Challenges für „Soziale Heilung“

Einmal Vitamin B to go? Soziale Beziehungen sind tatsächlich ein wahrer Booster für unsere physische wie mentale Gesundheit. Das zeigt die Social-Cure-Forschung (Soziale Heilung): Wer Teil einer Gemeinschaft ist, fühlt sich weniger einsam, erlebt weniger Stress und bleibt gesünder (Jetten et al., 2012). Soziale Beziehungen können viele Stressoren puffern, quasi wie ein Schutzschild wirken. Umso fataler sind jedoch die Auswirkungen, wenn unser Bedürfnis nach Verbundenheit anhaltend frustriert wird. Forschende der Universität Utah stellten fest, dass das Risiko von chronischer Einsamkeit vergleichbar ist mit dem Rauchen von 20 Zigaretten am Tag (Holt-Lunstad et al., 2010)! Obwohl wir uns alle manchmal einsam fühlen, handelt es sich nach wie vor um ein großes Tabu-Thema. Wir leben in einer Welt, die vernetzter ist denn je, dennoch erleben viele in den digitalisierten Räumen ein Gefühl der Entfremdung. Vor allem im städtischen Bereich wird dies durch die vorherrschende Anonymität untermauert. Doch so muss unser Miteinander nicht aussehen!    

Eine wertvolle soziale Ressource, die wir viel zu häufig übersehen, liegt direkt vor unserer Haustür: Unsere unmittelbare Nachbarschaft! Ein Ort, wo Gemeinschaft aktiv gelebt werden kann, wo Jung wie Alt geschätzt werden, wo alle vom gegenseitigen Geben und Nehmen profitieren können. Diese Nachbarschaft kann wahrlich einen Gegenentwurf zum Egoismus und Individualismus unserer Zeit darstellen. Doch den Schutz der Anonymität zu überwinden, ist häufig nicht so einfach. Vielleicht kennen Sie auch diese Stimme, die sagt „Geh einfach weiter, die Person hat sicherlich keine Zeit oder Interesse an einem Gespräch mit dir“? Diese Angst vor vermeintlicher Zurückweisung ist normal und auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass unser Gehirn auf sozialen Ausschluss ähnlich reagiert, wie auf körperlichen Schmerz (Eisenberger at al., 2003). Doch häufig überschätzen wir die negativen Folgen. Dieser Annahme liegt auch die „Rejection Therapy“ zu Grunde, die seit einiger Zeit in den sozialen Medien kursiert (National Public Radio, 2015). Sie fordert dazu auf, sich bewusst in Situationen zu begeben, in denen man Zurückweisung erfahren könnte, um langfristig entspannter und sicherer zu werden. Dem (erwarteten) Schmerz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das war die Inspiration für das “Nachbarschaftsbingo”: It´s challenge time!  

Welche sozialpsychologischen Wirkfaktoren hinter den Challenges stecken und wie diese soziale Verbundenheit stärken, erfahren Sie im Folgenden, bevor die Hintergründe zu den einzelnen Kategorien genauer erklärt werden. Die Challenges… 

… stärken das Kohärenzgefühl, also ob wir unser Leben als verständlich, handhabbar und sinnvoll wahrnehmen.  Der Theorie der sozialen Identität kommt dabei eine tragende Rolle zu: Wir Menschen gehören vielen verschiedenen Gruppen an (z.B. Familie, Beruf, Freundeskreis). Diese Zugehörigkeiten definieren im Wesentlichen unser Selbstbild – deshalb ist es uns wichtig, Teil von Gruppen zu sein, auf die wir stolz sein können. Aus der Forschung geht hervor: Je stärker wir uns mit einer Gruppe identifizieren, desto eher geben und erhalten wir soziale Unterstützung. Auch der Stadtteil bzw. die Nachbarschaft kann zu einer sozialen Identität werden. Zu wissen, wo wir dazugehören und “wie es hier läuft” macht die eigene Umgebung begreifbar (Verstehbarkeit). Paradoxe Interventionen, wie der Benjamin‑Franklin‑Effekt und kleine, konkrete Bitten senken die ersten Kontakthemmschwellen. Man erlebt „Ich kann etwas tun.“, ohne hilflos zu werden (Handhabbarkeit). Service-based learning bzw. gemeinwohlorientiertes Lernen als Basis für lebenslanges Lernen zeigt, wie Engagement sinnstiftend wirkt – für die eigene Gesundheit und die Umgebung (Bedeutsamkeit, Sinnhaftigkeit). Ingroup–Outgroup‑Dynamiken erklären, warum wir Eigengruppen oft bevorzugen. Wenn wir jedoch die Nachbarschaft als gemeinsame Ingroup sehen, wächst die Verbundenheit, und das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit (vgl. Ryan & Ryan, 2000) wird erfüllt. 

…wirken auf verschiedenen Ebenen: Je „näher“ uns etwas ist (zeitlich, räumlich, sozial), desto konkreter denken wir darüber; je „ferner“, desto abstrakter. Für Begegnungen im Stadtteil heißt das, dass konkrete, kleine und naheliegende Aktionen (z.B. die Bitte um Hilfe, ein Kompliment, eine Frage nach dem Stadtteil) Hürden senken und so Schritt für Schritt Brücken bauen (Construal Level Theory; Trope & Liberman, 2010).   

…können Ausgangspunkt für Verbindungen auf ideeller Ebene werden. Nach der Action Identification Theory (Vallacher & Wegner, 2012) lassen sich eigene Handlungen, wie zum Beispiel unsere Challenges, in “niedrige” und “hohe” Identifikationen einteilen. “Ich sage Hallo” wäre eine konkrete, niedrige Identifikation, während “Ich pflege eine gute Nachbarschaft” auf abstrakter Ebene mental repräsentiert wird und damit auch Sinnerleben verstärken kann. Die Handlungen können also bewusst mit einem höheren Ziel verbunden werden, was Motivation und Durchhaltevermögen stärkt – und im Umgang mit Zurückweisung helfen kann. 

  • bingo

    Das Nachbarschaftsbingo

    Challenges für Verbundenheit

    Dieses Bingo können Sie verwenden, um kleine, alltägliche Herausforderungen für mehr Verbundenheit in der Nachbarschaft zu meistern. Jede Farbe steht für einen eigenen Wirkmechanismus im Rahmen der “sozialen Heilung”. Die unterschiedlichen Grüntöne ergeben sich dabei durch Nuancen in der theoretischen Fundierung als Beitrag zur „sozialen Heilung“. Weiter unten werden die verschiedenen Mechanismen kurz und verständlich erklärt. 
  • abm

    Agenten in nicht geheimer Mission

    Gehspräche, die den Stadtteil bewegen

    Hier sehen Sie anhand von agentenbasierter Modellierung, wie kleine Gesten – zum Beispiel Challenges – mit der Zeit einen großen Unterschied machen können, sowohl in der unmittelbaren Nachbarschaft (Das Konkrete, das Wie – bonding), als auch übergreifend (Das Abstrakte, das Warum oder Wozu – bridging; siehe Construal Level Theorie). Auch Ihre Verbindungen und Brücken im Stadtteil-Netzwerk zählen!
  • Verbundenheit herstellen: Stadtteilbezogene Identität entwickeln (hellgrün)

    Zu einem Stadtteil gehören zumindest zwei Dinge: Ein Platz und Menschen. Damit der Platz zum Ort wird, etwas womit die dazugehörigen Menschen eine Verbindung herstellen, braucht es Neugierde und Wissen. Wussten Sie, dass allein Salzburg aus 24 Stadtteilen besteht? Was zeichnet Ihren Stadtteil aus? In welchen lokalen Gruppen bzw. Vereinen engagieren Sie sich? Oder würden sich gerne engagieren?  
    Die bereits erwähnte Theorie der Sozialen Identität (Haslam, 2012; Tajfel & Turner, 1979) erklärt auch, warum wir häufig eigene Gruppen gegenüber anderen, fremden Gruppen favorisieren. In einer Nachbarschaft gibt es sicherlich verschiedene Gruppen, die wirksam werden. Aber auch der Stadtteil an sich kann zur Gruppenidentität werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um sich mit dem eignen Stadtteil besser zu identifizieren. Dies geschieht z.B. bereits dann, wenn wir aufmerksam werden und die Menschen, Tiere, Pflanzen und geheimen Orte in unserer Umgebung besser kennenlernen. Darüber hinaus ist die direkte Teilnahme an lokalen Angeboten (siehe z.B. das  Programm der Bewohnerservicestellen) eine gute Gelegenheit, um sich dem Stadtteil verbunden zu fühlen. Die drei Challenges zur Stärkung der ortsabhängigen Sozialen Identität setzen genau da an. Zu wissen, wie der Nachbarshund heißt, oder das Meerschweinchen drei Türen weiter, füllt die innere mentale Landkarte des Stadtteils, stellt so emotionale Bezüge her und wirkt damit identitätsfördernd. Genauso, zu wissen, welche Orte nicht nur einem selbst besonders gefallen, sondern den Freunden und Nachbarn in der Umgebung gibt Orientierung. Auch die Stadt Salzburg setzt sich dafür ein, öffentliche Plätze zu bedeutsamen Orten werden, wo ihre Bewohner*innen sich gerne aufhalten. Was wirkt z.B. verbindender als Grundbedürfnisse? Wissen Sie eigentlich, wo in Salzburg Süd das Öklo steht?   

    Aus umweltpsychologischer Sicht entsteht Verbundenheit mit einem Stadtteil nicht allein durch das Wohnen an einem Ort, sondern durch eine aktive Beziehung zu ihm. Forschungen zur Place Attachment zeigen, dass Orte für Menschen dann bedeutsam werden, wenn sie emotionale, kognitive und soziale Erfahrungen bündeln: Erinnerungen, Begegnungen und alltägliche Routinen verwandeln einen bloßen Raum in einen persönlich bedeutsamen Ort (Altman & Low, 1992). Der Umweltpsychologe David Canter beschreibt Orte deshalb als Zusammenspiel aus physischer Umgebung, Aktivitäten und Bedeutungen – erst wenn wir einen Platz nutzen, verstehen und mit Erlebnissen aufladen, wird er zu „unserem“ Ort (Canter, 1977). Gleichzeitig prägt diese Beziehung auch unser Selbstbild: Stadtteile können Teil unserer Identität werden, ähnlich wie soziale Gruppen. Wer weiß, wo man sich trifft, wer hier lebt, welche Geschichten und Besonderheiten einen Stadtteil ausmachen, entwickelt eine innere mentale Landkarte, die Orientierung und Zugehörigkeit schafft und damit identitätsstiftend wirkt (Lalli, 1992). Orte sind somit nicht nur geografische Räume, sondern auch soziale Konstruktionen, die durch gemeinsame Erfahrungen, Bedeutungen und Aushandlungsprozesse entstehen (Harvey, 1996). So entsteht aus räumlicher Nähe soziale Nähe – und aus einem Stadtteil ein Ort, mit dem man sich identifiziert und für den man Verantwortung übernimmt. 

  • Verbundenheit stärken: Wie Benjamin Franklin helfen kann, mit anderen in Kontakt zu kommen (mittelgrün)

    „Aller Anfang ist schwer“ – auch im Aufbauen neuer sozialer Kontakte ist das oft der Fall. Doch es gibt einen leichten Trick, den man sich zu Nutze machen kann: Bitte deinen Nachbarn bzw. deine Nachbarin um einen kleinen Gefallen, wie z.B. eine fehlende Zutat oder eine Restaurantempfehlung. Die kognitive Dissonanztheorie beschreibt das grundlegende menschliche Bedürfnis nach innerer Konsistenz zwischen Einstellungen, Gedanken und Verhalten. Entsteht ein Widerspruch zwischen diesen Elementen, wird dies als unangenehm erlebt, sodass Menschen motiviert sind, diese Dissonanz zu reduzieren – häufig durch eine nachträgliche Anpassung ihrer Einstellungen (Festinger, 1957). Ein klassisches Beispiel für diesen Mechanismus ist der Benjamin-Franklin-Effekt: Personen bewerten andere als sympathischer, nachdem sie ihnen einen Gefallen getan haben. Wenn wir jemandem helfen, den wir zuvor kaum kennen oder gegenüber dem wir neutral eingestellt sind, entsteht eine kognitive Dissonanz („Warum habe ich dieser Person geholfen?“). Um diese Inkonsistenz aufzulösen, passen wir unsere Einstellung an und schreiben der Person im Nachhinein mehr Sympathie zu (Jecker et al., 1969). Auf diesem Wirkprinzip bauen auch paradoxe Interventionen auf. Sie zielen darauf ab, durch scheinbar indirekte oder widersprüchliche Handlungsanweisungen Verhaltensweisen zu initiieren, die eine Neubewertung auf Einstellungsebene nach sich ziehen. Indem Individuen ein bestimmtes Verhalten ausführen, werden nachgelagert Einstellungen angepasst, sodass neue Perspektiven und Beziehungsmuster entstehen können. 

    Wenn wir also jemandem einen Gefallen tun, obwohl wir diese Person noch kaum kennen, entsteht eine leichte Dissonanz: Warum habe ich geholfen? Um dieses Spannungsgefühl zu reduzieren, passen wir unbewusst unsere Einstellung an und nehmen die andere Person als sympathischer wahr. Paradoxe Interventionen nutzen genau diesen Mechanismus, indem sie scheinbar indirekte oder unerwartete Handlungen anregen, die dann neue Bewertungen und Beziehungen ermöglichen. Was zunächst wie ein kleiner, vielleicht sogar ungewohnter Schritt wirkt – etwa jemanden um Hilfe zu bitten –, kann so langfristig Verbundenheit fördern. Indem wir handeln, bevor wir uns vollständig verbunden fühlen, entsteht Zugehörigkeit oft erst im Tun selbst. Auf diese Weise ergänzen sich Verhalten, Wahrnehmung und soziale Identität: Durch kleine Interaktionen wächst Vertrauen, und aus einzelnen Kontakten kann allmählich ein tragfähiges nachbarschaftliches Netzwerk entstehen. Im Falle des Benjamin-Franklin-Effekts bedeutet dies, dass wir unser Verhalten (den Gefallen) dadurch rechtfertigen, dass wir unsere Einstellung der Person gegenüber anpassen, indem wie diese als sympathisch einstufen. Sie können diesen simplen Mechanismus also nutzen, um Kontakte zu knüpfen. Freilich sollte diese Technik, wie alle anderen, in Maßen verwendet werden – sonst erzeugt sie auf Dauer wohl eher Widerstand. 

  • Verbundenheit leben: Wie wir als Einzelne und Gruppen voneinander lernen können (dunkelgrün)

    Aus Sicht der Soziale Identitätstheorie entstehen in Nachbarschaften nicht nur Begegnungen zwischen Einzelpersonen, sondern auch zwischen Gruppen. Menschen ordnen sich selbst und andere automatisch sozialen Kategorien zu – etwa nach Alter, Herkunft, Lebensstil oder Interessen – und neigen dazu, die eigene Gruppe aufzuwerten, während andere Gruppen zunächst als „fremd“ wahrgenommen werden (Tajfel & Turner, 1979). Diese sogenannten Intergruppen-Effekte sind ein normaler Bestandteil sozialer Wahrnehmung, können jedoch – gerade weil sie mit Herausforderungen wie Vorurteilen, Distanz oder subtilen Abgrenzungsprozessen einhergehen – durch positive, alltägliche Kontakte deutlich abgeschwächt werden. Wenn wir mit Menschen aus unterschiedlichen Gruppen zusammenarbeiten, voneinander lernen oder uns gegenseitig unterstützen, erweitert sich unsere soziale Identität: Aus „ich und die anderen“ kann ein gemeinsames „wir im Stadtteil“ entstehen (Haslam, 2012). Gerade informelle Lernräume wie Nachbarschaften bieten dafür ideale Bedingungen. Wer sich engagiert, mit anderen ins Gespräch kommt oder gemeinsame Projekte unterstützt, trägt dazu bei, dass Grenzen zwischen Gruppen durchlässiger werden und ein inklusives Gemeinschaftsgefühl wächst. So wird Vielfalt nicht als Trennung erlebt, sondern als Ressource für gegenseitiges Lernen und Zusammenhalt. 

    Wussten Sie z. B. bereits, dass etwa 70 % aller menschlichen Lernprozesse außerhalb von Bildungsinstitutionen stattfinden (Zürcher, 2007)? Dieses sogenannte „informelle Lernen“ ist meist anlassbezogen, sporadisch und zufällig – und es dient einem zentralen Zweck: sich in der eigenen Umwelt besser zurechtzufinden. Eine wichtige Form dieses informellen Lernens findet im alltäglichen sozialen Kontakt statt. Die Nachbarschaft spiegelt häufig die Diversität unserer Gesellschaft wider und bietet damit ideale Bedingungen, um soziale Kompetenzen vielschichtig zu entwickeln. In der Praxis hat diese Herangehensweise unter dem Begriff „service-based learning“ bereits Einzug gehalten: Schüler*innen, Studierende oder Menschen, die sich weiterbilden, ergänzen ihr akademisches Wissen durch praktisches Engagement (Seifert et al., 2019; Salam et al., 2019). Dadurch entsteht ein tieferes Verständnis für reale gesellschaftliche Bedürfnisse. 

    Um langfristig eine Gemeinschaft zu kultivieren, in der sich jede*r gesehen und geschätzt fühlt, braucht es Personen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Als Menschen sind wir ausgeprägte „Modelllerner“ (Bandura, 1986) und orientieren uns somit auch am Verhalten anderer. Indem Sie kleine Gesten der Freundlichkeit setzen, inspirieren Sie also auch Ihr Umfeld. Wenn Sie etwas mehr Zeit zur Verfügung haben, kann Freiwilligenarbeit eine gesundheitsförderliche und sinnstiftende Möglichkeit sein – etwa im Seniorenwohnheim, bei Fahrtendiensten, als Lernbuddy für Jugendliche oder im Sprachcafé. Informieren Sie sich dazu gerne im Bewohnerservice oder unter:  https://www.freiwilligenzentrum-salzburg.at 

Hören Sie doch mal in den Podcast „Sozialpsychologie zum Mitgehen“ von Vicky König und Bachelorstudierenden der Psychologie an der Universität Salzburg rein, während Sie #salzburgsued und weitere Stadtteile bei „Gehsprächen“
mit Fremden, die zu Freunden werden, kennenlernen!

Und die Moral von der Stadteil-Geschichte?

Es gibt keine schnellen Lösungen, weder für Einsamkeit, noch für andere echte Gefühle und Probleme, die wir alle als Menschen hin und wieder erleben. Am Ende greifen all die genannten und weitere kleinen Schritte ineinander, um einen Umgang damit zu finden, der gut tut – und genau hier schließt sich der Kreis zur sozialen Heilung. Die Forschung zeigt, dass soziale Beziehungen nicht nur „schön zu haben“ sind, sondern eine echte Gesundheitsressource darstellen: Wenn Menschen sich als Teil einer Gruppe erleben, stärkt das ihr Wohlbefinden, ihre Resilienz und sogar ihre körperliche Gesundheit (Jetten et al., 2012). Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Kontakte, sondern das Gefühl von Zugehörigkeit und geteilter Identität. Jede Begegnung im Stiegenhaus, jedes Gespräch beim Spaziergang und jede gemeinsam gemeisterte Challenge kann ein kleiner Baustein dieser sozialen Heilung sein. Indem wir Verbundenheit herstellen, stärken und im Alltag leben, entsteht Schritt für Schritt ein Netzwerk aus Beziehungen, das trägt – für die einzelne Person ebenso wie für die Nachbarschaft als Ganzes. Die sich so bildenden Brücken (“bridging ties”; Laurence, 2011) ermöglichen, dass ein generelles Grundvertrauen entsteht und das soziale Kapital über Gruppengrenzen hinweg gestärkt wird. So wird aus vielen kleinen Momenten der Kontaktaufnahme eine kollektive Ressource, die Einsamkeit entgegenwirkt und Gesundheit fördert: soziale Heilung im besten Sinne aller! 

Und weil es eben doch nicht ganz so leicht geht, Theorie in die Praxis zu übertragen, gehen wir im Mai 2026 den Anfang gemeinsam und sprechen über diese und weitere Dinge, die uns verbinden.
Echte “Gehspräche” eben, die verbinden und Brücken bauen.  

Über das Projekt

Das Projekt #salzburgsuedbewegt wurde von Jelena Burghardt und Franziska Kinskofer ins Leben gerufen. Es basiert auf der Idee, durch kleine, alltägliche Herausforderungen – sogenannte “challenges”- die Verbundenheit im Stadtteil zu stärken. Diese Challenges bilden nun das Herzstück des Nachbarschaftsbingos, das durch dieses Projekt und den Stadtteil führt. Das Projekt ist eines von insgesamt drei Siegerprojekten der  Stadtteilidee der Stadt Salzburg.

Ausgangspunkt dafür sind die Arbeiten von Jelena Burghardt, Nadine Lessiak und Senta Moser zum Thema Einsamkeit im Rahmen der Transferorientierten Vertiefung in der Masterspezialisierung Soziale Interaktion. Auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse haben die drei angehenden Psychologinnen ein “Nachbarschaftsbooklet” entwickelt, das Wissen und Handlungsmöglichkeiten zum Thema Einsamkeit zusammenfasst. Ihr Ziel war es, zu entstigmatisieren und Handwerkszeug an die Hand zu geben, um leichter in Kontakt zu treten, vor allem wenn man bemerkt, dass jemand anderes einsam sein könnte. Im Fokus standen dabei ältere und armutsgefährdete Personen. Die Studierenden waren davon ausgegangen, dass diese Menschen, im Vergleich zu anderen, besonders von Einsamkeit betroffen sind.  

Aber: Das stimmt gar nicht! Jüngere Menschen sind tatsächlich häufiger einsam, außerdem bleiben “Einsamkeiten”, also die wiederholte Erfahrung von Einsamkeit, länger bestehen.Was die Forschung allerdings doch unterstreicht ist, dass in der zweiten Lebenshälfte das Risiko, einsam zu bleiben, wenn man es bereits ist, enorm ansteigt (Huxold & Henning, 2023). Früh verbinden lohnt sich also.

Genau hier setzt dieses Projekt an: Menschen, egal welchen Alters und Hintergrunds, miteinander zu verbinden!  

Das Anliegen des Projekts liegt dabei in der Sensibilisierung für und Entstigmatisierung von Einsamkeit, was in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen zunehmend relevant wird. Besonderer Wert wird daher auf Niederschwelligkeit und Zugänglichkeit gelegt: Anhand von Postkarten, die im Stadtteil verteilt werden, werden analog zentrale Inhalte rund um Einsamkeit und Nachbarschaftsleben auf einfache, spielerische und gerade deswegen reflektierende Weise vermittelt. Die Zielgruppe umfasst vor allem Menschen, die sich ab und zu einsam fühlen, sowie all jene, die sich einfach mehr Kontakt, Zugehörigkeit und Austausch in ihrer Nachbarschaft wünschen. Eine dieser Postkarten führte Sie vielleicht auf diese Seite. Die Postkarten geben auch Auskunft darüber, wann und wo das nächste “Gehspräch” stattfindet, der zweite große Baustein des Projekts. Das sind wöchentliche Spaziergänge, die von Psychologiestudierenden des Grundkurses Sozialpsychologie unter der Leitung von Vicky König, im Mai 2026 in Salzburg Süd durchgeführt werden. Der letzte Spaziergang endet dann am  Nachbarschaftsfest (29. Mai 2026, #savethedate), wo sich weiter unterhalten und gefeiert werden kann. Vielleicht finden Sie hier sogar ein passendes freiwilliges Engagement, das sie erfüllt und dabei anderen hilft?  

Gemeinsam verfolgen wir jedenfalls ein Ziel:
Für Sie, für die Person nebenan, und für eine starke Nachbarschaft Orte der Verbundenheit im Gehen zu finden und sie mit den Geschichten der Menschen im Stadtteil zu füllen!  

Weitere Möglichkeiten, um weitere Stadtteile und ganz Salzburg zu erkundigen finden sich übrigens auch hier: Am 17.4. ist der nächste  Frauenspaziergang (Fräulein Flora), oder einfach mal auf einen der  Salzburger Stadtberge?

Wenn Sie noch mehr erfahren wollen…

Altman, I., & Low, S. M. (Eds.). (1992). Place attachment. Springer. 
Antonovsky, A. (1997). Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie. 
Avanzi, L., Perinelli, E., Bressan, M., Balducci, C., Lombardi, L., Fraccaroli, F., & Van Dick, R. (2021). The mediational effect of social support between organizational identification and employees’ health: A three-wave study on the social cure model. Anxiety, Stress & Coping, 34(4), 465–478.  https://doi.org/10.1080/10615806.2020.1868443 
Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Prentice Hall. 
Canter, D. (1977). The psychology of place. Architectural Press. 
Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290–292.  https://doi.org/10.1126/science.1089134 
Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press. 
Harvey, D. (1996). Justice, nature and the geography of difference. Blackwell. 
Haslam, S. A. (2012). Psychology in organizations: The social identity approach (3rd ed.). Sage.  https://doi.org/10.4135/9781446278819 
Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: A meta-analytic review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316.  https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316 
Jecker, J., & Landy, D. (1969). Liking a person as a function of doing him a favor. Human Relations, 22, 371–378. 
Jetten, J., Haslam, C., & Alexander, S. H. (2012). The social cure: Identity, health and well-being. Psychology Press. 
Lalli, M. (1992). Urban-related identity: Theory, measurement, and empirical findings. Journal of Environmental Psychology, 12(4), 285–303.  https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)880078-7 
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78.  https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68 
Seifert, A., Zentner, S., & Nagy, F. (2019). Praxisbuch Service-Learning: „Lernen durch Engagement“ an Schulen (2. Aufl.). Beltz. 
Tajfel, H., & Turner, J. C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. In W. G. Austin & S. Worchel (Eds.), The social psychology of intergroup relations (pp. 33–47). Brooks/Cole. 
Trope, Y., & Liberman, N. (2010). Construal-level theory of psychological distance. Psychological Review, 117(2), 440–463.  https://doi.org/10.1037/a0018963 
Vallacher, R. R., & Wegner, D. M. (2012). Action identification theory. In P. A. M. Van Lange, A. W. Kruglanski, & E. T. Higgins (Eds.), Handbook of theories of social psychology (pp. 327–348). Sage.  https://doi.org/10.4135/9781446249215.n17
Zürcher, R. (2007). Informelles Lernen und der Erwerb von Kompetenzen. In M. Zach (Ed.), Materialien zur Erwachsenenbildung (Nr. 2/2007). Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.  https://erwachsenenbildung.at/downloads/service/nr2_2007_informelles_lernen.pdf