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Briefe von Thomas Bernhard

Das Literaturarchiv Salzburg erhält den gesamten Briefnachlass von Thomas Bernhard sowie den Nachlass seines Großvaters Johannes Freumbichler, dazu eine Gesamtkopie des literarischen Nachlasses von Ingeborg Bachmann. Mit vielen anderen literarischen Archivalien, unter anderem von Peter Handke, entsteht ein bedeutender Forschungsstandort für österreichische Literatur.

„Ein Autograph eines Literaten in Händen zu halten, ist für einen Wissenschaftler etwas ganz besonderes“, sagt der Leiter des Literaturarchivs, Dr. Manfred Mittermayer. „Mit einer eigenhändigen Niederschrift gehen wir in direkte Tuchfühlung mit dem Autor. Auch für die Edition sind Autographe von großer textkritischer Bedeutung“, so Mittermayer. Das Literaturarchiv Salzburg hat vor Kurzem von Bernhards Erben, seinem Halbbruder Dr. Peter Fabjan, den Briefnachlass von Thomas Bernhard erhalten. Es handelt sich um sämtliche Briefe aus dem Besitz Bernhards im Original. Darunter sind auch Briefe seines Verlegers Siegfried Unseld. Seinen ersten Brief schrieb Thomas Bernhard 1961 an den ihm damals unbekannten Verleger: „Vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Bernhards Ansinnen wurde abgelehnt, dennoch war es der Beginn einer lebenslangen engen Beziehung, die in etwa 500 Briefen dokumentiert ist; die Korrespondenz zwischen Bernhard und Unseld ist inzwischen gesammelt und kommentiert im Suhrkamp Verlag erschienen.

Prozess mit dem Stadtpfarrer Franz Wesenauer

Bernhards Briefnachlass enthält Geschäftspost sowie private Briefe. Darunter befindet sich auch jene Korrespondenz, die Bernhard mit seiner Vertrauten Hedwig Stavianicek führte. Diese Briefe geben Aufschluss über die Beziehung von Thomas Bernhard mit der um 37 Jahre älteren Freundin: „Ich hatte ja meinen Lebensmenschen, den nach dem Tod meines Großvaters entscheidenden für mich in Wien, meine Lebensfreundin, der ich nicht nur viel, sondern, offen gesagt, seit dem Augenblick, in welchem sie vor über dreißig Jahren an meiner Seite aufgetaucht ist, mehr oder weniger alles verdanke.“ Die privaten Briefe wurden von Susanne Kuhn, Bernhards Halbschwester, aufgearbeitet, sie sind vorerst noch für die Öffentlichkeit gesperrt.

Prozess mit dem Stadtpfarrer Franz Wesenauer

Im folgenden Brief an Wolfgang Schaffler, den Leiter des Residenz Verlags (dessen Archiv sich ebenfalls seit diesem Jahr im Literaturarchiv Salzburg befindet) äußert sich Thomas Bernhard zu einem Gerichtsprozess, dessen Wurzeln in seiner Salzburger Schulzeit liegen. Er wohnte in der Zeit von 1944-47 in einem Internat in der Schrannengasse. In diesem Internat wirkte nach 1945 ein Priester, dem Bernhard vorwarf, dass er die Zöglinge gegen den autoritären und sadistischen Präfekten nicht in Schutz genommen hat. Diese Episode fand in seinem Werk „Die Ursache“ Eingang, dem ersten Teil seiner fünfbändigen Autobiographie. Dieser Priester hieß Franz Wesenauer und war später ein hoch angesehener Stadtpfarrer. Wesenauer fühlte sich von Bernhard massiv angegriffen und klagte ihn.

In dem Brief betont Bernhard, dass er nichts von seinen Vorwürfen zurücknehmen will.

26.4.77

Lieber Herr Schaffler,

bevor ich abreise, Folgendes: ich kann und will in d. „Ursache“ nichts ändern, kein Wort, u. keines tilgen, es bleibt alles, wie es ist – u. ich laße [!] es auf den Prozess ankommen.

Ich werde zu Gericht gehn, gleich, wie es ausgeht. Ich ändere nichts!

Bitte veranlaßen [!] Sie alles in diesem einzigen mir möglichen Sinn.

Kommt eine neue Ausgabe, muß sie erscheinen, wie die 1. Ausgabe.

Während des Prozesses, der am Landesgericht Wels ausgetragen wurde, gingen die Wogen hoch und er weitete sich zu einem von Bernhards berühmt berüchtigten Skandalen aus. Letztlich endete der Prozess aber mit einem Vergleich und Bernhard änderte alle betreffenden Passagen.

Briefe von Ingeborg Bachmann

Das Literaturarchiv darf sich über eine weitere Besonderheit freuen. Es handelt sich um literarische Texte und Briefe von Ingeborg Bachmann. Dieser Nachlass befindet sich in der Nationalbibliothek in Wien. „Die Geschwister Bachmanns haben uns angeboten, Kopien des Nachlasses für Forschungszwecke dem Salzburger Literaturarchiv zu überlassen“, so Mittermayer. Auch die Bachmann-Briefe sind aufgrund des Persönlichkeitsschutzes noch unter Verschluss, eine Herausgabe könnte im Rahmen dieses Forschungsprojekts jedoch möglich werden. Einer der renommiertesten Bachmann-Forscher ist der emeritierte Salzburger Universitätsprofessor Hans Höller. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bachmann-Nachlass im Literaturarchiv Salzburg wird unter seiner Leitung stehen.

Thomas Bernhard Archiv in Gmunden        

Thomas Bernhard verfügte in seinem Testament, dass nach seinem Tod in Österreich keines seiner Werke mehr aufgeführt, gedruckt oder publiziert werden darf. Bernhards Halbbruder und Erbe, Dr. Peter Fabjan, gründete nach Bernhards Tod die Thomas Bernhard Privatstiftung und schuf dadurch die Möglichkeit, sein Werk der österreichischen Öffentlichkeit wieder uneingeschränkt zugänglich zu machen. Diese Privatstiftung hat ihren Sitz in Wien und betrieb, unterstützt vom Unterrichtsministerium, seit 2001 in Gmunden das Thomas Bernhard Archiv. Nach Auslaufen der Bundesförderung bedurfte es einer Neuordnung des Gmundner Archivs. Es wird nun von der Thomas Bernhard Privatstiftung, dem Land Oberösterreich und der Universität Salzburg getragen. In diese Kooperation bringt die Stiftung den Nachlass des Autors ein, die Universität und das Land Oberösterreich teilen sich die Kosten des laufenden Archivbetriebs mit zwei Mitarbeitern. Darüber hinaus kommt das Land Oberösterreich für die Gebäudekosten auf, in dem das Archiv untergebracht ist. www.thomasbernhard.at

Literaturarchiv Salzburg. Forschungszentrum von Universität, Land und Stadt Salzburg

Das Literaturarchiv verfügt derzeit über rund 5000 Bücher und mehr als 25 Literaturzeitschriften sowie literarische Archivalien von über 60 Autorinnen und Autoren. Zur Sammlung zählen unter anderem Gesamt- und Teilnachlässe von Salzburger Autoren, einzelne Manuskripte, Typoskripte, Briefe, Bibliotheken, Teilbibliotheken, Bilder, Fotos, Ton- und Bildträger, einzelne Werke und Gegenstände aus dem Besitz von Autoren. Das Literaturarchiv wendet sich in erster Linie an Germanisten, Historiker, Literatur- und Kulturwissenschaftler, aber auch an alle anderen interessierten Personen.

Es gibt eine Reihe von Veranstaltungen und Führungen für die Öffentlichkeit. So ist z.B. für 28. Februar bis 2. März 2013 als Kooperation mit dem Fachbereich Germanistik und dem Stefan Zweig Centre unter dem Titel „Hinterlassenschaften“ ein Symposium über Nachlässe des 19. und 20. Jahrhunderts geplant.

Das Literaturarchiv ist Di und Do jeweils von 10-12 Uhr und 13-16 Uhr sowie Mi von 13-16 Uhr geöffnet.

www.uni-salzburg.at/literaturarchiv