Illustration Pronomen Tafel

 

Geschlechtervielfalt in der Lehre

von Boka En

Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden auf verschiedenen Ebenen reproduziert und für Betroffene am eigenen Leib spürbar: von rechtlichen und institutionellen Normen über Darstellungen in Populärkultur und auch wissenschaftlicher Literatur bis hin zu alltäglichen Begegnungen. (1) Mitgliedern von ausgegrenzten Gruppen – einschließlich trans, inter* und nichtbinären (tin) Menschen – wird damit auf vielfältigste Weisen ihr Status als „anders“ bzw. „schlechter“ deutlich gemacht.

Ein respektvoller Umgang mit Geschlechtervielfalt versucht, diese Ausgrenzungen zu vermeiden bzw. zuverringern. Die Frage, wie in Lernräumen respektvoll mit Geschlechtervielfalt umgegangen werden sollte, lässt sich dabei nicht bloß in Form von „Rezepten“ oder Dos & Don’ts beantworten. Solche können zwar einen Beitrag zur Sensibilisierung leisten, aber zusätzlich sollte darüber nachgedachtwerden, wie einschränkende, zweigeschlechtliche Muster sich im Umgang miteinander, in didaktischen Methoden und in Lehrinhalten niederschlagen können. Dieser Beitrag geht auf einige häufige Fragestellungen ein und bietet Anstöße zu Reflexionen.

Gleich vorweg: Es geht nicht um „Zensur“, „Verbote“ oder „Vorschriften“, sondern einerseits schlicht um einen respektvollen Umgang (auch) mit tin Menschen und andererseits um ein Eröffnen von Möglichkeiten zur Selbstentfaltung für alle. Denn alle Menschen sind von Geschlechternormen betroffen und keine*r (ob trans, cis,inter*, endo, nicht-binär …) entspricht ihnen ganz. Ein offener und umsichtiger Umgang mit Geschlechtervielfalt erweitert also Geschlechterhorizonte für alle.

Umgang miteinander
Grundsätzlich sollten Zwangskategorisierungen, Zwangsoutings und Exotisierungen vermieden werden. Teilnehmenden sollte daher z.B. die Verwendung der Namen und Pronomen (z.B. “er”, “sie”, “dey” etc.) ermöglicht werden, die sie tatsächlich verwenden – unabhängig von Ausweisdokumenten, Personenstand etc. (Über ihre Matrikelnummer können Teilnehmende ohnehin eindeutig identifiziert werden.) Dabei sollte von Teilnehmenden keine Erklärung oder Legitimation in Form von Attesten, behördlichen Schreiben oder Ähnlichem eingefordert werden. Der “echte” Name einer Person ist der, den sie verwendet.

Ein respektvoller Umgang mit tin Personen sollte dabei möglichst bereits vor Lehrveranstaltungsbeginn deutlich werden – z.B. in der Lehrveranstaltungsbeschreibung bzw. in einer E-Mail vor der ersten Einheit. Teilnehmenden sollte die Möglichkeit gegeben werden, vor der ersten Einheit per E-Mail etwaige Korrekturen für Anmeldelisten, Hinweise zu Pronomenwahl etc. bekanntzugeben. Lehrpersonen können auch die eigenen Pronomen erwähnen (z.B. in der E-Mail-Signatur eingefügt), um diese Praxis zu normalisieren.

Wenn die Anpassung des Namens auf E-Learning-Plattformen ohne Änderung des “Pass-Namens” nicht möglich ist, kann eine Pflicht zu öffentlichen Postings auf diesen Plattformen oder Ähnlichem ein Zwangsouting bedeuten, denn dadurch wird die Abweichung des Namens auf der Plattform vom tatsächlich verwendeten Namen bemerkbar. Es empfiehlt sich, gegebenenfalls vor/zu Beginn der Lehrveranstaltung auf diese Problematik hinzuweisen und alternative Mitarbeits- und Prüfungsmodi anzubieten.

Eine „Pronomenrunde“ zu Beginn von (kleineren) Lehrveranstaltungen, in der alle Teilnehmenden (einschließlich der Lehrperson!) ihre Pronomen nennen, kann einen Rahmen schaffen, in dem Teilnehmende bekanntgeben können, welche geschlechtsbezogenen Begriffe für sie angemessen sind. Allerdings kann eine solche Runde auch dazu führen, dass tin Personen erst recht als „anders“ markiert und erkennbar werden. Die Entscheidung, ob eine Pronomenrunde sinnvoll ist, hängt also vom konkreten Kontext ab. Eine mögliche Alternative ist es, grundsätzlich auf die Verwendung von geschlechtsbezogenen Pronomen und Begriffen zu verzichten.

Exotisierung geschieht oft subtil und unbeabsichtigt, wenn etwa nebenbei angenommen wird, was “normal” ist und was nicht, z.B. in einem Satz wie: „Meine Pronomen sind ganz normal männlich.“ Außerdem sollten tin Personen (wie auch Angehörige anderer marginalisierter Gruppen) nicht bloßgestellt oder als “abweichend” dargestellt werden. So sollten tin Personen keine Fragen nach persönlichen Erfahrungen(oder gar körperlichen Details) gestellt werden, die nicht auch an nicht-tin Personen gerichtet würden. Das bedeutet nicht, dass Unterschiede unter den Teppich gekehrt werden (sollen): Tin Teilnehmende bringen wie alle anderen Studierenden immer wieder auch gerne ihre eigenen Erfahrungen in LV-Kontexte ein. Das sollte allerdings nicht von außen erwartet werden – insbesondere nicht aus einer Autoritätsposition heraus. Außerdem sollte ein Anerkennen von Unterschieden keinesfalls dazu führen, dass Stereotypen reproduziert werden.

Bei alledem sollte nicht davon ausgegangen werden, dass sich keine tin Personen in einer Lehrveranstaltung (oder sonst einem sozialen Raum) befinden, bloß weil kein*e Teilnehmer*in (vermeintlich) „erkennbar“ trans, inter* und/oder nicht-binär ist.

Lehrveranstaltungsinhalte und -methoden
Neben der Interaktion mit Teilnehmenden betrifft der sensible Umgang mit Geschlechtervielfalt und anderen Formen von Vielfalt mitunter auch Lehrveranstaltungsinhalte. Lehrende können etwa reflektieren, inwieweit Inhalte binäre Geschlechternormen und/oder bestimmte als selbstverständlich angenommene Bezüge zwischen Körper und Geschlecht reproduzieren oder hinterfragen. Beispiele sind etwa der Umgang mit binären Gruppennormen/Stereotypen („Frauen tun dies, Männer jenes“) oder eine zu einfache Benennung von „männlichen“ oder „weiblichen“ Körpern und Körperteilen. Nicht alle Menschen, die sich mit einem bestimmten Geschlecht assoziieren, teilen bestimmte Interessen oder bestimmte Körpermerkmale. Dies betrifft nicht nur tin Menschen, sondern auch zum Beispiel Personen, die etwa Operationen, Veränderungen ihres Hormonhaushalts etc. erfahren.(2) Außerdem sind Gruppennormen miteinander verschränkt: Wenn z.B. bestimmte Normen von weißem, mittelständigem vergeschlechtlichtem Verhalten als universell angenommen werden, kann das zu Ausgrenzungen von Personen führen, die diesen nicht entsprechen. Das gilt insbesondere in universitären Kontexten, wo solche Normen z.B. auch Einfluss darauf nehmen können, welche Ausdrücke von Wissen und welche Arten, sich zu äußern, mehr wertgeschätzt werden und welche weniger.

Auch die eingesetzten Lehrmethoden sollten in Bezug auf Geschlecht reflektiert werden. Wenn z.B. Teilnehmende basierendauf „ihrem“ Geschlecht in zwei Gruppen geteilt werden sollen, kann dies Zwangsoutings bedeuten oder dazu führen, dass tin Personen sich in eine Gruppe begeben müssen, die ihnen eigentlich nicht angemessen ist Außerdem reproduzieren solche Methoden binäre Gruppentrennung als eine selbstverständliche gesellschaftliche Norm, was Positionen außerhalb dieser beiden Gruppen sowie die Heterogenität/Vielfalt innerhalb von Gruppen verkennt.

Fehler, Feedback, Kritik
Urmila Goel nützt den Begriff der Fehlerfreundlichkeit, um zu beschreiben, dass „Fehler machen“ bedeuten kann, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu reproduzieren und zu Ausschlüssen beizutragen. In einer Gesellschaft, die geprägt ist von zweigeschlechtlichen Normen, können und werden also immer „Fehler“ passieren, wenn wir versuchen, Geschlechtervielfalt gerecht zu werden: wenn z. B. ein falsches Pronomen für eine Person verwendet wird oder binäre Geschlechterstereotypen reproduziert werden. Diese Fehler können sowohl Studierenden als auch Lehrenden unterlaufen, und gerade in formellen Bildungskontexten, wo Fehler allzu leicht mit Versagen gleichgesetzt (und bestraft) werden, ist Fehlermachen oft mit Angst, Scham, Zorn und Abwehrhaltungen verbunden.

Hinweise auf Fehler – Kritik bzw. Feedback – können allerdings zu einem besseren Umgang mit Geschlechtervielfalt beitragen. Sie können dabei auch positiv verstanden werden: Wenn Menschen Zeit und Energie in Feedback investieren, kann dies ein Zeichen der Wertschätzung und des Vertrauens sein. Das bedeutet, dass Lehrende einerseits z. B. Teilnehmende korrigieren sollten, wenn sie falsche Pronomen für andere Personen verwenden (jedoch nicht strafendoder bloßstellend), und andererseits auch selbst offen für Feedback sein sollten, wenn ihnen Fehler unterlaufen. Möglicherweise wird dieses Feedback mit einer gewissen Emotionalität zum Ausdruck gebracht. Das sollte nicht überraschen, da Mitglieder von häufig ausgegrenzten Gruppen eben immer und immer wieder Ausgrenzungen erfahren. Zusätzlich werden mitunter genau jene Menschen, die auf Ausschlüsse hinweisen, oft selbst als Problem behandelt: Es werden dann nicht die Ausschlüsse behandelt, auf die sie hinweisen, sondern ihr Hinweisen selbst wird als unangebrachte Eskalation verstanden.(3) Hier sollte also in Ruhe und offen für Kritik agiert werden.

Lehrende haben hier eine besondere Verantwortung: Einerseits ist es für Teilnehmende aufgrund der hierarchischen Beziehung schwieriger, Grenzverletzungen/Fehler von Lehrenden anzusprechen; und andererseits haben Lehrende eine besondere Rolle darin, in Lernräumen einen respektvollen Umgang miteinander zu fördern. Das bedeutet, dass es insbesondere an Lehrenden liegt (also nicht den Betroffenen selbst überlassen sein sollte), Teilnehmende auf Fehler hinzuweisen; und dass gleichzeitig Lehrende selbst besonders offen für Feedback sein müssen. Wenn Fehler passieren und Studierende oder Lehrende darauf hingewiesen werden, ist es oft am besten, sich einfach kurz zu korrigieren und danach weiterzumachen. Es ist meistens weder angebracht noch notwendig, sich überbordend zu entschuldigen, sich zu verteidigen oder die eigene gute Absicht zu beteuern. Es ist klar, dass ein „Fehler“ (normalerweise) nicht beabsichtigt ist. Die gute Absicht wird also schlicht durch die Korrektur gezeigt. Es empfiehlt sich auch, zu Beginn von Lehrveranstaltungen mit Studierenden kurz über den Umgang mit Fehlern zu sprechen.

Gerade in Lernräumen ist bei Hinweisen auf Fehler ein Nachfragen und Verstehen-Wollen nachvollziehbar und können Erklärungen auch wichtig für den gemeinsamen Prozess. sein. Allerdings haben Menschen, die gerade in der jeweiligen Situation und darüber hinaus immer und immer wieder Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben, möglicherweise nicht die Kraft (und Lust), diese Erfahrungen im Detail und immer wieder zu erklären, sondern wollen z. B. ihre Energie in die Lehrveranstaltung als solches investieren. Manchmal können andere Teilnehmende oder Lehrende solche Erklärungen anbieten. Manchmal kann es aber auch die beste Lösung sein, das Feedback anzunehmen, den Fehler zu korrigieren und dann fortzufahren, statt in der Situation zu verharren.

Natürlich kann es schmerzhaft sein, auf mögliche Verletzungen und/oder Diskriminierungen hingewiesen zu werden. Aber: Auf der individuellen Ebene sind Verletzungen real, egal, ob sie beabsichtigt waren. Darüber hinaus sind Diskriminierungen oftmals aufgrund von gesellschaftlichen Machtgefügen nicht für alle in gleichem Maße bemerkbar. Sara Ahmeds Metapher der brick wall („Ziegelsteinwand“) veranschaulicht das: In der Gesellschaft und in institutionellen Räumen stecken solche Ziegelsteinwände den Rahmen ab, in dem sich Menschen bewegen können. Solange Menschen sich innerhalb dieses Rahmens bewegen, stoßen sie nicht gegen seine Wände – daher fallen ihnen weder die Wände noch der Rahmen auf. Manche Menschen stoßen aber sehr wohl dagegen, weil sie etwa gewissen gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen. Gerade deswegen ist es wichtig, die Erfahrungen von Menschen, die mit Ausgrenzungen konfrontiert sind, besonders ernst zu nehmen: weil diese Menschen Ziegelsteinwände bemerken, die andere vielleicht nicht bemerken.

 

(1) Diese Typologie der Bereiche, in denen Macht wirkt und reproduziert wird, basiert auf jener in Patricia Hill Collins’ Buch Black Feminist Thought.

(2) Siehe Dean Spades Artikel „Some Very Basic Tips for Making Higher Education More Accessible to Trans Students and Rethinking How We Talk about Gendered Bodies” in der Zeitschrift Radical Teacher für weitere Hinweise und Beispiele.

(3) Sara Ahmed fasst dies mit ihrer Figur der*s killjoy („Spaßverderber*in“) zusammen.

Illustration Brickwall

  • Literaturnachweise

    › Ahmed, Sarah (2012) On Being Included – Racism and Diversity in Institutional Life, Duke University Press.

    › Collins, Patricia Hill (2022, 3rd ed.) Black Feminist Thought, Routledge.

    › Goel, Urmila (2016) Die (Un)Möglichkeit der Vermeidung von Diskriminierungen. In Diskriminierungskritische Lehre. Denkanstöße aus den Gender Studies, Geschäftsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universiät zu Berlin.

    › Spade, Dean (2011) “Some Very Basic Tips for Making Higher Education More Accessible to Trans Students and Rethinking How We Talk about Gendered Bodies Radical Teacher 92 (2011), p. 57–62.