeitig taucht die Figur des Kuckucks auf, ein Tier, das seine Eier in fremde Nester legt und dabei andere zerstört. Dieses Bild könnte sinnbildlich für den Täter und die tiefe Verunsicherung stehen, die zurückbleibt. Der Titel Es Maedchen fasst sich en Mut und zwä Herzen verweist auf die leise, aber wichtige Entwicklung der Protagonistin. Trotz allem wächst in ihr etwas. Nicht nur Schmerz, sondern auch Mut. Zwei Herzen schlagen in ihr, eines voller Angst, eines voller Hoffnung. Beides darf nebeneinander existieren.
Die Lesung von Anna Neata hinterließ bei uns einen nachhaltigen Eindruck, weniger durch auffällige Inszenierung als durch eine stille Konzentration, die sich bereits vor Beginn im Raum abzeichnete und während des Vortrags konstant spürbar blieb. Die ruhige, beinahe zurückhaltende Art ihres Vortrags wirkte bewusst unaufgeregt und ließ dem Text selbst den Raum, sich zu entfalten – eine Entscheidung, die den Ton des Nachmittags wesentlich prägte und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gehörten ermöglichte. Neatas Lesart war geprägt von Klarheit und Ernsthaftigkeit, ohne pathetisch zu wirken, dennoch war ihre Nähe zum Text spürbar, ohne sich in persönlicher Deutung aufzudrängen. Gerade durch diese Form der Zurückhaltung entstand eine besondere Spannung, die sich auch im Publikum widerspiegelte: Die Aufmerksamkeit war hoch, Nebengeräusche blieben nahezu aus, und viele Zuhörende schienen sich gedanklich tief mit dem Text zu beschäftigen – als würde sich das Gesagte unmittelbar mit eigenen Vorstellungen und Empfindungen verbinden.
Insgesamt war die Lesung für uns ein eindrücklicher Moment konzentrierten Zuhörens, der gezeigt hat, wie viel Wirkung ein Text entfalten kann, wenn er mit sprachlicher Präzision und in einem Raum geteilter Aufmerksamkeit vorgetragen wird.
Literaturverzeichnis
Rauriser Literaturtage (2025). Literaturpreise. https://www.rauriser-literaturtage.at/literaturpreise/
Stasta-Stadlmair, B. & Stieb, M. (2025). Anna Neata. SALZ. Zeitschrift für Literatur, 199(3), 13-20.
Ronya Othmann – Gespräch mit Studierenden der Uni Graz (20. März 2025)
Julia Christina Landl und Anna-Lena Rothbucher
Am zweiten Tag der diesjährigen Rauriser Literaturtage traf die deutsche Autorin und Journalistin Ronya Othmann im Gespräch eine Studierendengruppe des Fachbereiches Germanistik der Universität Graz. Bereits Othmanns Debutroman Die Sommer, der im August 2020 im Hanser Verlag erschienen ist, befasst sich tiefgehend mit den Auswirkungen des syrischen Bürgerkrieges und des Genozids der jesidischen Volksgruppe, indem er die deutsch-jesidische Jugendliche Leyla, deren Familie unmittelbar von den Geschehnissen betroffen ist, in sein Zentrum stellt. Der auf ihr Debut folgende lyrische Gedichtband die verbrechen, veröffentlicht im Jahr 2021, sowie ihr aktueller Roman Vierundsiebzig setzen sich ebenfalls mit dem Genozid an den Jesid:innnen im August 2014, für das jesidische Volk bereits der 74. Völkermord, auseinander. Dass sich Othmann in ihren bisherigen Werken meist mit dem Volk der Jesid:innen beschäftigt, liegt daran, dass sie dieses Thema sowohl als Journalistin als auch als Autorin besonders bewegt: Als Tochter eines nach Deutschland geflüchteten jesidischen Vaters ist ihre eigene Familiengeschichte mit den Schicksalen der in ihren Texten vorkommenden Frauen eng verwoben.
Ihr zweiter Roman Vierundsiebzig entstand aus ihrem Bedürfnis, die Menschen im syrischen Kriegsgebiet zu besuchen und über die ihnen widerfahrenen Gräueltaten Zeugenschaft abzulegen. Dafür hat die Autorin im Jahr 2018 eine Reise in die autonome Republik Kurdistan unternommen, wo sie auf Überlebende des jesidischen Genozids des Jahres 2014 traf, die sehr ambivalent mit dem Gelebten umgehen. Othmann nahm für sich aus ihren Reisen mit, dass sowohl das Bedürfnis, permanent über das Erlebte sprechen zu wollen als auch das konsequente Nicht-Sprechen über die Gewalterfahrungen Ausdruck des Gleichen sind, nämlich der Unmöglichkeit, für eine solche Brutalität Worte zu finden. Deswegen unterscheidet sich die Herangehensweise an Vierundsiebzig auch maßgeblich von ihrem ersten Roman. Obwohl in beiden Werken die beschriebenen Gewaltdarstellungen nicht imaginiert werden, sondern der Realität entstammen, vollzieht die Autorin einen Wechsel von einem rein fiktionalen Roman zu einem, der mit dokumentarischen Strategien arbeitet. Dies schien ihr die einzige Möglichkeit, eine Herangehensweise an die grausamen Taten des Genozids zu finden. Die Erinnerungen, wie die an das jesidische Dorf von Leylas Familie, die diese Figur in Die Sommer ständig begleiten, weichen und werden in Vierundvierzig zu unmittelbaren Sinneseindrücken von Orten, die mitsamt ihrer Bewohner:innen in Trümmern liegen. Gleichzeitig bleibt ihrem Schreiben die Erinnerung enthalten, denn das jesidische Leben hat im August 2014 eine Zäsur erfahren, die ein Leben wie bisher unmöglich scheinen lässt.
Im Schaffensprozess hat sich die Autorin immer wieder mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen müssen: Wie kann man eine Erzählsituation gestalten, sodass sie dem Geschehenen auch nur annähernd gerecht werden kann? Ein Blick von außen hätte eine zu große Distanz zum Völkermord bedingt; unmittelbar von etwas zu erzählen, was man selbst nur aus Erzählungen kennt, fand Othmann allerdings auch gewagt. Die Autorin fand schließlich einen Kompromiss, in dem sie ihren Schreibprozess bewusst dokumentarisch gestaltete. Das Problem des Schreibens über das eigentlich Unvorstellbare wird somit selbst zum Gegenstand des Romans: Nachdem Othmann ausführlich Recherche betrieben und mit Überlebenden gesprochen hat, baute sie Rechercheergebnisse in den Roman ein. Durch diese Montage entsteht Fiktionalität und eine journalistische Arbeitsweise wird bewusst hinter sich gelassen. Oberstes Gebot bleibt aber, die Erlebnisse der Genozid-Überlebenden akkurat zu schildern und als Autorin eine Form der Zeugenschaft abzulegen. Der Roman hat ganz bewusst weder einen Spannungsbogen noch vollzieht sich in ihm eine Entwicklung, denn diese gibt es in der Realität auch nicht. Dabei begleitete Othmann beim Schreiben immer wieder der Eindruck, die Kontrolle über ihren eigenen Text zu verlieren. Gerade die Frage, wie man einen Roman über einen Genozid, der noch im Gange ist, beenden kann, stellte sie vor große Herausforderungen. Das Gefühl, den eigenen Roman so zerfallen zu sehen, dass er selbst zum Trümmerfeld wird, sowie den Prozess, trotzdem weiterzuschreiben, weil sie nur so ein Zeugnis für die Überlebenden schaffen kann, beschreibt Othmann im Gespräch sehr eindrucksvoll.
Obwohl der Völkermord an den Jesid:innen selbstverständlich beide Geschlechter betrifft, wird in Vierundsiebzig der Fokus vermehrt auf das Schicksal der jesidischen Frauen gerichtet. Othmann berichtet beispielsweise über die unterschiedliche Bereitschaft der Frauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen: Häufig entsteht der Eindruck, die interviewten Frauen würden sich gerne mitteilen, das Fehlen der Kommunikation scheitert vielmehr am Unwillen des Zuhörens. Deswegen bezeichnet die Autorin ihren Roman als Sprachrohr der Nichtgehörten, wobei sie dies auch gleich wieder beschränkt: Ihr Buch liefert zwar Material, dient jedoch nicht als Mittel zur direkten Kommunikation, denn in Vierundsiebzig werden keine Fragen gestellt, den Frauen wird nur der Raum gegeben, um von ihren Schicksalen zu erzählen. Trotzdem werden die von den Frauen erlebten Gewalttaten im fertigen Roman teilweise verfälscht: Gewaltschilderungen, insbesondere wenn es um sexuelle Gewalt geht, bewegen sich bewusst an der Oberfläche, auch weil diese Form der Gewalt in der jesidischen Gemeinschaft besonders tabuisiert ist.
Thematisiert werden von Othmann vor allem die Probleme der befreiten Jesidinnen, die während ihrer Gefangenschaft mit islamistischen Kämpfern zwangsverheiratet wurden und von diesen Kinder bekommen haben. Wenngleich die Frauen nicht verstoßen werden und in ihre Familien zurückkehren dürfen, sind die durch Vergewaltigung gezeugten Kinder in der jesidischen Gemeinschaft nicht willkommen. Den Frauen steht somit erneutes Leid bevor, denn sie müssen sich letztlich zwischen dem Familienverbund und dem Zurücklassen des eigenen Nachwuchses entscheiden.
Der Völkermord an dem jesidischen Volk im Jahr 2014 war ein moderner Genozid samt Videozeugnissen der Gewalttaten. Die Täter wollten, dass die Gräueltaten in die Außenwelt gelangen und setzten die Dokumentation mittels Fotos und Videos als zusätzliche Tatwaffe ein. In allen Konflikten, die islamistische Gewalt durch Terrorgruppierungen wie den IS oder der Hamas beinhalten, sieht Othmann die öffentliche Zurschaustellung der Gewalt als entscheidende Gemeinsamkeit. Die Gräueltaten werden im Livestream übertragen und im Fernsehen gezeigt, denn der Genozid soll bewusst vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschehen. Diese Vorgehensweise machen die Taten für Angehörige und Opfer doppelt grausam und die Situation mit früheren kriegerischen Auseinandersetzungen unvergleichbar. Trotz dieser Unmenge an Beweisen werden die Täter so gut wie nie zur Rechenschaft gezogen, was Othmann, die in Deutschland auch Gerichtsprozesse gegen IS-Kämpfer:innen besucht und diese stets als Möglichkeit der Wahrheitsfindung gesehen hat, besonders beschäftigt.
Durch unverblümte gesellschaftspolitische Stellungnahmen schlagen der Autorin selbst oft Hass und Drohungen im Netz entgegen. So berichtet sie im Gespräch von Ausladungen bei Events wegen angeblich islamophoben Aussagen. Konkret nennt sie dabei einen Vorfall bei einem Literaturfestival, bei dem sie aktiv der Leugnung des Terrorangriffes der Hamas auf Israel im Oktober 2023 widersprochen hatte. Auf die Frage, ob ihr bei all der Gewalt nicht der Mut genommen wird, entgegnet sie, dass man sich schlicht an die Situationen gewöhnt und dementsprechend anpasst. Lesungen unter Polizeischutz, die ausschließlich passive Nutzung von Social Media oder die Deaktivierung vom Senden des eigenen Live-Standorts gehören mittlerweile zu ihrem Alltag.
Von einem ganz anderen Alltag kann Othmann dagegen berichten, wenn sie im Zuge ihrer journalistischen Recherchearbeit Kriegsgebiete bereist. So kommt sie zu dem Schluss, dass es in kriegerischen Konflikten immer zwei Welten zu geben scheint: Die Realität eines brutalen Krieges und die vermeintlich normale Alltagswelt der dort lebenden Menschen, die eigentlich eine entstellte Normalität ist, da sie mitten im völligen Ausnahmezustand Platz finden muss. Zur Veranschaulichung dieser surrealen Kriegsrealitäten führt Othmann zum Abschluss des Studierendengespräches einige Episoden ihres Alltags in der vom Krieg gezeichneten ukrainischen Stadt Odessa an: Nach dem Zähneputzen, dessen Geräuschkulisse der dröhnende Raketenalarm ist, wurde es für sie alltäglich, zum Hafen Odessas, in dessen unmittelbarer Nähe Kampfhandlungen stattfinden, zu spazieren. Wo jetzt verbarrikadierte und verwaiste Geschäfte in einer zerstörten Stadt stehen, herrschte – so wie dies auch vor dem August 2014 in den Städten und Dörfern der jesidischen Gemeinschaft der Fall war – bis vor kurzem noch eine Normalität, in der Krieg und Gewalt unvorstellbar gewesen wären.

Im Anschluss an eine sogenannte „Störlesung“ am 21.03. hatten wir außerdem Gelegenheit, selbst ins Gespräch mit Ronya Othmann zu kommen, wo sie im direkten Austausch von ihren persönlichen Erfahrungen in Kriegsgebieten erzählte.
Im Spannungsfeld von Literatur und Geschichte. Lesung und Gespräch: Franzobel Hundert Wörter für Schnee
Julian Graf und Anna-Sophia Gubisch
„Konfliktfelder“ lautet das Motto der Rauriser Literaturtage 2025 und schon der Raum des mit dem österreichischen Autor Franzobel geführten Gespräches selbst spiegelt an diesem Abend ein Konfliktfeld wider: „Es sind noch zwei Reihen leer. Sie können gerne in das Mesnerhaus wechseln.“ So in etwa lautet die überraschende Ankündigung der Co-Intendantin Ines Schütz im gut gefüllten und gemütlichen Platzwirt, in dem eine Videoübertragung des Gesprächs mit Franzobel über sein neues im Zsolnay Verlag erschienenes Werk Hundert Wörter für Schnee gerade kurz bevorsteht. Dies scheint in Anbetracht des bis dato ständig bis auf den letzten Platz – und sogar darüber hinaus – gefüllten Mesnerhauses durchaus ein Statement zu sein. Der mögliche Grund: Eine recht deutliche, teils harsche Kritik von Studierenden der Universität Wien am Vortag während einer Podiumsdiskussion mit dem Autor. Franzobel, der mit einem Stiegl-Bier auf der Bühne Platz nimmt, wirkt davon nicht unberührt, aber auch nicht wirklich schuldbewusst. Eher trotzig charmant.
Der Roman kreist um die Forscher und Rivalen Robert Peary und Frederick Cook, welche am Ende des 19. Jahrhunderts erfolglos versuchten, als erste den Nordpol zu erreichen, sowie um die Figur Minik. Minik ist ein Inuk, der als Kind in die USA verschleppt, dort zur Attraktion gemacht wird und fast zwanzig Jahre später entwurzelt in seine Heimat zurückkehrt. Eine Heimat, die er kaum mehr versteht, die ihn nicht mehr versteht – eine doppelte Entfremdung also, die ihn dazu veranlasst, wieder in die USA zurückzukehren. Franzobel macht daraus einen Roman über kulturelle Auslöschung, koloniale Arroganz und die Fragilität von Identität. Dass der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, quasi zeitgleich zur Veröffentlichung des Romans laut über die Übernahme Grönlands nachdenkt, macht die Erzählung ungewollt aktuell.
Im Gespräch erklärt Franzobel, dass er sich vieles des im Buch Vorkommenden gar nicht ausdenken musste. Er habe sich stattdessen hauptsächlich auf Tagebücher, historische Quellen und Biographien gestützt. Dass er deshalb auch auf schräge Anekdoten wie urinbasierte Gerbtechniken oder den „Frauentausch“ bei den Inuit sowie kolonialistische, rassistische und teilweise misogyne Ausdrücke, stets in einer österreichisch sprachspielerischen Art und Weise, nicht verzichtet, lässt sich also somit erklären, mag jedoch trotzdem vielleicht den einen oder anderen Lesenden irritieren. Dabei muss einem allerdings bewusst sein, dass dies Teil seiner Handschrift ist, nämlich Provokation und Ernsthaftigkeit sowie Ironie und Aufklärung in einem.
Gerade hier wird es aber jetzt zum bereits angedeuteten Konfliktfeld: Dürfen historische Ungerechtigkeiten oder auch rassistische und patriarchale Sprachbilder literarisch überzeichnet und aufgrund einer modern inszenierten österreichischen Sprache unreflektiert in das 21. Jahrhundert übertragen werden? Wo liegt die Grenze zwischen historischer Authentizität und unbewusster Reproduktion kolonialer Blickregime? Und warum legt man dann so großen Wert auf eine moderne österreichische Ausdrucksweise, wenn einem eine möglichst historiengetreue Darstellung so wichtig ist? Franzobel scheint diese Fragen eher zu umkreisen als zu beantworten. Sein Verweis darauf, dass man heute nicht mehr „Eskimo“ sage, wirkt etwas alibimäßig – vielleicht angestoßen durch die Diskussion mit den Wiener Studierenden tags zuvor. Auch wenn seine kritische Auseinandersetzung mit den rassistischen, kolonialistischen und menschenfeindlichen Praktiken der westlichen Entdeckungsreisen trotzdem, wie auch eindeutig aus dem Gespräch hervorgeht, aufrichtig und stellenweise eindrucksvoll sprachlich realisiert wird, sieht echte Kolonialismus-Dekonstruktion anders aus.
Einen besonderen Kontrast und zugleich eine atmosphärische Rahmung des Abends bildete dabei die musikalische Gestaltung durch Toni Burger (Violine), Werner Zangerle (Saxophon) und Peter Angerer (Percussion). Im Vergleich zu den vorangegangenen Abenden der Rauriser Literaturtage wirkte die Musik zunächst überraschend melodisch, fast schon harmonisch, bevor sie im Verlauf des Abends zunehmend ins Experimentelle, Bruchhafte und Improvisierte überging. Diese musikalische Entwicklung schien – bewusst oder unbewusst – das Gespräch selbst zu spiegeln: Von einer geordneten Ausgangssituation hin zu einer offenen, spannungsgeladenen und stellenweise auch dissonanten Auseinandersetzung. Musik und Gespräch verband dabei letztlich eines: die Bereitschaft zum Risiko und zum Spiel mit den Grenzen des Erwartbaren.
Der Abend in Rauris zeigt sehr deutlich: Literatur kann und soll ein Ort der Konflikte sein – ein Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, in dem Reibung entsteht und Widerspruch nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Gerade darin liegt schließlich ihre gesellschaftliche Relevanz. Dass Franzobel an diesem Abend (und noch mehr im Gespräch mit den Wiener Studierenden am Vortag) zu einer umstrittenen Figur wurde, ist dabei weniger Ausdruck gelungener Provokation, sondern vielmehr Ergebnis einer Lust an der Zuspitzung – oder einer Haltung, die sich ihrer Wirkung nicht immer bewusst ist. Während Interviewpartner und Co-Intendant der Rauriser Literaturtage Manfred Mittermayr im Abendgespräch sichtbar bemüht war, das Gespräch in geordnete Bahnen zu lenken und produktive Reibung zu ermöglichen, wirkte Franzobel in seinen Aussagen mitunter unbedacht, vielleicht sogar naiv – jedenfalls wenig sensibel gegenüber den politischen und sprachlichen Fallstricken seines eigenen Materials. So überschritt er mehrfach die Grenze des Sagbaren – ob aus Kalkül oder aus Unachtsamkeit, bleibt letztlich offen. Damit stellte der Abend nicht nur Franzobels Werk zur Diskussion, sondern auch ihn selbst – als Autor, als öffentliche Figur und als jemand, der in diesem literarischen Konfliktfeld sichtbar in die Defensive geriet.
Besonders interessant war dabei auch die Reaktion des Publikums – und zwar in einer auffälligen Altersdifferenz. Während vor allem ältere Besucher:innen im Platzwirt Franzobels provokanten Aussagen mit zustimmendem Lachen und Kommentaren begegneten, überwogen bei den jüngeren Zuhörer:innen deutlich Skepsis und Irritation. Schon beim Gespräch mit den Wiener Studierenden am Vortag war dieses Muster zu beobachten: Während ältere Stimmen im Publikum Franzobels Schlagfertigkeit und rhetorisches Geschick ausdrücklich lobten („Das gefällt mir, wie er argumentiert“), waren es vor allem die jüngeren Gäste, die seine Aussagen kritisch hinterfragten und zum Teil sogar scharf ablehnten. Auch hier zeigte sich also das Motto der Rauriser Literaturtage – Konfliktfelder – ganz konkret im Raum selbst. Nicht nur zwischen Text und Realität, sondern auch zwischen Generationen.
Aufschlussreich – und zugleich fast symptomatisch – war Franzobels Antwort auf die Frage, wie er sich überhaupt dem schwierigen Thema seines Romans angenähert habe. „Ich weiß nicht, ob ich mir das so konkret überlegt habe, ich habe natürlich viel ‚Polliteratur‘ gelesen“, war der Beginn seiner Antwort. Eine Antwort, die letztlich doch viel über Franzobels Zugang verrät: Weniger ein gezieltes, kritisch reflektiertes Arbeiten an einem sensiblen Thema, sondern eher ein Sammeln und Verarbeiten von Stoffen, die sich für seine sprachspielerische, oft drastische Literatur eignen.
Ebenso ambivalent bleibt Franzobels Umgang mit den Grenzen von Fakt und Fiktion. Zwar betonte er, sich bei der Arbeit an Hundert Wörter für Schnee stark an historischen Quellen orientiert zu haben, räumte jedoch zugleich ein, am Ende oft selbst nicht mehr genau zu wissen, „was ist Fakt, was ist Fiktion“. Was in einem literarischen Text durchaus als reizvolles Spiel mit Realität und Erfindung funktionieren kann, hinterlässt in einem Roman über koloniale Gewalt und reale historische Unterdrückung aber auch ein gewisses Unbehagen.
So bleibt der Abend in Rauris schließlich als ein durchaus aufschlussreiches literarisches Konfliktfeld in Erinnerung: Franzobel versteht es zweifellos, Geschichten zu erzählen, Sprache lustvoll und kreativ zu gestalten und historische Stoffe literarisch aufzuladen. Doch gerade in sensiblen Themenbereichen reicht Provokation allein nicht aus. Wo Literatur ein Raum für Konflikt sein kann und soll, braucht es auch Verantwortungsbewusstsein, Sensibilität und Selbstreflexion. Dass Franzobel genau das an diesem Abend nur bedingt gelungen ist, macht seine Lesung und das Gespräch in Rauris zu einem spannenden, aber zugleich auch ambivalenten Erlebnis – und vielleicht zu einem Lehrstück darüber, dass literarische Freiheit immer auch von Haltung und Bewusstsein begleitet sein sollte.

© David Sailer
Lesung und Gespräch: Sofia Andruchowytsch Amadoka (21. März 2025)
Verena Eggetsberger und Jacqueline Pröll
Sofia Andruchowytsch wurde 1982 in der Ukraine geboren. Sie lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Kiew. Ihr 2020 erschienener Roman Amadoka wurde in drei Bänden ins Deutsche übersetzt. Die Geschichte von Sofia war nun Teil der Rauriser Literaturtage 2025 und wurde am 21. März in einem Abendgespräch mit Manfred Mittermayer gemeinsam mit Andruchowytsch´ Übersetzerin Maria Weissenböck besprochen. Amadoka bzw. die drei deutschen Bände behandeln das historische Geschehen in der Ukraine und erzählen die Geschichten von drei starken Protagonistinnen.
Der Dichter Mykola Zerow, seine Frau Sofia und deren Geliebter Wiktor Petrow stehen im Zentrum der Geschichte. Stalinistischer Terror, Hunger und die Zerstörung kultureller Identität prägen das Leben von Zerow. Sein Schicksal, das in Verhaftung und Hinrichtung gipfelt, steht exemplarisch für viele ausgelöschte Intellektuelle. Petrows Rolle wird zunehmend zwielichtiger und Sofia steht mittendrin. In diesem abschließenden Band des Amadoka-Epos laufen alle Fäden der Trilogie zusammen und es wird deutlich: Die Gegenwart der Ukraine kann nur verstanden werden, wenn man ihre Geschichte kennt. Das Buch spielt in den 1920ern in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, Zentrum der Intelligentsia. Leidenschaftliche und heimliche Liebe trifft dabei auf einen geschichtsträchtigen Aufzug der ukrainischen Vergangenheit, die in die Zeit des Kampfs gegen die sowjetrussische Übermacht und Stalins Schergen führt.
Im Gespräch mit Manfred Mittermayer wurde nebem dem großen Handlungsbogen auch die Entstehungsgeschichte des Epos aufgegriffen. Auch der aktuelle Bezug zur Ukraine-Thematik spielte dabei eine Rolle. Die Darstellung der historischen Umstände durch Andruchowytsch ist sehr eindrucksvoll recherchiert und auch der persönliche Bezug ist der Autorin deutlich anzumerken. Themen wie Gewalt und politische Repression sind in vielerlei Hinsicht im Buch präsent und wurden auch im Rauristal thematisiert.
Für Sofia Andruchowytsch stellt das Epos eine Art Familiengeschichte dar, die anhand von Fotografien erzählt wird. Im Dialog mit der Autorin wurde schnell klar, dass in jedem der drei Bände die Geschichte einer anderen Frau abgebildet wird. Das erste Buch widmet sich Romana, zeitlich befindet man sich hier im Jahr 2014. Ihr Mann kommt aus dem Krieg zurück. Er wurde verstümmelt und leidet unter einer Amnesie. Romana erzählt ihm seine Lebensgeschichte. Im zweiten Buch der deutschen Übersetzung schreibt die Autorin über Uljana, die Großmutter von Romana. Der Fokus auf das Spannungsverhältnis zwischen Erinnerung, Wahrheit und Wahrnehmung wird zunehmend größer. Von Manfred Mittermayer nach der Kernidee des monumentalen Werks befragt, führte die ukrainische Autorin aus, dass sie den Menschen und ihren Geschichten, die im Schatten des Krieges stehen, einen Ort geben möchte, wo auch sie gesehen werden können und müssen.
Ausgehend vom Buchzitat „Was ist, wenn ich mich nicht erinnern will?“ stand die Spannung von Erinnern und Vergessen im Zentrum: Zu Beginn las Andruchowytsch eine Stelle aus dem Roman vor, welche von einem heimlichen Briefwechsel zwischen den Protagonist:innen erzählt. Im Gespräch erläuterte die Autorin, dass ein solches Buch nicht ohne ausreichende Informationen verfasst werden könne und sprach von ihren vielen Besuchen im Archiv, um sich mit den verschiedenen Dingen der ukrainischen Geschichte vertraut zu machen. Sie beschrieb das Archiv auch als „Ort der Erinnerung“. Nur wenn sich die Menschen erinnern, so die Autorin, könnten Kriege beendet oder verhindert werden. An dieser Stelle spielte sie auf die aktuelle Situation des russischen Angriffskrieges in der Ukraine an, auch wenn sie es nicht explizit aussprach.
Manfred Mittermayers einfühlsame Moderation ließ Raum für die emotionale Tiefe, mit der Andruchowytsch über das Werk sprach. Ihre persönliche Verbindung zur Thematik war jederzeit spürbar und verlieh dem Gespräch eine besondere Intensität. Auf die Frage nach der mysteriösen Figur Petrow erzählte sie vom Autor, Wissenschaftler und russisch-deutschen Doppelagenten. Davon ausgehend gelangte die Autorin im Gespräch mit Manfred Mittermayer auch zu den schockierenden Gewalttaten, welche die sowjet-ukrainische Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden.
Schließlich stellte Mittermayer die Frage, die in diesem Kontext wahrscheinlich viele Leute interessiert. Der Fokus richtet sich auf die aktuelle Situation in der Ukraine und darauf, wie sie diese selbst wahrnimmt. Andruchowytsch spricht mit ernüchternder Klarheit über ihren Alltag in Kiew. Die psychische Anpassung an Sirenen, Drohnen und Raketen macht deutlich, wie tief der Krieg in die Wahrnehmung von Menschen eingreift – die schreckliche Geräuschkulisse wird irgendwann zum Alltag. Aufgrund dieser neuen Realität betrachte sie das Leben und die Welt nun realistischer und sie merke auch, dass viele Ukrainer:innen immer aktiver an ihrem Leben teilnehmen. Alle Illusionen oder Fantasien, die vor dem Krieg da gewesen wären, hätten sich aufgelöst, der Ernst der Lage sei allen bewusst – ein Leben von Tag zu Tag.
Andruchowytschs Satz „Die Illusionen sind weggefegt“ nahm Mittermayer im Gespräch zum Anlass, die Frage auf Hoffnung und möglichen Perspektiven zu lenken. Damit traf er einen Nerv des Abends, denn gerade in Zeiten des Krieges wirkt jeder Hoffnungsschimmer wie ein stiller Widerstand gegen das Vergessen und die immer wieder aufkommende Verzweiflung. Andruchowytsch betonte, dass Europas Zusammenhalt entscheidend sei. Die ukrainische Armee kämpfe seit vier Jahren für die Werte, die das Land ausmachen sowie auch für das Land selbst. Trotz allem sprach die Autorin von Hoffnung, von Hoffnung, die aber nur bestehen könne, wenn die Solidarität anderer nicht nachlasse.
Lobende Worte gab es am Ende des gelungenen Abends für die Übersetzerin Maria Weissenböck, die nicht nur als Übersetzerin der drei Bücher ins Deutsche fungierte, sondern auch das Gespräch übersetzte. Ihr sprachliches Feingefühl trug entscheidend dazu bei, die Tiefe des Gesprächs und des Werks für das Publikum erlebbar zu machen. Insgesamt waren Lesung und Gespräch mit Sofia Andruchowytsch eine eindrucksvolle Erinnerung daran, welche Rolle der Literatur zukommen kann, von den Schrecken der Geschichte und Traumata zu erzählen, aber auch Hoffnung weiterzutragen.
Lesung und Gespräch: Behzad Karim Khani Als wir Schwäne waren
Parvaneh Hajializadeh Parchloo
Behzad Karim Khani (*1977 in Teheran) ist ein iranischer Schriftsteller und Journalist. Er wurde in eine Künstlerfamilie geboren. Mit seiner Familie floh er aus dem Iran nach Deutschland, als er noch keine zehn Jahre war. Im Ruhrgebiet lernte er schnell Deutsch und konnte nach einem Jahr auf das Gymnasium wechseln. Nach dem Abitur studierte er Kunstgeschichte und Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 2001 zog er nach Berlin, wo er den Club Bar 25 mitbegründete und einige Jahre dort lebte. Heute wohnt er in Berlin-Neukölln und hat einen Sohn.
Im Jahr 2022 nahm Khani am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil und las aus seinem ersten Roman Hund, Wolf, Schakal, der später ein Bestseller wurde. Am 10. Februar 2024 wurde eine Theaterfassung dieses Romans am Berliner Maxim-Gorki-Theater uraufgeführt. Während Hund, Wolf, Schakal das Leben eines Jugendlichen in der Berliner Unterwelt schildert, erzählt Als wir Schwäne waren eine ruhigere, nachdenklichere Geschichte, die in Bochum spielt.
Am dritten Tag der Rauriser Literaturtage 2025 wurde diesem Autor ein Programmpunkt gewidmet. Ines Schütz führte mit ihm ein kurzes Gespräch und stellte einige Fragen zu seinem Werk. Karim Khani beschrieb seine Perspektive, beantwortete die Fragen und las zwei Auszüge aus seinem Buch vor.
Ines Schütz bezeichnete sein Buch bezugnehmend auf sein vorheriges Interview als eigensinnig, eigenwillig und eigenartig und führte aus, dass Karim Khani in diesem Buch in seiner ganz eigenen Art von der doppelten Gewalt der Diaspora erzähle: einmal von der Gewalt, der nicht-weiße Menschen durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt seien und dann von der Gewalt innerhalb dieser Communities.
Als wir Schwäne waren führt die Leser:innen in die 1990er Jahre und erzählt die Geschichte eines Jungen, der mit seinen Eltern aus dem Iran nach Deutschland geflohen ist. Die Familie lebt in einer Plattenbausiedlung in Bochum, einem Umfeld voller sozialer Konflikte und Ausgrenzung. Der Ich-Erzähler Reza blickt auf seine Jugend zurück und erzählt seinem kleinen Sohn davon.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert und erzählt die Ereignisse in kurzen Episoden. Manchmal verlässt der Erzähler die eigentliche Handlung, um über Rassismus, soziale Probleme und das Leben als Fremder in Deutschland nachzudenken. Die Geschichte handelt von Freundschaften, erster Liebe und den Herausforderungen, als einziges nicht-weißes Kind in der Schule zu bestehen. Einige Erlebnisse sind harmlos, andere enden dramatisch.
Im Gespräch mit Ines Schütz erzählte der Autor, dass die Elternfiguren die zentralen Bezugspunkte des Romans seien: Während die Mutter pragmatisch sei und versuche, sich mit der neuen Realität anzufreunden, bleibe der Vater fremd in seiner neuen Heimat und trage eine tiefe Melancholie in sich.
Ein weiteres Thema, das diskutiert wurde, war die Bedeutung der Begriffe, die mit der Silbe „Ent“ beginnen:
Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, aber Mutter ist der Meinung, dass die Silbe „Ent“ von Ende abzuleiten ist, und hat Gesprächsbedarf. Für Vater ist die These zu simpel, aber er hat auch keine Gegenbeispiele. „Wie bei Entschuldigung. Ende der Schuld. Oder bei Enttäuschung, Das Ende der Täuschung.“ Es sieht aus wie eine sprachwissenschaftliche Methode, ist aber eine Eselsbrücke. Und sie kann es dabei nicht belassen. Fragt nach dem Wahrig und schlägt weitere Wörter nach, die mit „Ent“ beginnen. Bei Entscheidung, Entmachtung, Entgleisung stimmt ihre Theorie. Bei Entfernung und Entleerung dann wieder überhaupt nicht. Und Entfremdung gefällt ihr so gut, dass sie die Bedeutung nicht nachliest. Entfremdung bedeutet für uns das Ende des Fremdseins. Das beschließt Mutter einfach. Erst Jahre später stoße ich wieder auf das Wort und verstehe, was es eigentlich heißt.
Der spielerische Umgang mit Sprache ist faszinierend: Die Mutter interpretiert Begriffe wie „Entschuldigung“ oder „Entfremdung“ neu, was die Lücken und Reibungen sichtbar macht, die bei der Aneignung einer neuen Sprache entstehen. Solche Szenen zeigen, wie Sprache Identität formt.
Ein weiteres starkes Thema ist die Frage nach Schuld und Gewalt. Karim Khani macht klar, dass Gewalt für Reza kein abstraktes Thema sei, sondern Teil seiner Lebensrealität. Die Reflexion über Schuld – ob sie getilgt werden kann oder als lebenslange Last bleibt – zieht sich als roter Faden durch den Roman. Auch das Schweigen des Vaters wird zur Metapher für das unausgesprochene Leid vieler Geflüchteter, das sich tief in die Familienstruktur eingräbt.
Der Stil des Romans ist direkt und gleichzeitig von einer feinen Poesie durchzogen, wie die Lesung eindrücklich hörbar macht. Karim Khanis Sprache schafft es, die Härte des Lebens ebenso auszudrücken wie die zarten Momente der Zärtlichkeit und Hoffnung.
Im Laufe des Gesprächs wurde auch über die Schwäne auf dem Buchcover diskutiert. Die Metapher der Schwäne ist dabei besonders kraftvoll. Der Titel des Buches bezieht sich auf eine Erinnerung an Schwäne, die die Hauptfigur im Iran an der Grenze zur Sowjetunion erfahren hatte. Und die wegfliegenden und wiederkehrenden Schwäne tauchen auch in Deutschland auf. Die Schwäne ziehen sich als Motiv durch den Roman, das symbolisch mit den Fragen der Migration, dem Leben zwischen zwei Welten und der Unsicherheit, wo man hingehört, verknüpft ist.
Als wir Schwäne waren erscheint in einer gesellschaftlichen Zeit, die von Debatten über Migration, Integration und Rassismus geprägt ist. Karim Khani gibt dabei einer Perspektive Raum: Kinder von Geflüchteten, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind und dennoch das Gefühl haben, nie ganz dazuzugehören. Der Roman lässt die Leser:innen die emotionale und psychische Belastung dieser Erfahrung spüren – ohne moralisierend zu sein.
Das Buch ist jener Literatur verpflichtet, die sich intensiv mit dem Leben, den Erfahrungen und Wahrnehmungen von Menschen mit Migrationsgeschichte beschäftigt. Der Autor spricht offen über Gewalt in der eigenen Community, über familiäre Konflikte und über das Gefühl, immer am Rand der Gesellschaft zu stehen. Gleichzeitig behandelt der Roman Themen, die viele Menschen kennen: die Suche nach dem Sinn des Lebens, das Gefühl von Zugehörigkeit und die Frage, wie man aus schwierigen Erfahrungen neue Kraft ziehen kann. Der Roman ist sehr persönlich, stellt aber auch allgemeine Fragen. Als wir Schwäne waren ist ein bedeutender Roman. Man kann nur hoffen, dass dieses starke Buch viele Leser:innen erreicht – und dass Karim Khani weiterhin so kraftvolle Geschichten erzählt.