Was ist Bedrohung?Wir verstehen Bedrohung als Folge von Diskrepanzen. Menschen streben nach Konsistenz und Kongruenz, das heißt, sie suchen nach einer Passung zwischen der sozialen Umgebung, in der sie sich befinden, ihrem inneren Erleben und ihren Wünschen sowie ihrem Verhalten. Wir gehen davon aus, dass drei Komponenten hier zentral sind: die wahrgenommene Situation (Realität), die eigenen aktuellen Wünsche (Motive), und die Erwartungen darüber, was geschehen wird (kognitiver Fokus). Wenn es innerhalb dieser Komponenten einen Konflikt gibt, entsteht Diskrepanz und damit verbunden die Motivation, diese Diskrepanz zu reduzieren ( Jonas & Mühlberger, 2017). Diskrepanzen entstehen beispielsweise, wenn unsere Freiheit eingeschränkt wird (z.B.  Mühlberger & Jonas, 2019) oder wenn wir nach Selbsterhaltung, Kontrolle, Sicherheit oder Sinn streben, jedoch an ihre eigene Sterblichkeit, Kontrollverlust, Unsicherheit oder Sinnlosigkeit erinnert werden (z.B.  Reiss, Leen-Thomele, Klackl & Jonas, 2021).

Die Wahrnehmung von Diskrepanzen führt Menschen häufig in einen unangenehmen Hemmungszustand (eine sogenannte „Angststarre“, welche durch Aktivierung des Verhaltensinhibitionssystems (Behavioral inhibition system, BIS), beschrieben werden kann), aus dem sie durch motivationale Reorientierung, wie z.B. Handlungsorientierung, wieder herauskommen (beschreibbar durch das Verhaltensannäherungssystem (Behavioral approach system, BAS). Im Prozessmodell von Bedrohung und Verteidigung beschreiben wir zwei Strategien, mit denen wir auf Bedrohungen reagieren, nämlich Resolution und Palliation. Während Resolution typischerweise auf die Ursache des bedrohungsauslösenden Problems abzielt, konzentriert sich Palliation auf das Erreichen einer positiven Affektlage. Dies ist eine kleine Auswahl unserer aktuellsten Forschungsergebnisse im Bereich Bedrohungsmanagement:

Experimentelle Induktionen von Sterblichkeit, Kontrolle und Beziehungsproblemen führen zu Angst, während verschiedene defensive Verhaltensweisen zu positivem Affekt führen. Dies gilt sowohl für Resolution und Palliation (Stollberg, Klackl & Jonas, 2014).
Experimentelle Induktionen von Sterblichkeit, Kontrolle und Beziehungsproblemen führen zu Angst, während verschiedene defensive Verhaltensweisen zu positivem Affekt führen. Dies gilt sowohl für Resolution und Palliation (Stollberg, Klackl & Jonas, 2024).

 

Defensive Reaktionen auf eine Bedrohung sind dann am stärksten, wenn die affektiven Reaktionen von Menschen auf hohe BIS-Aktivierung (Ängstlichkeit) und hohe BAS-Aktivierung (Entschlossenheit) hindeuten (Klackl, Lüders & Jonas, 2024).
Defensive Reaktionen auf eine Bedrohung sind dann am stärksten, wenn die affektiven Reaktionen von Menschen auf hohe BIS-Aktivierung (Ängstlichkeit) und hohe BAS-Aktivierung (Entschlossenheit) hindeuten (Klackl, Lüders & Jonas, 2024).

Unsere Forschung zielt auch darauf ab, menschliches Verhalten im Kontext des Klimawandels besser zu verstehen, und damit Lösung zu finden ( Stollberg & Jonas, 2021). Beispielsweise versucht Klimawandelkommunikation in der Regel eine lösungsorientierte Bewältigung des Klimawandels zu fördern, führt aber nachweislich zu emotionsorientierter Palliation statt zu ursachenorientierter Resolution ( Uhl-Haedicke, Jonas & Klackl, 2016;  Uhl-Haedicke, Klackl, Hansen & Jonas, 2018). Unsere Forschung hat gezeigt, dass Klimawandelkommunikation effektiver sein könnte, wenn sie auf die Werte der Rezipienten appelliert ( Ulmke et al., 2023).

Soziale Interaktionen können die Quelle von Diskrepanzerleben sein, d.h. einer Verletzung von Erwartungen, eine Nichterfüllung von realen oder erwarteten Motiven oder eine Nichterfüllung von erwarteten Motiven (siehe Forschungsbereich Bedrohungsmanagement). Menschen können dann in Hemmungszustände oder Verteidigungsspiralen geraten oder sie versuchen wieder handlungsfähig zu werden. Das Loop2Loop-Modell beschreibt, dass Menschen in sozialen Interaktionen nicht nur aufeinander reagieren, sondern dass diese Prozesse vermittelt werden über motivational-affektive und motivierte kognitive Prozesse. Soziale Interaktionen können aber auch bei der Reduktion von Diskrepanzen helfen, wie dies z.B. in Beratungsprozessen geschehen sollte.

Wir erforschen, wie Beratung konstruktive soziale Interaktionen erleichtern kann. In Organisationen, in der Politik und der Beratung geht es häufig um den Umgang mit Bedrohungen: Die Herausforderungen unserer Zeit, Veränderungsprozesse in Unternehmen, aber auch eigene Ziele und Visionen lassen Diskrepanzen zwischen Ist und Soll entstehen. Beispielsweise erlebt eine Person in ihrem Berufsalltag eine Diskrepanz zwischen einem aktuellen Motiv und der wahrgenommenen Realität. Möglicherweise ist sie in ihrem jetzigen Beruf unglücklich, weil sie sich und ihre Kompetenzen gerne stärker einbringen würde, hat aber das Gefühl, Tätigkeiten nur nach bestimmten Vorgaben ausführen zu dürfen. Ihr Bedürfnis ist es, eine Arbeit zu finden, in der sie mitentscheiden und ihre Fähigkeiten einbringen darf. Diese Diskrepanz zwischen Motiv und Realität kann Unsicherheit und Angst hervorrufen (Verhaltensinhibitionssystem, BIS), woraus ein Verhaltensantrieb entsteht, die Diskrepanz zu reduzieren. Wenn Menschen jedoch nicht wissen, wie sie dies selbst erreichen können, suchen sie häufig die Hilfe von Berater:innen. Berater:innen können dabei helfen, die Diskrepanz zu reduzieren und den:die Klient:in zu unterstützen wieder handlungsfähig zu werden, d.h. auf konstruktive Weise das Verhaltensannäherungssystem (BAS) zu aktivieren. Dabei kommen verschiedene Beratungsformate wie Coaching, Training, Consulting oder Mentoring zum Einsatz. Sozialpsychologische Erkenntnisse aus unserer Forschung können dabei von Vorteil sein. Zum Beispiel kann prozedurale Gerechtigkeit dabei unterstützen, mit Veränderungen handlungsmotiviert umzugehen ( Reiss, Prentice, Schulte-Cloos & Jonas, 2018). Auch bei organisationalem Wandel und eigenen Zielen können Beratungsformate hilfreich sein. In unserer Forschung widmen wir uns daher folgenden Fragen:

Studierende erleben in ihrem Studium häufig Ist-Soll Diskrepanzen, wenn Dinge nicht wie gewünscht laufen. Durch das Projekt PLUSTRACK, das vom BMBWF und der Universität Salzburg gefördert wird, sollen diese Diskrepanzen im Studium identifiziert und reduziert werden. Den Studierenden werden verschiedene Beratungsformate angeboten (Mentoring, Coaching, Training), um sie auf ihrem Studienweg optimal zu begleiten. Außerdem wird eine Community-Network-Plattform entwickelt, die sowohl Studienanfänger:inne:n den Studieneinstieg erleichtert, als auch Höhersemestrigen und Lehrenden entsprechende Unterstützung bietet. Ziel ist die optimale Begleitung und Unterstützung der Studierenden in schwierigen Studienabschnitten, was auf zwei Wegen passieren soll: Einerseits, dass Studierende sich selbst besser kennenlernen (z.B. Wer bin ich? Was sind meine Wünsche? Was möchte ich erreichen?) und andererseits, dass Studierende sich untereinander besser vernetzen können (z.B. Wer sind meine Kommiliton:innen? Was sind unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Wen kann ich um Unterstützung bitten?). Langfristiges Ziel unseres Projektes ist eine bessere Identifikation mit dem eigenen Studium und der Universität, bessere soziale Eingebundenheit und daraus resultierende Motivation für das Studium.

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