News

Veröffentlicht am
Januar 13, 2026
Letzte Aktualisierung: Januar 14, 2026

Neue Einblicke in Wiens Untergrund

Tektonische Bewegungen prägen die Topographie der Stadt seit Millionen Jahren

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Salzburg hat neue Erkenntnisse zur geologischen Entwicklung des Wiener Beckens veröffentlicht. Die aktuelle geowissenschaftliche Studie liefert erstmals eindeutige Belege dafür, dass eine große geologische Störungszone direkt unter dem Stadtgebiet von Wien auch im Quartär – also in den letzten rund zwei Millionen Jahren – aktiv ist. Die Ergebnisse zeigen, wie Klima, großräumige Hebung der Erdkruste und lokale tektonische Bewegungen gemeinsam die Landschaft entlang der Donau geprägt haben.

Im Fokus der Untersuchung steht die sogenannte Donau-Terrassentreppe von Wien – eine Abfolge von flussgeformten Geländestufen, die sich südlich der Donau durch das Stadtgebiet zieht. Diese schottrigen Verebnungsflächen stellen seit jeher einen wesentlichen Baugrund der Stadt Wien dar. Sie entstanden durch wiederholte Phasen von Ablagerung und Einschneidung des Flusses bei gleichzeitiger Hebung der Erdkruste. Bislang vermutete man, dass ihre Bildung klimatisch gesteuert ist – vor allem um die kältesten Phasen der letzten 1 Million Jahre. Die Vermutung konnte nun bestätigt werden und die Terrassenflächen den unterschiedlichen Eiszeiten zugewiesen werden.

Die neue Studie zeigt auch, dass aktive Störungsbewegungen eine zentrale Rolle für die Konfiguration der Terrassenflächen spielen.

Besonders bedeutend ist in diesem Zusammenhang der Nachweis von Bewegungen entlang einer großräumigen Störungszone, die den Übergang zwischen den Ostalpen und dem Wiener Becken markiert und quer durch Wien verläuft. Mithilfe geophysikalischer Messungen, Bohrdaten sowie innovativer Altersdatierungen konnten die Forschenden zeigen, dass diese Störung die Donau-Terrassen versetzt und ihre geometrische Anordnung maßgeblich beeinflusst hat.

„Unsere Ergebnisse belegen, dass junge tektonische Prozesse in Wien aktiv sind“, erklärt Bernhard Salcher vom Fachbereich Umwelt und Biodiversität der Universität Salzburg und Erstautor der Studie. „Die Stadt Wien liegt damit in einem Gebiet, dessen Landschaftsentwicklung nicht nur stark vom eiszeitlichen Klima, sondern auch von fortdauernden tektonischen Bewegungen geprägt ist. Die Ablagerungen der Donau machen diese Prozesse sichtbar.“

Für die Studie kamen unter anderem elektrische Widerstandstomographie, kosmogene Nukliddatierungen und Lumineszenzmethoden zum Einsatz. Diese Kombination erlaubte es, Hebungs- und Absenkungsraten über Hunderttausende Jahre zu rekonstruieren – trotz starker Überprägung durch urbane Bebauung.

Die Arbeit liefert nicht nur neue Einblicke in die geologische Entwicklung Wiens, sondern ist auch international von Bedeutung: Flussterrassen gelten weltweit als wichtige Archive für Klimageschite und Tektonik. „Das Wiener Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie sich selbst in dicht besiedelten Städten aktive geologische Prozesse nachweisen lassen,“ so das Autorenteam.  Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Grundlagenforschung von Bedeutung, sondern liefern auch wichtige Daten für die Einschätzung der langfristigen Landschaftsentwicklung und geotechnische Bewertungen im urbanen Raum.

Die Studie ist kürzlich in der Fachzeitschrift Quaternary Science Reviews erschienen und auf  ScienceDirect frei zugänglich.


Kontakt

Assoz. Prof. Dr. Salcher Bernhard | Fachbereich Umwelt und Biodiversität | Hellbrunner Straße 34/III | 5020 Salzburg
E-Mail:


Zum Foto: Blick vom Laaerberg nach Osten über das Wiener Becken und die Raffinerie Wien Schwechat (die Kleinen Karpaten im Bildhintergrund). In diesem Bereich werden die noch oberflächennahen Gesteine der Alpen entlang einer bedeutenden Bruchzone, auf fast 4,5 km Tiefe versetzt. Das dadurch entstandene Wiener Becken wurde durch Meeressedimenten aufgefüllt. Die Studie konnte nun belegen, dass diese sehr große Bruchzone, die mitten durch die Stadt Wien zieht, sehr wahrscheinlich auch heute noch aktiv ist.

Wiener Weinberge

Mag.a Susanna Graggaber

stv. Abteilungsleitung | Presse | Veranstaltungsorganisation

Universität Salzburg | Kommunikation und Fundraising

Kapitelgasse 6 | 5020 Salzburg | Austria

Tel: +43 662 8044-2027

E-Mail an Mag.a Susanna Graggaber

Foto: © Bernhard Salcher