Antrittsvorlesung Frau Univ.-Prof.in Dr.in Sara Izzo
Erschütterungen erzählen. Katastrophennarrative im transnationalen literarischen Journalismus
Dienstag, 14. April 2026 | 18:30 Uhr | UNIPARK | Hörsaal Thomas-Bernhard (E.001) | Erzabt-Klotz-Straße 1 | 5020 Salzburg
Innerhalb der Kulturgeschichte des Katastrophismus (cf. Walter 2010) gilt das Erdbeben von Lissabon nicht nur als Geburtsstunde einer Sprache des Desasters (cf. Mercier-Faivre/Thomas 2008), sondern auch als Motor für die Entwicklung eines Literaturkanons der Katastrophe (cf. Vignoli 2022). Der in der Aufklärung vollzogene wissenschaftsorientierte Paradigmenwechsel des Katastrophismus erzeugt eine literarische ‚Seismographie‘ (cf. Shelton 2015), wobei sich im sogenannten literarischen Journalismus wiederum eigene Diskurse und Erzählmuster auskristallisieren. Als spezifische Kommunikationsform im Grenzbereich von Literatur und Journalismus, die sich zum Zweck der Informationsvermittlung erzähltechnischer Gestaltungsmittel bedient, schöpft der im späten 19. Jahrhundert entstandene literarische Journalismus in seiner Königsdisziplin der Reportage gleichermaßen aus den Traditionen der Reiseliteratur und des Augenzeugenberichts (cf. Haller 2006). Durch die Ethik des journalistischen Erzählens bedingt finden sich ästhetische Konstanten, wie etwa die literarische Verhandlung von Zeugenaussagen oder die narratologische Subjektivierung der Reporterstimme, doch zeichnen sich zugleich kulturelle Differenzen in der Perspektivierung der Katastrophe ab. Ein Blick auf die Erdbeben in L’Aquila (2009), Port-au-Prince (2010) und Tohoku (2011) verdeutlicht, dass neben der Präsenz unterschiedlicher Erzähltraditionen der Katastrophe auch dem literarischen Journalismus selbst je verschiedene Funktionen innerhalb vorhandener Medienkonstellationen und erwachsener ökologischer und soziologischer Diskurse zukommen.
