Louisa Theresa Hutzler

FachbereichKunst-, Musik- und Tanzwissenschaft
Hauptbetreuer/inUniv.-Prof. Dr. MA Nils Grosch
Nebenbetreuer/inUlrike Präger
BeginnWS 2020/21
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Thema der DissertationTranskulturalität in der musikalischen Praxis. Künstlerische Teilhabe in multiethnischen Ensembles
 

Abstract

Musikalische Praxis in transkulturellen Ensembles zeigt, in welcher Weise gesellschaftlicher Wandel durch Migration von Musiker:innen mit und ohne Migrationsbiografie wahrgenommen und in musikalische Veränderungsprozesse umgesetzt wird. Musik ermöglicht bei der Untersuchung der Zusammenhänge zwischen künstlerischer Interaktion und sozialen Strukturen innerhalb dieser Ensembles einen besonderen Zugang zum theoretischen Verstehen dieser Prozesse. Die Betrachtung der künstlerischen Arbeit transkultureller Musikgruppen wirft zum einen Fragen nach Translation zwischen musikalischen Systemen sowie dem Umgang mit kulturellen Parametern musikalischer Stilistiken auf. Zum anderen steht die Bedeutung des kulturspezifischen Hintergrundes und der musikalischen Erfahrungen der Akteur:innen im Zentrum. Basierend auf meinen ethnografischen Untersuchungen von multiethnischen Ensembles beschreibe ich, wie diese Fragen in den konkreten Momenten des Musizierens verhandelt werden und nähere mich so einer neuen Generation von „Weltmusiker:innen“, die Stil- und Genregrenzen verschiebt und deren musikalischer Ausdruck auch mit aktuellen postkolonialen Diskursen in Verbindung steht. In der Arbeit dieser Ensembles bilden sich Veränderungsprozesse auf der Ebene des musikalischen Handelns einer- und auf der Ebene des musikalischen Materials andererseits ab. Ethnografische Methoden wie Interviews und teilnehmende Beobachtung bei Proben und die musikalische Analysis der synkretischen Musikformen, die von den Musiker:innen selbst komponiert oder arrangiert werden, ermöglichen vor dem Hintergrund der künstlerischen Teilhabe Zugang zur Bedeutung von transkulturellen Begegnungen in der Musik. Von besonderem Interesse ist dabei auch das Zusammenspiel unterschiedlicher musikalischer Sozialisationen, Wege, Stücke zu erarbeiten, Proben zu organisieren und Musik zu fixieren. Erkenntnisse zur Rolle der kulturellen Wurzeln der Akteur:innen innerhalb solcher Strukturen lassen wichtige Rückschlüsse auf die Konstruktion kultureller Unterschiede und Eigenheiten und deren Bedeutung für die künstlerische Arbeit zu. An konkreten Musikstücken kann so nachvollzogen werden, wie der Umgang mit kulturellen Wurzeln musikalischer Stilistiken und damit verbundene originale Klangvorstellungen und Elemente der musikalischen Sprache in der jeweiligen kulturellen Zuschreibung in verschiedene Bedeutungszusammenhänge gebracht werden. Sie sind zum großen Teil Ergebnis des musikalischen (Ver-)Handelns. Es stellt sich in diesem Zusammenhang neben der Frage nach der diskursiven Einbettung dieser Ensembles in der Öffentlichkeit – Wer bestimmt die Konzepte, wer verteilt die Rollen, bei wem liegen “Deutungshoheiten”? – auch die nach der Bedeutung von kultureller Mobilität für diese musikalischen Veränderungsprozesse, die einen kulturellen Wandel von Migrationsgesellschaften in den urbanen Räumen Europas kennzeichnen.