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Straßenverkehr als Schauplatz des gesellschaftlichen Umgangstons

Konfliktsituationen im Verkehr sind ein Spiegelbild des Umgangstons in unserer Gesellschaft. Gibt wirklich der Klügere nach oder werden manche Gruppen schlichtweg von der Straße verdrängt? Bedarf es in Zukunft gesetzlicher Regeln und Videoüberwachung oder reicht ein freundlicher Appell an die Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer? Ein aktuelles Forschungsprojekt untersuchte emotionale Aspekte unserer täglichen Wege.

Foto: Lisa Donat | © Privat

Das Forschungsprojekt „Bewegtes Leben“ wurde im Sommer 2011 an der Universität Salzburg durchgeführt und beschäftigte sich mit Konfliktsituationen und erfreulichen Begegnungen im Verkehr. Wie reagieren Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer in schwierigen Situationen? „Die Ergebnisse zeigen, dass es Gruppen im Verkehr gibt, die sich ganz bewusst zurückziehen und eine direkte Auseinandersetzung scheuen.“, so Studienautorin Elisabeth Donat. Die Bereitschaft oder das Zutrauen Konflikte selbst zu lösen ist nicht bei allen Befragten gleich ausgeprägt. Diese Selbstwahrnehmung führt zum Ruf nach mehr gesetzlichen Regeln im öffentlichen Bereich. Für die Studie wurden 600 repräsentative telefonische Interviews in den Städten Innsbruck und Salzburg mit Bewohnerinnen und Bewohnern aller Bevölkerungsschichten durchgeführt, seit kurzem liegen die Ergebnisse vor.

Das Forschungsprojekt „Bewegtes Leben“ wurde im Sommer 2011 an der Universität Salzburg durchgeführt und beschäftigte sich mit Konfliktsituationen und erfreulichen Begegnungen im Verkehr. Wie reagieren Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer in schwierigen Situationen? „Die Ergebnisse zeigen, dass es Gruppen im Verkehr gibt, die sich ganz bewusst zurückziehen und eine direkte Auseinandersetzung scheuen.“, so Studienautorin Elisabeth Donat. Die Bereitschaft oder das Zutrauen Konflikte selbst zu lösen ist nicht bei allen Befragten gleich ausgeprägt. Diese Selbstwahrnehmung führt zum Ruf nach mehr gesetzlichen Regeln im öffentlichen Bereich. Für die Studie wurden 600 repräsentative telefonische Interviews in den Städten Innsbruck und Salzburg mit Bewohnerinnen und Bewohnern aller Bevölkerungsschichten durchgeführt, seit kurzem liegen die Ergebnisse vor.

Das Auto als männliche Domäne

Die Verkehrsmittelnutzung an den beiden Befragungsorten zeigt ein ganz klares soziales Muster: Autofahren ist vorwiegend eine männliche Angelegenheit, die durch höher gebildete Befragte ausgeübt wird, während die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel weiblich geprägt ist und einen höheren Anteil an wenig gebildeten Befragten aufweist. Personen, die im Erwerbsleben stehen, nutzen seltener öffentliche Verkehrsmittel als junge Befragte und Seniorinnen und Senioren. Wer kann, fährt mit dem Auto – motorisierte, individuelle Mobilität genießt in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer hohes Ansehen. Damit verbunden ist ein individualisierter Lebensstil: als erfolgreich gilt ein Tag erst dann, wenn möglichst viele Aktivitäten absolviert wurden.

Das Auto dient dabei nicht nur als Fortbewegungsmittel sondern ist gleichsam Schutzhülle und Mittel zur sozialen Distinktion: Autofahrerinnen und Autofahrer fühlen sich, im Vergleich zu Personen die zumeist mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind, deutlich öfters unwohl in öffentlichen Verkehrsmitteln. Drei Viertel der befragten Autofahrerinnen und Autofahrer genießt ihre Privatsphäre im Auto. Dass dieses Wohlgefühl der Individualität zu Lasten der Umwelt und oft auch zu Lasten anderer Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer geht, wird dabei oft ausgeblendet.

Der Klügere gibt nach? Vernunft oder doch Verdrängung

Emotionen schlagen besonders dann hoch, wenn die tägliche Mobilität in irgendeiner Weise gestört, behindert oder verzögert wird. Gefährliche Überholmanöver, Ellbogentechniken beim Aussteigen aus öffentlichen Verkehrsmitteln, Autotüren die am Radweg aufgerissen werden und missachtete Zebrastreifen – diese Situationen standen beispielhaft für Konfliktsituationen im täglichen Straßenverkehr. Dabei dominiert zumeist das Recht der bzw. des Stärkeren: jede/r vierte RadfahrerIn und jede/r zehnte FussgängerIn hat oft (!) Angst bei Begegnungen mit dem Autoverkehr. Während jede/r vierte junge Befragte schimpfen, hupen oder klingeln in Betracht zieht, wehrt sich nur jede/r zehnte ältere Befragte lautstark. Fast zwei Drittel der befragten Seniorinnen und Senioren suchen den Fehler bei sich selbst. Ob es sich nun um Räson handelt oder Furcht vor Konsequenzen – auch Frauen wählen deutlich öfters als männliche Befragte die Option „ich ärgere mich, mache aber gar nichts“. Der Ruf nach „Recht und Ordnung“ kommt besonders von älteren und niedrig gebildeten Befragten: so wünschen sich 46% der Befragten mit Pflichtschulabschluss mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum, während nur 25% der Befragten mit Universitätsabschluss dieser Überwachung zustimmen.

Öffentlicher Verkehr als Träger sozialen Kapitals

Im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) finden sich neben den benannten Konfliktsituationen, auch zahlreiche Beispiele für einen positiven Austausch unter den Fahrgästen: 40% der Befragten berichten, sich bereits sehr oft oder oft mit einem/r Fremden angenehm unterhalten zu haben. Ein Drittel der befragten Fahrgäste erzählt, dass die Busfahrerin/ der Busfahrer noch einmal die Türe für sie geöffnet hat, obwohl sie/er schon losfahren wollte. Beinahe alle Befragten geben an, sich in diesem Fall zu bedanken (94%), freundlich zu lächeln (99%) und dann auch anderen zu helfen (90%). Von diesem positiven Feedback kommt allerdings nur wenig bei den Verkehrsbetrieben selbst an: nur 8,3% der Befragten schreiben den Verkehrsbetrieben ein e-mail oder einen Brief.

„Die Reisequalität wird auch maßgeblich durch das Verhalten anderer Fahrgäste bestimmt. Dieser Parameter kann jedoch kaum von den Verkehrsbetrieben beeinflusst werden.“ so Studienautorin Elisabeth Donat. „Heutige Handlungen in Bezug auf Ressourcenplanung und Mobilitätsstrategien werden bedeutende Auswirkungen auf die soziale Ungleichheit kommender Generationen haben. Eine Längsschnittuntersuchung, also ein Vergleich mehrerer Jahre, wäre hier wünschenswert. Dem ÖPNV tut sich hingegen eine Chance auf: als Begegnungsort kann er zum Vermittler sozialen Kapitals werden und jetzt schon die Weichen für eine nicht-motorisierte Zukunft stellen.“

Forschungsberichte zum Thema

Auf der Website des Institutes für Soziologie sind die Forschungsberichte dieses Projektes online abrufbar: http://www.uni-salzburg.ac.at/soziologie

Rückfragehinweis

Dr. Elisabeth Donat

Abteilung für Soziologie

Universität Salzburg

Rudolfskai 42

5020 Salzburg

Tel: +43 (0) 662-8044-4110

http://www.uni-salzburg.ac.at/soziologie

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